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. Träume haben keinen Preis
- Notiz des Redakteurs

die AUSGABEN :
- Der Preis der Heimat
- Balkan-roulette
- Im Schatten des Verstande
- Liebe als Strafe
- Auf Halbem Wege zum Himmel
- Wenn es mich nicht mehr gibt
- Gute Nacht , Freunde!
- Alle Menschen sind brüder
- Träume haben keinen Preis
Balkan-Aquarell



 

Träume kann man nicht kaufen, sagt Drazan Gunjaca im Titel seines fünften Romans und verunsichert den Leser schon zu Beginn, wie dieser Sinn zu deuten ist: ist der Wert von Träumen festzulegen oder sind sie umsonst? Indem er den Lesern diesen doppeldeutigen Schlüssel der Rezeption und Interpretation anbietet, den er konsequent durch die Fabula des Romans entwickelt und sich des Inventars der formal stilistischen Muster und Mittel bedient, die schon in den vorhergehenden Romanen erprobt und bis zur äußerlichen textuellen Funktionalität gebracht wurden, setzt Gunjaca seine konsequente und tiefgehende Überlegung desjenigen durch, was Norbert Elias humana conditio nennt, in ihrer heute wahrscheinlich empfindlichsten, heikelsten Erscheinungsform, dem Anderssein.
Zeit und Ort und die Umstände, in denen er das macht, sind für so etwas undankbar, deswegen verwundert es auch nicht, dass sich schließlich in Gunjacars Begriffswelt der Traum als Möglichkeit der Überwindung ungünstiger Zeiten, Orte und Umstände herauskristallisiert hat. Das ist der selbe Traum, den viele geträumt haben, wie der Traum von Martin Luther King von der Gleichheit aller Menschen: I have a dream. In seiner christlichen Hoffnung verkündigte Luther King, das war vor ungefähr vierzig Jahren, den Wert des Lebens der Träume, der Unangepasstheit und des Nichtakzeptierens der Realität, die den grundlegenden menschlichen Werten widerspricht. Dieser unschätzbare gelebte Traum (der natürlich gar nichts mit dem Leben in den Träumen zu tun hat) ist Gunjacas Traum, der gelebte Traum eines Menschen, der wegen sich, aber auch wegen anderer, nicht taub geworden ist beim gewalttätig unterbrochenen Traum Luthers, der um seine menschliche (Trans) Substanz zu erhalten die Menschlichkeit des Anderen akzeptiert. Denn dieser Andere ist der Nächste, den man so lieben sollte, wie es uns die Heilige Katharina von Siena ohne Einschränkungen am Anfang ihres Buches der Göttlichen Vorsehung aufgetragen hat. Der Wert derTräume ist wirklich nicht festzulegen.
Doch auf der anderen Seite hat Martin Luther King sein Träumen vor der versammelten Menge in Washington mit dem Leben bezahlt.Sein Traum in Kollision mit der Zeit, dem Ort und den Umständen, erwies sich als umsonst, wertlos, tatsächlich aber lebensgefährlich. Genau so wertlos erweist sich der gemeinsame Traum von der Freundschaft der beiden Protagonisten des neuen Romans von Gunjaca, die immer wieder von neuem sterben, nach jeder Kollision mit der Zeit, dem Ort und den Umständen, denen sie sich nicht nur anpassen können, sondern auch nicht anpassen wollen wegen ihrer Freundschaft und ihres eigenen Wesens.
Das ist die Geschichte von (der) zwei Antihelden, über (von) zwei unagepasste(n) Verlierer(n), über denen ununterbrochen das Schwert des Damokles der gewaltsamen Unterbrechung des gemeinsamen Traumes schwebt. Denn sie leben in Zeiten und an Orten, an denen die Umstände die Träume in Alpträume, in einen allgemeinen Horror verwandelt haben, in denen es keinen Platz für Nuancen, Feinfühligkeit und Geist gibt. Nur formlose Dunkelheit, die alles in ihrer Nichtigkeit ertränken möchte. Gunjacas Verlierer widersetzen sich dem gewaltig, so wie sie es können und verstehen, meistens indem sie sich gegenseitig ständigem Hinterfragen unterziehen, tiefgehendem psycholgischen Suchen nach jenen Gefühlen und Gedanken, die die letzten Funken sind, die in dieser unübersehbaren Dunkelheit aufleuchten. Aber da sie Verlierer, Antihelden sind, machen sie das konsequent, mit viel Ironie und Selbstironie, wechselseitigem Sarkasmus, der nicht selten wohlwollende Schadenfreude sein kann. Wie es sich auch für zwei national "nicht bewußte" Freunde, einen Serben und einen Kroaten, gehört, die sich national nicht "bewußt" werden wollen, bzw. aufwachen und schließlich Feinde werden.
Für dieses zusammengesetzte Spiel zwischen zwei einen Traum verfolgenden Antihelden und der Welt als Ach-Realiltät, die sie umgibt, machte Gunjaca eine wesentliche Umkehr in seinem kompositorischen Modellbau der textuellen Welt. Von dem bisherigen "Roman - Fresco", in dem der Held - Erzähler, durch seine autobiographische Geschichte die Türe für zahlreiche Gestalten "öffnet", die danach souverän den Roman beherrschen und den Erzähler auf eine Art Chronisten zurückführen, ging Gunjaca zu einem "Dialog-Roman" über, wo ständig im Brennpunkt zwei Antihelden stehen, ob allein oder gemeinsam, während alle anderen Figuren auf Elemente des Hintergrundes, des Ambiente reduziert sind und nur selten auf das Niveau des Leitmotivs gehoben werden, die das verworrene psychologische Duett - Duell vermitteln, das sich im Laufe des ganzen Romans zwischen den Protagonisten abspielt. Dieser Zugang zur Kompostion läßt auf der einen Seite die Verwandlung des intellektuellen Stoffes, aus dem der Roman zusammengesetzt ist zu einem privaten Autorenbrevier nicht zu, während auf der anderen Seite verhindert wird, dass es zu leeren Allgemeinplätzen verwandelt wird. Es steht ständig auf des Messers Schneide und droht das Gewebe des Textes zu durchtrennen, doch dazu kommt es nie dank Gunjacas Kunst und seinem unfehlbaren Gefühl für Rythmus und für die Grenze der möglichen emotionellen und psychologischen Nutzung einzelner Bauelemente. Das neue Kompositonsverfahren beeinflusst im wesentlichen auch das Ambiente, so dass es von dem für Gunjaca gewöhnlich fast Naturalistischem symbolisch geworden ist, indem es den physischen Raum bzw. die physischen Räume in fast magische Räume divergenter, heterodoxer kultureller und zivilisatorischer Symbole, Wahrzeichen und Werte, subversiver Dekomposition des negativen zerstörerischen Geistes der Zeit verwandelt und eine neue (all)menschliche Sensibililtät herstellt.
Die kompositorische Wende bedingte nicht die stilistischen Veränderungen, so dass auch dieser Roman in bekannter Manier Gunjacas geschrieben wurde, die immer den Vorrang der wahren, gesprochenen Sprache vor der literarischen gibt. Bei dieser Gelegenheit schrieb Gunjaca einen Roman in kroatischer und serbischer Sprache und erzielte auf diese Weise ein typisches bilinguales stilistisches Pasticcio, das ihn an zeitgenössische Erfahrungen der Borderline-Literatur annähert, wie im Wortwörtlichen so auch in der psychiatrischen Bedeutung des englischen Begriffs.
In seiner Suche nach Menschen guten Willens, denen er diesen Roman gewidmet hat, bietet Gunjaca seinen Lesern gerade das: zwei Borderline-Fälle, denen es gelingt ihre psychischen Störungen in neurotisches Verhalten umzuwandeln, die durch ihre Sinnsuche versuchen jenes zu finden, was die Hyperaktivität der anderen verloren hat, den Logos, und verweist uns darauf, dass in einer kranken Gesellschaft gesunde Personen scheinbar krank aussehen. In allen Witzen über Verrückte ist ihre Umgebung wirklich verrückt, doch dessen ist sie sich (leider) nicht bewußt. In dieser Realität sind Träume wahrlich nicht zu kaufen, unabhängig wie die Bedeutung dieser Aussage zu deuten ist.
Mr.sc.Srda Orbanic

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