Träume
kann man nicht kaufen, sagt Drazan Gunjaca im Titel seines fünften
Romans und verunsichert den Leser schon zu Beginn, wie dieser
Sinn zu deuten ist: ist der Wert von Träumen festzulegen oder
sind sie umsonst? Indem er den Lesern diesen doppeldeutigen Schlüssel
der Rezeption und Interpretation anbietet, den er konsequent durch
die Fabula des Romans entwickelt und sich des Inventars der formal
stilistischen Muster und Mittel bedient, die schon in den vorhergehenden
Romanen erprobt und bis zur äußerlichen textuellen Funktionalität
gebracht wurden, setzt Gunjaca seine konsequente und tiefgehende
Überlegung desjenigen durch, was Norbert Elias humana conditio
nennt, in ihrer heute wahrscheinlich empfindlichsten, heikelsten
Erscheinungsform, dem Anderssein.
Zeit und Ort und die Umstände, in denen er das macht, sind für
so etwas undankbar, deswegen verwundert es auch nicht, dass sich
schließlich in Gunjacars Begriffswelt der Traum als Möglichkeit
der Überwindung ungünstiger Zeiten, Orte und Umstände herauskristallisiert
hat. Das ist der selbe Traum, den viele geträumt haben, wie der
Traum von Martin Luther King von der Gleichheit aller Menschen:
I have a dream. In seiner christlichen Hoffnung verkündigte Luther
King, das war vor ungefähr vierzig Jahren, den Wert des Lebens
der Träume, der Unangepasstheit und des Nichtakzeptierens der
Realität, die den grundlegenden menschlichen Werten widerspricht.
Dieser unschätzbare gelebte Traum (der natürlich gar nichts mit
dem Leben in den Träumen zu tun hat) ist Gunjacas Traum, der gelebte
Traum eines Menschen, der wegen sich, aber auch wegen anderer,
nicht taub geworden ist beim gewalttätig unterbrochenen Traum
Luthers, der um seine menschliche (Trans) Substanz zu erhalten
die Menschlichkeit des Anderen akzeptiert. Denn dieser Andere
ist der Nächste, den man so lieben sollte, wie es uns die Heilige
Katharina von Siena ohne Einschränkungen am Anfang ihres Buches
der Göttlichen Vorsehung aufgetragen hat. Der Wert derTräume ist
wirklich nicht festzulegen.
Doch auf der anderen Seite hat Martin Luther King sein Träumen
vor der versammelten Menge in Washington mit dem Leben bezahlt.Sein
Traum in Kollision mit der Zeit, dem Ort und den Umständen, erwies
sich als umsonst, wertlos, tatsächlich aber lebensgefährlich.
Genau so wertlos erweist sich der gemeinsame Traum von der Freundschaft
der beiden Protagonisten des neuen Romans von Gunjaca, die immer
wieder von neuem sterben, nach jeder Kollision mit der Zeit, dem
Ort und den Umständen, denen sie sich nicht nur anpassen können,
sondern auch nicht anpassen wollen wegen ihrer Freundschaft und
ihres eigenen Wesens.
Das ist die Geschichte von (der) zwei Antihelden, über (von) zwei
unagepasste(n) Verlierer(n), über denen ununterbrochen das Schwert
des Damokles der gewaltsamen Unterbrechung des gemeinsamen Traumes
schwebt. Denn sie leben in Zeiten und an Orten, an denen die Umstände
die Träume in Alpträume, in einen allgemeinen Horror verwandelt
haben, in denen es keinen Platz für Nuancen, Feinfühligkeit und
Geist gibt. Nur formlose Dunkelheit, die alles in ihrer Nichtigkeit
ertränken möchte. Gunjacas Verlierer widersetzen sich dem gewaltig,
so wie sie es können und verstehen, meistens indem sie sich gegenseitig
ständigem Hinterfragen unterziehen, tiefgehendem psycholgischen
Suchen nach jenen Gefühlen und Gedanken, die die letzten Funken
sind, die in dieser unübersehbaren Dunkelheit aufleuchten. Aber
da sie Verlierer, Antihelden sind, machen sie das konsequent,
mit viel Ironie und Selbstironie, wechselseitigem Sarkasmus, der
nicht selten wohlwollende Schadenfreude sein kann. Wie es sich
auch für zwei national "nicht bewußte" Freunde, einen
Serben und einen Kroaten, gehört, die sich national nicht "bewußt"
werden wollen, bzw. aufwachen und schließlich Feinde werden.
Für dieses zusammengesetzte Spiel zwischen zwei einen Traum verfolgenden
Antihelden und der Welt als Ach-Realiltät, die sie umgibt, machte
Gunjaca eine wesentliche Umkehr in seinem kompositorischen Modellbau
der textuellen Welt. Von dem bisherigen "Roman - Fresco",
in dem der Held - Erzähler, durch seine autobiographische Geschichte
die Türe für zahlreiche Gestalten "öffnet", die danach
souverän den Roman beherrschen und den Erzähler auf eine Art Chronisten
zurückführen, ging Gunjaca zu einem "Dialog-Roman" über,
wo ständig im Brennpunkt zwei Antihelden stehen, ob allein oder
gemeinsam, während alle anderen Figuren auf Elemente des Hintergrundes,
des Ambiente reduziert sind und nur selten auf das Niveau des
Leitmotivs gehoben werden, die das verworrene psychologische Duett
- Duell vermitteln, das sich im Laufe des ganzen Romans zwischen
den Protagonisten abspielt. Dieser Zugang zur Kompostion läßt
auf der einen Seite die Verwandlung des intellektuellen Stoffes,
aus dem der Roman zusammengesetzt ist zu einem privaten Autorenbrevier
nicht zu, während auf der anderen Seite verhindert wird, dass
es zu leeren Allgemeinplätzen verwandelt wird. Es steht ständig
auf des Messers Schneide und droht das Gewebe des Textes zu durchtrennen,
doch dazu kommt es nie dank Gunjacas Kunst und seinem unfehlbaren
Gefühl für Rythmus und für die Grenze der möglichen emotionellen
und psychologischen Nutzung einzelner Bauelemente. Das neue Kompositonsverfahren
beeinflusst im wesentlichen auch das Ambiente, so dass es von
dem für Gunjaca gewöhnlich fast Naturalistischem symbolisch geworden
ist, indem es den physischen Raum bzw. die physischen Räume in
fast magische Räume divergenter, heterodoxer kultureller und zivilisatorischer
Symbole, Wahrzeichen und Werte, subversiver Dekomposition des
negativen zerstörerischen Geistes der Zeit verwandelt und eine
neue (all)menschliche Sensibililtät herstellt.
Die kompositorische Wende bedingte nicht die stilistischen Veränderungen,
so dass auch dieser Roman in bekannter Manier Gunjacas geschrieben
wurde, die immer den Vorrang der wahren, gesprochenen Sprache
vor der literarischen gibt. Bei dieser Gelegenheit schrieb Gunjaca
einen Roman in kroatischer und serbischer Sprache und erzielte
auf diese Weise ein typisches bilinguales stilistisches Pasticcio,
das ihn an zeitgenössische Erfahrungen der Borderline-Literatur
annähert, wie im Wortwörtlichen so auch in der psychiatrischen
Bedeutung des englischen Begriffs.
In seiner Suche nach Menschen guten Willens, denen er diesen Roman
gewidmet hat, bietet Gunjaca seinen Lesern gerade das: zwei Borderline-Fälle,
denen es gelingt ihre psychischen Störungen in neurotisches Verhalten
umzuwandeln, die durch ihre Sinnsuche versuchen jenes zu finden,
was die Hyperaktivität der anderen verloren hat, den Logos, und
verweist uns darauf, dass in einer kranken Gesellschaft gesunde
Personen scheinbar krank aussehen. In allen Witzen über Verrückte
ist ihre Umgebung wirklich verrückt, doch dessen ist sie sich
(leider) nicht bewußt. In dieser Realität sind Träume wahrlich
nicht zu kaufen, unabhängig wie die Bedeutung dieser Aussage zu
deuten ist.
Mr.sc.Srda Orbanic