Dražan Gunjaèa

Auf den ersten Blick

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. Alle Menschen sind brüder
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die AUSGABEN :
- Der Preis der Heimat
- Balkan-roulette
- Im Schatten des Verstande
- Liebe als Strafe
- Auf Halbem Wege zum Himmel
- Wenn es mich nicht mehr gibt
- Gute Nacht , Freunde!
- Alle Menschen sind brüder
- Träume haben keinen Preis



 

Wie soll man etwas schreiben, was nicht schon geschrieben ist, was schließlich ich selbst noch nicht geschrieben habe und das noch zusätzlich für jene interessant wäre, die keinen direkten Bezug zum Thema haben mit dem ich mich beschäftige? Das ist schwer, genauer gesagt, sehr schwer. Vor allem aus meiner Sicht, die auf ein Leben in einem kleinen, neu entstandenen Staat zurückzuführen ist, von dessen Existenz nur die nächsten Nachbarn etwas wissen und jene, die sich professionell mit solchen Staaten beschäftigen. Auch für das, wofür es bekannt ist ...
Doch es gibt etwas relativ Universelles, was mich gerade angefangen hat in diesen Tagen zu quälen. Trotz des vor kurzem beendeten fünfjährigen Krieges lebt dieses Land heute, also ob es keinen Krieg gegeben hätte. Auf den ersten Blick. Gerade ist die Sommersaison vorbei, voller Touristen aus allen Ecken der Welt. Darunter waren auch einige meiner Freunde, die mich zu dieser Zeit besuchen. So entspannt wie Menschen im Urlaub, haben sie nebenbei zufrieden festgestellt, dass der Krieg weit hinter uns liege, dass sie nichts mehr daran erinnere, dass ... Ich habe versucht mit ihnen darüber zu diskutieren, ich habe es aber aufgegeben. Warum soll gerade ich ihnen den Urlaub ruinieren? Vielleicht ist es übrigens auch besser so, dass sie Derartiges denken, weil sie auch nächstes Jahr wieder kommen werden und auch danach. Bis dahin wird es vielleicht wahrlich auch so sein. Schließlich stimme ich mit ihrer Ansicht überein - auf den ersten Blick.
Wie auch alle Saisonen, so ist auch diese vorbei, und wir bleiben allein mit uns selbst und unseren Erinnerungen.
Was erinnert überhaupt die anderen an Tragödien, an denen sie glücklicherweise nicht beteiligt waren? Weder sie noch jemand ihrer Nächsten. Wie können sie ihre schrecklichen Folgen erkennen, wenn sie vom historischen Standpunkt aus beendet sind? Wissen Sie, alle Tragödien haben ihr Anfangsdatum und ihr Enddatum, und nur diese Daten bleiben im Gedächtnis und nur Weniges von dem, was dazwischen geschehen ist?
Ich schaue mir in diesen Tagen im Fernsehen eine Sendung an über zahlreiche Projekte für den Bau eines neuen Zentrums an jener Stelle, das am 11.9.2001 verschwand, das von umnachteten Köpfen zusammen mit zahlreichen unschuldigen Opfern weggefegt wurde. Schöne Projekte. Interessant, sogar für mich als Laien. Einer de Architekten wird sicherlich Weltrum mit seinem Bau erlangen, egal wie man es später nennen wird. Die Mehrzahl der Projekte symbolisiert angeblich die unbeschreibliche Tragödie dieses Ortes. Womit? Mit ihrem wenig alltäglichen Aussehen? Mit ihren vielen Bögen und Arkaden, die ausschauen wie ... wie was? Fragen Sie die Verwandten der Opfer, womit sie das alles assoziieren! Fragen Sie Touristen eines weit in der Zukunft liegenden Tages, wenn sie sich neben diesem grandiosen Projekt fotografieren lassen, ob sie wissen, warum es so ausschaut wie es ausschauen wird? Denken Sie, dass sie es wissen werden? Einige vielleicht, so auf den ersten Blick.
Man sagt, dass das Leben weitergehe, dass man bauen müsse, dass das der Sieg des Lebens über den Tod sei ..., vielleicht. Doch was machen wir mit jenen, für die das Leben an dieser Stelle an einem, auf den ersten Blick, gewöhnlichen Tag im September in einem, auf den ersten Blick, gewöhnlichen Jahr, stehen geblieben ist. Wie werden sie in diesem monumentalen Gebäude erkannt werden?
Vielleicht hätten sie an dieser schon historischen Stelle doch eine Leere lassen sollen, jene gleiche Leere, die diese Tragödie in den Herzen vieler hinterlassen hat, die dort jemanden verloren haben. Stellen Sie sich diese Leere mitten in dieser überbevölkerten Megapolis vor! Gibt es irgend jemanden Normalen, der sich nicht fragen würde, wie und warum sie entstanden ist? Die sich mit ihrer Existenz so sehr von allem anderen um sich herum unterscheiden würde, genau so wie dieser Tag im September sich von allen anderen Tagen in jenem Jahr unterschied. Die jeden, auch den zufälligen Passanten, egal aus welcher Ecke der Welt er auch kommen mag, daran erinnert, dass auch er dort in diesem Jahr sehr viel verloren hat. Vielleicht würden sie sich so dessen bewußt werden, dass die Tragödien nicht mit den offiziellen Daten in den historischen Lehrbüchern enden.
Doch die Leere wird ausgefüllt, und das Leben wird weitergehen. Und dann wird jemand, indem er die Strukturen des neuen Gebäudes bewundert, irgendeinen Newyorker trösten, wie alles so ausschaue, als ob nichts passiert wäre. Und dieser wird zugeben, ob er das will oder nicht, dass es tatsächlich so ausschaut, auf den ersten Blick. Und auf den zweiten? Für den zweiten Blick hat diese Zivilisation keine Zeit, was sie am Ende irgendwann die Existenz kosten wird.
Ach ja. Vielleicht gibt es einen Kompromiss, vielleicht hätten sie als Bedingung für den Wettbewerb dieses neuen Projekts auch die Verpflichtung für die Projektanten stellen sollen, dass sie wenigstens einen Monat mit einer der Familien verbringen sollten, die jemanden in diesem Zentrum verloren haben. Der Symbolik wegen. Wer weiß, was da heraus käme?
Schließlich erlaube ich mir, dass vielleicht auch ich alles falsch sehe. Ich kann nicht einmal mit den Gespenstern der eigenen Vergangenheit auskommen, ganz zu schweigen mit den fremden. Es scheint mir irgendwie, dass die Tragödie vom 11.9.2001 unsere gemeinsame Tragödie ist, genau so wie die vor kurzer Zeit passierte Tragödie meines Landes, wie auch jene, die gerade geschehen oder erst kommen werden in der ganzen gemeinsamen Welt ... der einzigen, die wir haben, unabhängig davon, als ob es einigen so schiene, als wäre es nicht so.

Intelligente Bomben


Ich lebe in einem Land über dessen schwachen Körper vor kurzem ein fünfjähriger Krieg hinwegging. Das ist ein fast natürlicher Zyklus, der sich in diesen Gebieten für vernünftige Menschen aus unbegreiflichen Gründen regelmäßig in einem Rhythmus wiederholt, der es nicht zulässt, dass diese nicht alltägliche Erfahrung keine der hiesigen Generationen, wie auch die meine, auslässt. Hier haben der Zeitfluss, das Heranreifen des Bewußtseins und die Entwicklung der Demokratie keinen Einfluss auf den periodischen Meinungsaustausch mit dem Gewehr. Ich lebe in einem Land, wo zum Beispiel die Volksabstimmungen als die älteste Form der zivilisatorischen Ausdrucksweise der Volksmeinung nur für jene Fragen durchgeführt werden, die in sich augenscheinlich nur neue Konflikte mit sich bringen, dieser oder jener Art. Feinde gibt es immer, nicht wahr? Falls es sie nicht gibt, um so schlimmer für sie. Wir werden sie erfinden.
Ich vergaß zu erwähnen: ich liebe mein Land, auch wenn es unvollkommen ist. Übrigens, wer ist vollkommen?
Doch ich gebe auch zu, dass es manchmal nicht leicht ist in einem Land zu leben, wo die Lautstärke der Hymne wichtiger als ein voller Bauch ist. Gut, jemand ist mehr und der andere ist weniger musikalisch, doch wenn es um Hymnen geht, da braucht man nur ein gutes Gehör, damit man sie rechtzeitig hört. Das alles ist vor allem eine Frage der Erfahrung. Die Gewohnheit ist anderer Natur, nicht wahr? Hand aufs Herz, ein wenig irritiert auch die Tatsache, dass man in einem Land lebt, in dem die Vergangenheit wichtiger ist als die Gegenwart und auf die Zukunft doch niemand Rücksicht nimmt, denn sie ist so ungewiss, dass es keinen Zweck hat dafür Zeit zu verlieren. Wenn man die Karten für die Zukunft einsetzt, die jemand in deinem Namen bereits verspielt hat, ist das definitiv kein sinnvoller Grund für das Warten auf den morgigen Tag. Hätten diese hochstaplerischen Spieler wenigstens die Grundregeln des Spielens gekannt, abgesehen von jenen feinen unsichtbaren Nuancen, von denen das Ergebnis des Einsatzes abhängt, hätte sie ein besseres Los gezogen. Doch mit der Zeit findet man sich auch damit ab.
Es liegt in der menschlichen Natur, dass man hofft, auch wenn es keinen Sinn hat. Es gibt verschiedene Hoffnungen. Jene großen, die Priorität haben, die dich ständig verfolgen und jene nebensächlichen, austauschbaren, für den Fall, dass die ersten zu Grunde gehen oder dass sie jemand irrtümlich verbietet. Und so treffe ich, wie auch der Rest der Welt, geleitet durch eigene Bedrängnisse und Ängste, von Zeit zu Zeit die unwiderrufliche Entscheidung mein Tal der Tränen zu verlassen und ein neues Ersatztal auf einem anderen Teil des Planeten, voller Blumen und Schönheit zu finden, das seine Vergangenheit mit Würde begraben hat und in dem heute die Zukunft verweilt. So kommt es auch in diesen Tagen ganz von allein zu so einer Art Entscheidung.
Da die Heimat doch nicht jeden Tag austauschbar und die Welt ein globales Dorf ist, mache ich mich auf die Suche nach dem gelobten Land. Ich schalte das Satellitenfernsehen ein, mein Fenster zu Welt, und begann mit der Suche und erlebte einen Schock. Statt des Zaubertals fielen alle möglichen Arten von Bomben aus dem Bildschirm auf mich: dumme, intelligente, große, kleine, Kurzstreckenbomben und Langstreckenbomben, Bomben mit großer Zerstörungskraft, Bomben mit etwas geringerer Zerstörungskraft, und dann kam die Mutter aller Bomben mit einer Nachkommenschaft, deren Zahl nicht einmal zu erahnen ist... Unter diesen „Sternschnuppen“ sieht man immer wieder die angsterfüllten Augen eines überlebenden Kindes, dessen Heim gerade in Schutt und Asche gelegt wurde, da eine der intelligenten Bomben einen schlechten Tag hatte; danach die Augen voller Schrecken eines jungen Mannes aus Texas, der auf einmal über Nacht, Tausende von Kilometern von seinem Heim entfernt, ein Kriegsgefangener geworden ist ... Flüchtlinge, Vertriebene, Menschen guten Willens und mehr Menschen schlechten Willens ... In den Parks irgendwelcher schönen Städte spazieren ernsthafte Menschen in Uniformen mit dazu dressierten Hunden, die bellen wenn sie Unglück schnuppern. Warum brauchen sie dafür Hunde? Hier heulten die Menschen in den Himmel, aber niemand hörte auf sie.
Mein Gott, gibt es überhaupt noch Hoffnung? Vielleicht? Erst dann, wenn es niemanden mehr, aber wirklich niemanden in den Sinn kommt, eine Bombe „intelligent“ zu nennen.

 

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