Nach dem aussergewöhnlich erfolgreichen Erzähldebut (gerade erschien
die zweite Auflage des Romans „Preis der Heimat“, der am internationalen
Litraturwettbewerb Premio Satyagraha ausgzeichnet wurde), hat
sich Dražan Gunjaèa sein erstes lyrisches Werk verfasst, die Gedichtsammlung
„Wenn es mich nicht mehr gibt“, die man in einem gewissen Sinne
als einen Zweig des Romans selbst bezeichnen kann, und zwar nicht
nur deswegen, weil das Gedicht nach dem die Sammlung ihren Titel
trägt, ein wichtiges und bestimmendes Element des Romans ist,
sondern auch, weil sich Gunjaèa in seinen Gedichten auf eine andere
Weise mit gleichen Lebenswahrheiten und Fragen beschäftigt.
Von allein drängt sich mir der Gedanke auf, dass der Autor mit
diesem zweiten Buch eine meta-theoretische Überlegung postmodernistischer
Postulate „der Offenheit des Werkes“, der Intetextualität und
des Selbtzitierens begonnen hat, das, wie ich glaube, mit der
Herausgabe der weiteren beiden Teile der Trilogie, deren mittlerer
Teil „Preis der Heimat“ ist, bis zum Ende abgeschlossen sein wird.
Es handelt sich um eine wesentliche und bezeichnende qualitative
Entwicklung in Gunjaèas Verständnis von sich selbst als Autor,
da der Übergang des „Schreibens für sich selbst“ zum „Schreiben
für ein Publikum“, des Übergangs seines Schreibens aus der Privatsphäre
in die Sphäre des Öffentlichen, augenscheinlich ist. Dementsprechend
hat das, nicht was die Tragweite der Sammlung betrifft – die wie
sonst üblich von der Rezeption im Leserpublikum abhängt, in der
Entwicklung von Gunjaèas literarischem Schaffen eine außergewöhnlich
wichtige Rolle.
Und jetzt konkreter zur Gedichtsammlung. Obwohl sie der Autor
in zwei Zyklen geteilt hat, sind die Gedichte in der Sammlung
inhaltlich und stilistisch ausgeglichen und bilden einen Mikrokosmos,
in dem die Unverfälschtheit des Menschen in einem ständigen Aufeinanderstoßen
mit der prosaischen Umgebung steht, in der der Mensch existiert.
Es handelt sich um ein dynamisches bipolares Verhältnis, das sich
in Gunjaèas Dichtung in der Distanz zur klassischen poetischen
Nominalisierung und in der Tendenz zur prädikativen Funktion des
Verbs äußert. Diese Verbalisierung ermöglicht dem Dichter das
Anwenden rhetorischer Muster und Formen, die ihr Modell in den
volkshaften und überlieferten literarischen Formen haben. Die
Folge ist die Wiederholung rhythmischer Muster, die die Möglichkeit
der Interpretation, des interpretativen subjektiven Lesens verhindern
und zur Objektivität der Deklamierung neigen. Gedichte, in denen
es zur Unterbrechung dieser Muster kommt, stellen eine Art intellektuell
emotiver Pause dar, womit Gunjaèa die rhetorischen Schwingungen
der Sammlung erreicht, die auf der Ebene des Ausdrucks die thematisierte
Bipolarität impliziert. Zum Zweck des ständigen Ausgleichs zwischen
dem unverfälschten Pathos und dem Prosaischen wählt der Autor
gekonnt die Lexik, diese Wahl ist sehr oft selbstironisch, so
dass es beim Leser Zweifel hervorruft, ob ein derartiges „low-profile“,
das fast umgangssprachliche Register, absichtlich oder unabsichtlich
ist. Es handelt sich um eine sehr interessante laienhafte Komponente
der Dichtung des Autors: als ob Gunjaèa versuchte dem Leser zu
erklären, dass die einzige ernsthafte Sache, die er als Dichter
machen könnte, die sei, sich selbst und sein Schaffen nicht allzu
ernst zu nehmen.
Ist aber nicht gerade diese scheinbare Demystifizierung des eigenen
Schaffens seine größte mögliche Mystifizierung?
Mr.sc. Srða Orbaniæ