Ein
Jahr nach der Veröffentlichung seines ersten Buches, des Romans
„Preis der Heimat", des mittleren Teils einer Trilogie über
die Vor-, Kriegs- und Nachkriegsjahre, stellt sich Dražan Gunjaèa
seinem Lesepublikum mit seinem zweiten Roman „Liebe als Strafe",
dem dritten Teil der angekündigten Trilogie, vor.
Wie auch in seinem ersten Roman, der eine internationale Rezeption
erfuhr, die sich nicht einmal der Autor selbst erhofft hatte,
setzt Gunjaèa auch in diesem die Artikulation einer textuellen
Welt fort, die in den allem Anschein nach chaotischen zwei Jahrzehnten
unserer neueren Geschichte die versteckten Verstrickungen der
geschichtlichen Determiniertheit kleiner menschlicher Schicksale
sucht. Deswegen verwundert es nicht, dass sich in dem zweiten
Roman fast alle Kompositionsprinzipien des ersten wiederholen,
neben einigen bedeutenden Entwicklungen in der Behandlung der
Romanstruktur.
Wenn wir den ersten Roman als Parabel über die Sinnlosigkeit des
Krieges bezeichneten, dann könnten wir diesen zweiten als einen
Roman derart definieren, dass der Krieg durch seine unauslöschbar
langfristigen Folgen auf das Schicksal und das Bewußtsein der
Menschen betrachtet wird: sogar auch dann, wenn das Bewußtsein
über die direkten und indirekten gesellschaftlichen, sozio-psychologischen
und persönlichen und existentiellen Folgen des Kriegs verbleicht,
setzt sich der Krieg durch die Folgen, die er verusachte und weiter
im Leben der Menschen verursacht, fort. Das also ist die intellektuelle
Aussage, auf der Gunjaèa seine erzählende Struktur des Romans
„Liebe als Strafe" aufbaut, ohne dabei auf die grundlegenden
Merkmale seines erzählerischen Stils zu verzichten: Seine Sprache
ist herb, manchmal sogar auf grobe Weise direkt, wenn er Wahrheiten
sagt, die wir uns sonst auszusprechen scheuen, seine Gestalten
sind minimalistisch auf reine Handlungen angelegt, die Handlung
entwickelt sich größtenteils durch Dialoge, bei denen sich kausal-konsequente
Beziehungen unter den Gestalten ergeben, ein Netz von Verhältnissen,
das nicht zulässt, dass sich der Text auflöst.
Da es aber die Struktur verlangt, sind in dem zweiten Roman wesentliche
Entwicklungen in einigen Elementen der Erzählweise zu bemerken.
Aus Platzmangel führe ich nur diejenigen an, die meines Erachtens
hinsichtlich der Verfahrensweise am bezeichnendsten sind. Erstens
ist das feinere psychologisch charakterbezogene Profilieren der
Gestalten hervorzuheben. Während in dem ersten Roman die Gestalten
typenmäßig sind, Typen ähnlich der Commedia dell`Arte, denn nur
so konnten sie in der Welt, von der erzählt wird, funktionieren,
sind diese Gestalten in dem Roman „Liebe als Strafe" aus
dem gleichen Grund notwendigerweise reliefartiger geworden, da
sie nicht mehr eine Metapher der verschiedenen Entscheidungen
im Augenblick der historischen Wendepunkte darstellen, sondern
persönliche Wege, die daraus folgen.
Dies
zwang Gunjaèa tiefer in ihr Inneres und in ihre Umwelt einzudringen,
sich auf ihre Motive, Hoffnungen und Illusionen zu konzentrieren.
Dieser neue Zugang zu den Gestalten bedingte auch ein anderes
Erleben der Bedeutung der zu beschreibenden Elemente, vor allem
im Sinne des umgebenden Kontextes, auf den die Gestalten einwirken
und der sie bestimmt, obwohl diese Elemente auch weiterhin mehr
implizit als explizit anwesend sind. Mit anderen Worten, die Stimmung
ist in dem zweiten Roman viel weniger bedrückend und finster als
in dem ersten, weitestgehend das Ergebnis, das aus der Ganzheit
des Textes hervorgeht und nicht aus spezifischen textuellen Strategien.
Gleichzeitig ist aber auch ersichtlich, dass in „Liebe als Strafe"
Gunjaèa der Stimmung aus dem Textzusammenhang eine besondere Aufmerksamkeit
widmete, da sie ein außergewöhnlich wichtiges funktionelles Element
der Zusammensetzung der textuellen Welt ist. In diesem Sinne erscheint
mir das Verhältnis zwischen den Dialogen und Erzählteilen des
Textes besonders wichtig. Obwohl aus den minimalistschen Kompositionsverfahren
des Autors selbst eine dominante Rolle der Dialoge gegenüber den
Erzählteilen hervorgeht, was am besten im letzten Kapitel des
ersten Romans zu beobachten ist, in dem das Gerichtsverfahren
die Rolle der Erzählung übernahm, ist im Roman „Liebe als Strafe"
die Ausgeglichenheit dieser zwei Elemente sichtbar, die als Ergebnis
eine Art latenter Gedankeninkongruenz, eine Diskrepanz hat, durch
die Gunjaèa eine „Borderline" vergegenständlicht, ein Erlebnis
der Realität, bei der Tragik und Pessimismus den Platz dem Fatalismus
überlassen, für den man - paradoxerweise - sagen könnte, er sei
optimistisch.
Obwohl der Autor selbst, wenn man über sein Werk spricht, gerne
sagt, dass alles, was die Rezipienten herauslesen, nur ein Zusammentreffen
von Umständen sei, bin ich der Meinung, dass dies durch das „Anfänger"
low-profile - Erlebnis der eigenen literarischen Arbeit bedingt
ist, während es sich in Wirklichkeit um ein bis in alle Einzelheiten
durchdachtes und überlegtes schöpferisches Verfahren handelt,
deren Abgerundetheit ganz klar sein wird, wenn schließlich auch
der dritte Teil der Trilogie veröffentlicht ist. Ich glaube, dass
die Leserschaft auch ohne Rücksicht darauf „Liebe als Strafe"
als interessante Lektüre erkennen und den Roman genauso gut wie
seinen Vorgänger, „Der Preis der Heimat", annehmen wird.
Mr.sc. Srða Orbaniæ