Wie
soll man etwas schreiben, was nicht schon geschrieben ist, was
schließlich ich selbst noch nicht geschrieben habe und das noch
zusätzlich für jene interessant wäre, die keinen direkten Bezug
zum Thema haben mit dem ich mich beschäftige? Das ist schwer,
genauer gesagt, sehr schwer. Vor allem aus meiner Sicht, die auf
ein Leben in einem kleinen, neu entstandenen Staat zurückzuführen
ist, von dessen Existenz nur die nächsten Nachbarn etwas wissen
und jene, die sich professionell mit solchen Staaten beschäftigen.
Auch für das, wofür es bekannt ist ...
Doch es gibt etwas relativ Universelles, was mich gerade angefangen
hat in diesen Tagen zu quälen. Trotz des vor kurzem beendeten
fünfjährigen Krieges lebt dieses Land heute, also ob es keinen
Krieg gegeben hätte. Auf den ersten Blick. Gerade ist die Sommersaison
vorbei, voller Touristen aus allen Ecken der Welt. Darunter waren
auch einige meiner Freunde, die mich zu dieser Zeit besuchen.
So entspannt wie Menschen im Urlaub, haben sie nebenbei zufrieden
festgestellt, dass der Krieg weit hinter uns liege, dass sie nichts
mehr daran erinnere, dass ... Ich habe versucht mit ihnen darüber
zu diskutieren, ich habe es aber aufgegeben. Warum soll gerade
ich ihnen den Urlaub ruinieren? Vielleicht ist es übrigens auch
besser so, dass sie Derartiges denken, weil sie auch nächstes
Jahr wieder kommen werden und auch danach. Bis dahin wird es vielleicht
wahrlich auch so sein. Schließlich stimme ich mit ihrer Ansicht
überein - auf den ersten Blick.
Wie auch alle Saisonen, so ist auch diese vorbei, und wir bleiben
allein mit uns selbst und unseren Erinnerungen.
Was erinnert überhaupt die anderen an Tragödien, an denen sie
glücklicherweise nicht beteiligt waren? Weder sie noch jemand
ihrer Nächsten. Wie können sie ihre schrecklichen Folgen erkennen,
wenn sie vom historischen Standpunkt aus beendet sind? Wissen
Sie, alle Tragödien haben ihr Anfangsdatum und ihr Enddatum, und
nur diese Daten bleiben im Gedächtnis und nur Weniges von dem,
was dazwischen geschehen ist?
Ich schaue mir in diesen Tagen im Fernsehen eine Sendung an über
zahlreiche Projekte für den Bau eines neuen Zentrums an jener
Stelle, das am 11.9.2001 verschwand, das von umnachteten Köpfen
zusammen mit zahlreichen unschuldigen Opfern weggefegt wurde.
Schöne Projekte. Interessant, sogar für mich als Laien. Einer
de Architekten wird sicherlich Weltrum mit seinem Bau erlangen,
egal wie man es später nennen wird. Die Mehrzahl der Projekte
symbolisiert angeblich die unbeschreibliche Tragödie dieses Ortes.
Womit? Mit ihrem wenig alltäglichen Aussehen? Mit ihren vielen
Bögen und Arkaden, die ausschauen wie ... wie was? Fragen Sie
die Verwandten der Opfer, womit sie das alles assoziieren! Fragen
Sie Touristen eines weit in der Zukunft liegenden Tages, wenn
sie sich neben diesem grandiosen Projekt fotografieren lassen,
ob sie wissen, warum es so ausschaut wie es ausschauen wird? Denken
Sie, dass sie es wissen werden? Einige vielleicht, so auf den
ersten Blick.
Man sagt, dass das Leben weitergehe, dass man bauen müsse, dass
das der Sieg des Lebens über den Tod sei ..., vielleicht. Doch
was machen wir mit jenen, für die das Leben an dieser Stelle an
einem, auf den ersten Blick, gewöhnlichen Tag im September in
einem, auf den ersten Blick, gewöhnlichen Jahr, stehen geblieben
ist. Wie werden sie in diesem monumentalen Gebäude erkannt werden?
Vielleicht hätten sie an dieser schon historischen Stelle doch
eine Leere lassen sollen, jene gleiche Leere, die diese Tragödie
in den Herzen vieler hinterlassen hat, die dort jemanden verloren
haben. Stellen Sie sich diese Leere mitten in dieser überbevölkerten
Megapolis vor! Gibt es irgend jemanden Normalen, der sich nicht
fragen würde, wie und warum sie entstanden ist? Die sich mit ihrer
Existenz so sehr von allem anderen um sich herum unterscheiden
würde, genau so wie dieser Tag im September sich von allen anderen
Tagen in jenem Jahr unterschied. Die jeden, auch den zufälligen
Passanten, egal aus welcher Ecke der Welt er auch kommen mag,
daran erinnert, dass auch er dort in diesem Jahr sehr viel verloren
hat. Vielleicht würden sie sich so dessen bewußt werden, dass
die Tragödien nicht mit den offiziellen Daten in den historischen
Lehrbüchern enden.
Doch die Leere wird ausgefüllt, und das Leben wird weitergehen.
Und dann wird jemand, indem er die Strukturen des neuen Gebäudes
bewundert, irgendeinen Newyorker trösten, wie alles so ausschaue,
als ob nichts passiert wäre. Und dieser wird zugeben, ob er das
will oder nicht, dass es tatsächlich so ausschaut, auf den ersten
Blick. Und auf den zweiten? Für den zweiten Blick hat diese Zivilisation
keine Zeit, was sie am Ende irgendwann die Existenz kosten wird.
Ach ja. Vielleicht gibt es einen Kompromiss, vielleicht hätten
sie als Bedingung für den Wettbewerb dieses neuen Projekts auch
die Verpflichtung für die Projektanten stellen sollen, dass sie
wenigstens einen Monat mit einer der Familien verbringen sollten,
die jemanden in diesem Zentrum verloren haben. Der Symbolik wegen.
Wer weiß, was da heraus käme?
Schließlich erlaube ich mir, dass vielleicht auch ich alles falsch
sehe. Ich kann nicht einmal mit den Gespenstern der eigenen Vergangenheit
auskommen, ganz zu schweigen mit den fremden. Es scheint mir irgendwie,
dass die Tragödie vom 11.9.2001 unsere gemeinsame Tragödie ist,
genau so wie die vor kurzer Zeit passierte Tragödie meines Landes,
wie auch jene, die gerade geschehen oder erst kommen werden in
der ganzen gemeinsamen Welt ... der einzigen, die wir haben, unabhängig
davon, als ob es einigen so schiene, als wäre es nicht so.
Intelligente
Bomben
Ich lebe in einem Land über dessen schwachen Körper vor kurzem
ein fünfjähriger Krieg hinwegging. Das ist ein fast natürlicher
Zyklus, der sich in diesen Gebieten für vernünftige Menschen aus
unbegreiflichen Gründen regelmäßig in einem Rhythmus wiederholt,
der es nicht zulässt, dass diese nicht alltägliche Erfahrung keine
der hiesigen Generationen, wie auch die meine, auslässt. Hier
haben der Zeitfluss, das Heranreifen des Bewußtseins und die Entwicklung
der Demokratie keinen Einfluss auf den periodischen Meinungsaustausch
mit dem Gewehr. Ich lebe in einem Land, wo zum Beispiel die Volksabstimmungen
als die älteste Form der zivilisatorischen Ausdrucksweise der
Volksmeinung nur für jene Fragen durchgeführt werden, die in sich
augenscheinlich nur neue Konflikte mit sich bringen, dieser oder
jener Art. Feinde gibt es immer, nicht wahr? Falls es sie nicht
gibt, um so schlimmer für sie. Wir werden sie erfinden.
Ich vergaß zu erwähnen: ich liebe mein Land, auch wenn es unvollkommen
ist. Übrigens, wer ist vollkommen?
Doch ich gebe auch zu, dass es manchmal nicht leicht ist in einem
Land zu leben, wo die Lautstärke der Hymne wichtiger als ein voller
Bauch ist. Gut, jemand ist mehr und der andere ist weniger musikalisch,
doch wenn es um Hymnen geht, da braucht man nur ein gutes Gehör,
damit man sie rechtzeitig hört. Das alles ist vor allem eine Frage
der Erfahrung. Die Gewohnheit ist anderer Natur, nicht wahr? Hand
aufs Herz, ein wenig irritiert auch die Tatsache, dass man in
einem Land lebt, in dem die Vergangenheit wichtiger ist als die
Gegenwart und auf die Zukunft doch niemand Rücksicht nimmt, denn
sie ist so ungewiss, dass es keinen Zweck hat dafür Zeit zu verlieren.
Wenn man die Karten für die Zukunft einsetzt, die jemand in deinem
Namen bereits verspielt hat, ist das definitiv kein sinnvoller
Grund für das Warten auf den morgigen Tag. Hätten diese hochstaplerischen
Spieler wenigstens die Grundregeln des Spielens gekannt, abgesehen
von jenen feinen unsichtbaren Nuancen, von denen das Ergebnis
des Einsatzes abhängt, hätte sie ein besseres Los gezogen. Doch
mit der Zeit findet man sich auch damit ab.
Es liegt in der menschlichen Natur, dass man hofft, auch wenn
es keinen Sinn hat. Es gibt verschiedene Hoffnungen. Jene großen,
die Priorität haben, die dich ständig verfolgen und jene nebensächlichen,
austauschbaren, für den Fall, dass die ersten zu Grunde gehen
oder dass sie jemand irrtümlich verbietet. Und so treffe ich,
wie auch der Rest der Welt, geleitet durch eigene Bedrängnisse
und Ängste, von Zeit zu Zeit die unwiderrufliche Entscheidung
mein Tal der Tränen zu verlassen und ein neues Ersatztal auf einem
anderen Teil des Planeten, voller Blumen und Schönheit zu finden,
das seine Vergangenheit mit Würde begraben hat und in dem heute
die Zukunft verweilt. So kommt es auch in diesen Tagen ganz von
allein zu so einer Art Entscheidung.
Da die Heimat doch nicht jeden Tag austauschbar und die Welt ein
globales Dorf ist, mache ich mich auf die Suche nach dem gelobten
Land. Ich schalte das Satellitenfernsehen ein, mein Fenster zu
Welt, und begann mit der Suche und erlebte einen Schock. Statt
des Zaubertals fielen alle möglichen Arten von Bomben aus dem
Bildschirm auf mich: dumme, intelligente, große, kleine, Kurzstreckenbomben
und Langstreckenbomben, Bomben mit großer Zerstörungskraft, Bomben
mit etwas geringerer Zerstörungskraft, und dann kam die Mutter
aller Bomben mit einer Nachkommenschaft, deren Zahl nicht einmal
zu erahnen ist... Unter diesen „Sternschnuppen“ sieht man immer
wieder die angsterfüllten Augen eines überlebenden Kindes, dessen
Heim gerade in Schutt und Asche gelegt wurde, da eine der intelligenten
Bomben einen schlechten Tag hatte; danach die Augen voller Schrecken
eines jungen Mannes aus Texas, der auf einmal über Nacht, Tausende
von Kilometern von seinem Heim entfernt, ein Kriegsgefangener
geworden ist ... Flüchtlinge, Vertriebene, Menschen guten Willens
und mehr Menschen schlechten Willens ... In den Parks irgendwelcher
schönen Städte spazieren ernsthafte Menschen in Uniformen mit
dazu dressierten Hunden, die bellen wenn sie Unglück schnuppern.
Warum brauchen sie dafür Hunde? Hier heulten die Menschen in den
Himmel, aber niemand hörte auf sie.
Mein Gott, gibt es überhaupt noch Hoffnung? Vielleicht? Erst dann,
wenn es niemanden mehr, aber wirklich niemanden in den Sinn kommt,
eine Bombe „intelligent“ zu nennen.