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Balkan-roulette
- Theaterstück on-line
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Notiz des Redakteurs
- Rezension
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Andrea
Camilleri
Gianna
Dallemulle Ausenak
Zoran
Raicevic
Rastislav
Durman
Francesca
Pedinelli
Valentina
A.Mmaka
Francesco
Mazzetta
IL
LABORATORIO DEL SEGNALIBRO
Luciano
Dobrilovic
Antonia
Izzi Ruffo
Paula
Dell`Armi
Francesco
Tebeo
Prof.
Laura Liberati
Vincenzo
Lombino
Fabrizio Pizzuto
I.Grguriæ
Andrea
Camilleri
Der
trägische ausichtlose Dialog, dem Duell aufs leben und
Tod ähnlich, über die Sinnlosigkeit des Kampfes und
Krieges.

DER
PROGRAMMIERTE KRIEG
Gianna Dallemulle Ausenak
(LA BATTANA, Rijeka, Nr. 148/2003)
Es
ist schwer über den Krieg auf dem Balkan zu sprechen ohne in eine
Verwirrung von Gefühlen zu geraten und von emotionellen Bedeutungen
belastet zu werden, die das Vermitteln von Geschehnissen erschweren.
Dem Autor gelingt das, weil seine Gestalten die Geschehnisse und
die Folgen des Wahnsinns des Krieges von innen erleben. Ganz am
Beginn des Stückes, in einer Welt in der alles durcheinander und
verdreht ist, wird der Zusammenstoß mit der neuen Realität ein
unerträgliches menschliches Drama, in dem die Suche nach einer
vernünftigen Lösung wie ein mühsames und unmögliches Spiel erscheint.
Wie alle Kriege (zum guten Teil vergessen - interessiert überhaupt
irgend jemanden der augenblickliche Genozid im Kongo beispielsweise?)
war auch derjenige auf dem Balkan geplant. Einige schurkische
Kriminelle haben die Welt davon überzeugt, dass der Hass zwischen
Völkern typisch "balkanesisch" sei und dass er eine
Bedrohung der Sicherheit im neuen Jahrtausend darstelle. Es war
also notwendig eiligst und unter Anwendung von Gewalt diese "primitiven
Völker" um jeden Preis zu trennen. Um dieses Ziel zu erreichen,
war es vor allem nötig das Szenario gut vorzubereiten (wer erinnert
sich nicht an die Pseudowahrheiten der Belgrader Akademie der
Wissenschaften aus dem Jahr 1986?), einen Hass im "Feind"
zu säen, ihn zu dämonisieren und alle davon zu überzeugen, dass
die Schrecknisse notwendig seien, zu desinformieren und darauf
zu insistieren, bis die Wahrheit selbst verdreht ist. Die Massen
applaudieren, die Massen sind überzeugt, gut, sehr gut - und jetzt
kommt der zweite Akt, wir schlachten, zerstören, entwurzeln. Ja,
alles ist mit sehr viel Aufmerksamkeit gemacht. Und trotzdem war
das angewendete Schema weder neu noch originell. Wie alle Kriege,
die weder heilig noch mit lauteren Absichten sind, sondern schmutzig
und katastrophal. Egal was man über die Kriege erzählt, immer
sind es die Kriege politischer oder wirtschaftlicher Mächte, die
Kriege bestehender oder neuer Mafias, aufmerksam programmiert
und "camoufliert", alle haben das gleiche Ziel: Dominanz,
Macht, Anhäufung von Geld, Gütern und Territorien, Erdöl, Methan,
Waffenhandel. Manchmal eine Dosis Schizophrenie hinsichtlich der
"eigenen Bedeutung in der Geschichte" - alles riesige
Geschäfte, genauso wie riesengroße Lügen, Plünderungen und Betrug.
Welche Freiheit, welche Unabhängigkeit, welcher heilige Boden!!!
So ein Nachdenken durchzieht den Text, doch gehen wir zum "Balkanroulette"
über. Wenn das Alltagsleben mit der Gleichgültigkeit der großen
Geschichte im Schritt geht, atmet und denkt das menschliche Leben
in seiner Kleinheit, im eigenen Mikrokosmos, dem einzigen, an
dem ihm wirklich etwas liegt. Der Autor betritt gerade da das
Gebiet der Individualität, um die gesamte Wahrheit zu erläutern:
er spekuliert und spielt mit ihr bis zum Augenblick ihres tragischen
Zusammenbruchs. Gunjèas Distanz und aseptische Betrachtung sind
eigentlich nur illusorisch: in der Humanität, mit der er seinen
Helden und ihrem verzweifelten Bemühen folgt, ist seine Feinfühligkeit
sichtbar, seine Teilnahme und Sympathie gegenüber den Elenden,
die von primitiven Waffenhändlern zerrissen werden.
Es ist Zeit die Szene zu betreten.
Wir befinden uns in einer Privatwohnung in Pula. Es ist fast Mitternacht
an einem Tag Ende September. Es ist das Jahr 1991, nicht irgend
ein Jahr: Jugoslawien zerfällt, und der Krieg ist nicht nur eine
theoretische Möglichkeit. In dieser Situation befinden sich nach
vielen Jahren der Freundschaft zwei Kapitäne der ehemaligen Jugoslawischen
Volksarmee, der Serbe Petar und der Kroate Mario - an zwei verschiedenen
Seiten. Sie haben ziemlich viel getrunken und führen eine bizarre
Diskussion über Petars geplanten Selbstmord. Er möchte sich umbringen
und rechnet dabei mit der Hilfe seines Freundes, dem er alle seine
Gründe auseinandersetzt. Diese Entscheidung scheint völlig absurd,
übertrieben, aber Petar hat eine zweifache Tragödie erlebt: mit
einem Schlag hat er, wie er sagt, Familie und Staat verloren.
Aus Opportunismus oder Voraussicht (als ob es wichtig wäre), hat
ihn seine Frau, eine Kroatin, verlassen und auch die gemeinsamen
Kinder mitgenommen. Für ihn ist damit die Welt zusammen gebrochen,
und das Leben hat keinen Sinn mehr. Kann ein Mensch ohne ein eigenes
Leben leben? Wer wird man, wenn die Identität genommen wird, fragt
er sich verzweifelt. Man kann leben, antwortet ihm sein Freund,
wenn du auf dich selbst und deine Ideale verzichtest, wenn du
mit einem Strich das was bis dahin dein Leben ausmachte weg radierst,
wenn du heilig auf alles verzichtest, woran du bis dahin geglaubt
hast, wenn du mit Scheuklappen lebst, wenn du opferst ...
"
Und was soll ich opfern? Mich als Serben, Offizier und Menschen,
oder mich als Serben, Vater und Menschen? Verstehst du, was ich
sagen möchte? Auf jeden Fall opfere ich mich als Menschen. Und
wenn ich das Menschliche in mir verliere, wozu brauche ich alles
andere? (...)
Was brauchen sie einen Vater, der nicht weiß was er ist? Der nicht
weiß, wohin und zu wem er gehört. Wenn ich in Kroatien bleibe,
darf ich morgen meine Kinder nicht nach Serbien führen, in meine
Geburtsstadt, weil ich ein Verräter sein werde. Wenn ich nach
Serbien gehe, darf ich morgen nicht mehr hierher kommen, um meine
Kinder zu sehen, weil ich ein Besetzer sein werde. Verstehst du?
Und ich kann weder ohne meinen Geburtsort noch ohne meine Kinder
leben."
Der Dialog der beiden Offiziere ist von Ausdrücken der Schuldzuweisungen
und ethischer Mitteilungen durchflochten, in dem er Themen großer
und kleiner Geschehnisse in der Vergangenheit und Gegenwart der
Balkanländer berührt, jener Länder, in denen die Nationalhymne
wichtiger sind als ein voller Magen ...
Es wechseln Augenblicke der Selbstbetrachtung, voll mit absichtlich
übertriebener Spannung und Andeutungen von Ironie, um die Mentalität
und das Milieu zu betonen, dem die Gestalten angehören, mit scheinbar
banalen Dialogen, die unerwartet in wirkliches Leid übergehen.
Der Autor hatte nicht die Absicht einen Prozess zu erwirken, sondern
er wollte schrittweise mittels der Darstellung und Analyse der
mehr als bitteren Wirklichkeit zur Wahrheit gelangen. Wenn Nebenfiguren
auftreten (Fähnrich Jovica von der Militärpolizei, Serbe, und
Safet, Militärpolizist, bosnischer Muslime) so vermitteln sie
dem Drama die Konnotation der Farce, indem sie uns wieder die
konventionelle Rolle des kleinen Mannes im schamlosen Spiel der
Macht vorführen, der noch weniger als Nichts bedeutet.
Der Kreis schließt sich langsam. Petar, der die Zugehörigkeit
zur Welt verneint, die ihm unverständlich geworden ist und vor
der er auf die für ihn einzig mögliche Weise davon läuft, von
dessen tragischer Absicht weder Marios ehrliche Freundschaft noch
seine Aufforderung zum Nachdenken abhalten können. Nach dem letzten
karikaturistischen Anhören der jugoslawischen und kroatischen
Hymne, schießt er sich in den Kopf.
Dieses Werk ist bemerkenswert, es ist meisterhaft ausgeführt,
auch dank der außergewöhnlich guten Kenntnisse des Autors des
Themas, mit dem er sich auseinandersetzt. Außer des Hauptgedankens
über die menschliche Katastrophe über die Folgen des Krieges,
ist der klare Wunsch erkennbar, Dinge zu klären, die das Gewissen
der Menschen hinterfragen ohne zu philosophieren. Das ist der
Weg, den Gunjaèa zu Ende geht, mit viel Aufwand und Sinn fürs
Theater.
Es besteht der Wunsch, dass das Drama "Balkanroulette"
so früh wie möglich auf die Bretter, die das Leben bedeuten, erscheinen
möge.

Zoran
Raièeviæ, Dramaturg
(Volkstheater Belgrad, Serbien)
Das
Drama «Balkanisches Roulette» ist reif und klar geschrieben,
tapfer ergreifend in das menschliche Gewebe von Gestalten,
aber auch das Opfer in das yugoslawischen, blutigen Drama.
Der Verfall von gesellschaftlichen Gemeinschaft brachte unvermeindlich
zum Verfall von zwischenmenschlichen Beziehungen aber auch
des Einzelnen, der selbst der Täter dieser Beziehungen ist.
Die Verwicklung ist logisch, die Beziehungen klar.

Durmans
Verbesserte Meinung
Rastislav Durman (schriftsteller, Bücherkritiker, Novi Sad, Serbien)
Dem
Genre nach ist «Balkanischer Roulett» mehr eine Tragödie als das
Drama und sogar die Tragödie, die Poetik der antiken Vorbild folgt.
Der Text von Gunjaèa geht mit den Verhältnissen des Verfallens des
zweiten Yugoslawien um, es bedeutet, er befasst sich mit etwas,
dass noch immer nur keine Historie ist, sondern mehr einer Glut
auf der Asche ähnelt, den Wunden, die noch mehr die Kratzer, als
eine Narbe sind, aber man erlebt sie nicht als Dokumentation über
einen kleinen Menschen, der als Opfer der Interessen der hohen Politik
funktioniert, und nicht als Essei der serbokroatischen, kroatischserbischen
oder kroatischen und serbischen Arten ist, die in einem Unzeitraum
von unauskurierten Kinderkrankeit des nationallen und Staatskolektiv
ist. Beziehungsweise, ist nicht nur ein Dokument oder nur ein Essei
– es ist in Wirklichkeit, aber erst im zweiten, dritten Plan. Im
ersten Plan beschäftigt es sich mit einem arheotipischen Menschen,
dem alle Werte um denen er sein Leben gestalltete, weggenommen sind.
In dem, was es Peter, Mario, Jovica, Safet, Ante, Ivan und Milojica
geschieht, können wir die Tragödie aller ehrenhaften Offiziere,
dessen Qual nicht die Niederlage ist, ahnen, sondern die Möglichkeit,
dass das Schwur folgt. Und nicht nur die Soldatenqual, sondern all'diesen
Menschen, die von dem alltag weggerissen worden sind, in dem sie
geglaubt haben, mit bester Absicht das Beste von sich selbst gebant
zu haben. Gleiche Bitterkeit haben auch britische Centurion empfanden,
als sie auf den Ufern von Temse galassen worden sind, als sich die
Legionen definitiv zurückgezogon nach Rom haben, auch der chechische
Ingeniuer, der sein ganzes Leben der Entwicklung slovakischer Eisenfabriken
gewidmet hat, und plötzlich eines Tages wachte er in Slowakei als
Nationalminderheit auf.
In der Begegnung nit einigen ersten Seiten vom «Balkanischen Roulett»
bekommt man den Eindruck, dass es sich um das Drama zum Lesen oder
den Roman in der Form vom Dialog handelt – die dramatische Ladung
in Explosion ist innerlich, doch die Szene selbst ist statisch,
Repliken sind relativ lang. Mit der Einführung neuer Gestalten ändert
sich die Situation im Ganzen, die innere dramatische Ladung der
Gestalten wird in Aktion umgegossen worden, die Aktion kommt ins
Schwung, um am Ende törichten Rhondo-Rhytmus zu erlangen, der man
als Verfahren in Romanen von Gunjaèa erkennt (so kann man in bestimter
Art von Rhytmus, die als Konstante vom Gunjaèastil sprechen). Nach
der geschwungenen Aktion folgt wieder eine Beruhigung, man bekommt
den Eindruck, dass die Simetrie in der Komposition chirurgischen
Zysten ist, die Handlung geht in der paraboliken Umlaufbahn zur
Koordinate von der man angefangen hat, und dann auf einmal wieder
die Kulmination, grosse emotive Explosion und Leere.
Das, was «Balkanischen Roulett» von antiken Tragödien unterscheidet,
ist das Auslassen des erhabenen Tons (hier begegnen wir das reine
Naturalismus) und erhobener Sprache (die in Drama rudimentär ist,
die Zeichen ganz in der funktion in der Kaserne aufgewachsenen und
formierten Gestalten), aber es dem held (den Helden) die Götter
nicht entgegenstellen, sondern die Historie, so gegen den Heiligen
und ortodokser Hymne.
Ich empfehle das Drama zum Lesen, Ausführung und zum Schauen.

Ende
September 1991, Jugoslawien, wir befinden uns in einem Gebäude
in Pula, draußen herrscht Krieg. In der Luft liegt noch immer
die Stimmung des alten, ruhmreichen Staates von Tito, der Heimat
der Traditionen, wegen derer man vom Balkon schießt, um die
Geburt eines Sohnes zu feiern, sogar auch dann, wenn draußen
gestorben wird und auch dann, wenn dies die Gefährdung des eigenen
Lebens bedeutet. „Wir sind nur Menschen, gewöhnliche Menschen“,
nur das ist am Ende wichtig. „Diese Phase des Stammesdenkens
wird vorbei gehen und die Menschen werden wieder Menschen werden,
ohne Rücksicht auf ihre Nationalität“, sagt der Kroate Mario,
Kapitän der jugoslawischen Volksarmee, der beschließt, sich
von seiner Uniform zu befreien, damit er nicht als Besetzer
betrachtet wird.
Jetzt, wenn es keinen gemeinsamen Feind mehr gibt, bleibt nur
übrig, dass sie untereinander, Serben und Kroaten, Blutsverwandte,
in Konflikt geraten, die durch eine Fahne, eine Hymne, einen
Dichter getrennt sind, denn „nach dem zehnten Opfer, das dir
wichtig ist, wird der Krieg zu deinem, egal wo du dich befindest“.
Wenn das die Spielregeln sind, dann beschließt Petar, selbst
auch Kapitän der jugoslawischen Volksarmee, nicht mehr mitzuspielen.
Er verzichtet auf die Uniform, um auf den Krieg zu verzichten,
der nicht der seine ist, aber der es doch verursachte, ihn von
seiner Familie, ihn als Serben von seiner Frau als Kroatin zu
trennen, die zusammen mit ihren Kindern flüchtete. Mit den Kindern,
die früher Jugoslawen waren, und die jetzt Serben wir der Vater
sind, oder vielleicht Kroaten wie die Mutter.
Das ist ein Theaterstück, in dem die Stimmung der bedrückenden
Erwartung des Todes untergeordnet ist, die nur zeitweise durch
das Auftreten neuer Gestalten und neuer menschlicher Dramen
unterbrochen wird. Das ist die Welt der Tränen, die zum Beispiel
in der Darstellung Petars und Marios, die umarmt gemeinsam weinen
erkennbar ist und die ihre „alte“ Hymne singen, eine Darstellung,
in der alles seinen Grund im tragischen Epilog findet, in dieser
„Befreiung“, die nur dank des Schusses in die Schläfe eintritt.
Das Balkanroulette lässt keinen freien Raum zur Meinungsänderung
übrig, denn in diesem tragischen Spiel mit dem Tode stehen wir
nicht vor einem Revolver wie im russischen Roulette, sondern
vor einer Pistole, bei der jedes Abdrücken das Ende von allem
bedeutet. Trotzdem kann das wie in Petars Fall einen neuen heldenhaften
Anfang bedeuten. Egal ob wir es eine Tragödie oder eine schwarze
Komödie nennen, so stellt diese letzte Arbeit von Dražan Gunjaèa,
einem 45-jährigen Anwalt mit dem „Laster“ des Schreibens, den
verzweifelten Schrei gegen den Krieg und den Hass dar. Es sind
sehr aktuelle Themen, die der Autor als seine eigenen verspürt,
so dass es ihm gelingt den Leser auf eine spannende Reise durch
das Privatleben von zwei Personen, wie viele andere, mitzunehmen.
Zwei Personen, die sich im Unterschied von den anderen, an der
richtigen Stelle aber zu falschen Zeit befinden, als Bürger
des „Pulverfasses“, Balkan genannt, wo die Zündschnur eines
neuen Konflikts fast immer am Glosen ist.
Dieses Drama ist auch eine Lehre für diejenigen, die den Krieg
nicht erlebten, sondern nur die Ereignisse verfolgten, wie auch
für diejenigen, die denken, dass der Krieg auch gute Seite hätte.
Alles in allem, ein gut geschriebenes Bucht, intelligent, von
Frieden durchdrungen, und schon deswegen wertvoll zu lesen.

Valentina
A.Mmaka
(STILOS,
Italia, 19.03.2003.)
Ein
Drama über den Balkankrieg. Gunjaèas Gestalten zwingen uns in
ihren knappen und überzeugenden Dialogen über die Gründe des
Krieges, über ethnische Zugehörigkeit, über gewöhnliche Menschen,
die sich im dunklen Bösen des Krieges gefunden haben, in ihrer
schmerzhaften und unheilbaren Existenz, zum Nachdenken. Balkanroulette
ist eine Anspielung auf die Variante des russischen Roulettes
mit dem einzigen Unterschied, dass das russische Roulette (mit
einem Revolver) noch einen Freiraum für einen Fehlschuss lässt,
während das Balkanroulette (mit einer Pistole) keine Möglichkeit
der Rettung zuläßt. Der Tod ist das Ergebnis des perversen „Spiels“,
unangemessen und unumgänglich für denjenigen, der spürt wie
seine eigenen Werte unter der Last der vom Krieg zerrissenen
Erinnerungen nachlassen, wie in der Geschichte über PETAR, eine
der Hauptgestalten.

Francesco
Mazzetta
Il Mucchio Selvaggio (Italia), 25.-31. März 2003
Balkan-Roulette
von Dražan Gunjaèa wäre eine Farce, wenn es keine Tragödie wäre:
in Pula diskutieren in einer Herbstnacht 1991 zwei Kapitäne der
ehemaligen Jugoslawischen Volksarmee, Petar - ein Serbe und Mario
– ein Kroate, über die eigene Situation. Besonders verzweifelt
ist Petar, der bis vor kurzem ein angesehener Vertreter der Armee
war, und jetzt auf einmal zum Besatzer geworden ist. Zu seiner
Verzweiflung trägt auch die Tatsache bei, dass ihn seine Frau,
eine Kroatin, mit seinen Kindern verlassen hat. Der einzige übrig
gebliebene Freund in einem Land, das seine Heimat war und jetzt
nur mehr ein Land ist, ist der langjährige Kollege Mario, der
sich durch neue nationalistische Ideologien nicht beirren lässt:
er hat die Uniform ausgezogen, er versucht a shelter from the
storm, Schutz vor dem Sturm, zu finden. Petar dagegen ist zu sehr
durch den Verfall der Werte, an die er glaubte und durch das Auseinanderbrechen
seiner eigenen Familie verwirrt, so dass es ihm unmöglich ist,
einen Schutz vor dem Schmerz im gesunden Zynismus der Nationalität
zu finden, und sich daher dem „Balkan-Roulette“, einer Variante
des russsischen Roulettes, zuwendet, bei dem man keinen Revolver
sondern eine Pistole verwendet, so dass es unmöglich ist zu „verlieren“.
In die dramatischen Geschehnisse werden allmählich anderen Gestalten
einbezogen, alle Soldaten/Polizisten, die Petar zwingt sich mit
dem Zerfall des Balkan zu konfrontieren und auf verschiedene Weisen
sich des absurden Fatalismus bewusst zu werden, mit dem sie augenblicklich
das annehmen, wovor ihnen vor kurzen noch ekelte. Am Ende ist
der Abgrund, in den der gewöhnliche Mensch –Petar, fällt, nicht
so sehr die Metamorphose der Ideologien oder Uniformen, als die
Tatsache, dass diese Ideologien und Uniformen auch die Seelen
der Menschen kennzeichnen, so dass auch die stärksten Gefühle
diese Veränderungen nicht übertreffen können. Dieses kurze Theaterstück
sollte deswegen denjenigen als Warnung dienen, die zur Trennungen
und Regionalismen aufrufen, es sollten alle Leghisten (Angehörige
der Partei Lega nord, Anmerkung des Übersetzers) lesen in der
Hoffnung, dass wenigstens einer von ihnen zu sich kommt.

IL
LABORATORIO DEL SEGNALIBRO n. 14/2003 (Italien)
"Balkanroulette",
schon beim Literaturwettbewerb "Il viaggio infinito 2003"
mit einem Preis ausgezeichnet, ist ein Drama, das auf eine tragisch-komische
Weise die Geschehnisse beschreibt, die dem Krieg auf dem Balkan
von 1991 vorangingen. Das wird auch durch Gesten und Wörter
von sieben Offizieren der ehemaligen föderalen Armee beschrieben,
die sich bei diesem brudermörderischen Krieg auf entgegengesetzten
Seiten befinden.
"Balkanlroulette"
ist in Form eines Theaterstück geschrieben und erinnert an eine
alte klassische Tragödie, von der es sich aber durch aggressive
Dialoge und durch die Art des "Feindes", mit dem er
konfrontiert ist, unterscheidet.
Wo
die griechischen Helden von den erzürnten Göttern besiegt wurden,
droht den sieben Soldaten dieses Buches nur ein Feind: die Geschichte.
Das
ist ein Werk über die Sinnlosigkeit des Krieges, das auf eine
realistische Art die Liebe zum anderen verherrlicht.

-
-  - EINE
ZEITGENÖSSISCHE TRAGÖDIE
Lucano DobrilovicFucine Mute, n. 56/2003 (Italia)
www.fucine.com
Balkan-Roulette
ist ein Drama in einem Akt mit einer Thematik, die sich in ihrer
Tiefgründigkeit auf die alte griechische Tragödie beruft, aber
in einem erschreckend zeitgenössisch historischen, gesellschaftlich
menschlichen und politischen Kontext: in dem blutigen Zerfall
Jugoslawiens. Der Autor ist Dražan Gunjaèa, der am eigenen Leib
diese Tragödie und die Absurdität dieser Wirklichkeit erlebt
hat, insbesondere jene seiner Gestalten: Offiziere, deren Aufgabe
und Treueeid keine Bedeutung mehr haben, weil sie dem Militär
dienen, das vom Verteidiger eines multiethnischen Landes und
seiner Ideale, auf denen es beruht, zum Angreifer gegen die
eigenen Völker wurde, die sich souverän und politisch unabhängig
erklärten, da sich der Staat auflöste. Nur einige Jahre bevor
die Tragödie begann verließ Dražan die Jugoslawische Volksarmee,
um in Pula als Rechtsanwalt zu arbeiten, mit dem Diplom, das
er sich in der Zwischenzeit erworben hatte. Dieses Drama wurde
nach dem Abschied vom Balkan aus dem Jahr 2001 geschrieben,
ein Roman, der gleich in Deutschland, Australien, Amerika, Bosnien
und Herzegowina, Jugoslawien übersetzt und erfolgreich veröffentlicht
wurde. In italienischer Sprache wurde "Balkan-Roulette"
im Januar 2003 vom Verlagshaus Fara Editore mit einer Einführung
von Srða Orbaniæ herausgegeben, eines hellsichtigen und mutigen
Intellektuellen aus der Gemeinde der Italiener in Kroatien,
der das Werk zusammen mit Danilo Skomerèiæ übersetzt hat.
Petar, Kapitän der Armee, kommt in seine Wohnung in Pula und
sieht, dass die Wohnung leer ist: seine Frau Anna, mit kroatischer
Nationalität, ist mit den Kindern nach Dalmatien geflüchtet.
Slowenien und Kroatien haben bereits ihre Eigenständigkeit erklärt,
die Armee, vom Generalstab entsandt. zieht sich nach einer erfolglosen
Panzerinvasion aus Slowenien zurück, gegen Kroatien wird der
Krieg vorbereitet. Petar ist Serbe und dient weiterhin der Jugoslawischen
Föderalen Armee, die in den kroatischen Kasernen untergebracht
ist. Bedrückt vor Verzweiflung, mit der Absicht Selbstmord zu
begehen, ruft er seinen Freund Mario, ebenfalls Kapitän der
Jugoslawischen Volksarmee, aber Kroate, der gerade das Militär
verlassen hat. Mario versucht seinen Freund zu überreden, seine
Meinung zu ändern, da erscheint ein Fähnrich der Militärpolizei
in Begleitung eines jungen muslimischen Polizisten, der überlegt
nach Bosnien zu fliehen: sie müssen Petar festnehmen, der an
diesem Morgen laut alle Armeen, die Völker Jugoslawiens und
schließlich auch den Admiral selbst beleidigt hat. Petar hat
die Nerven verloren, mit einem Revolver in der Hand zwingt er
den Fähnrich Jovica auf dem Balkon zu schießen, um die Geburt
seines Enkels zu feiern. Daraufhin klopfen zwei Agenten der
neu gegründeten kroatischen Polizei, Ante und Ivan, an die Tür,
um zu sehen, wer geschossen hat. Petar und Mario untersuchen
auch die Beiden, danach wird es Jovica schlecht, Ivan macht
eine Mund-zu-Mund-Beatmung und erbricht danach. Es kommen ein
Arzt und eine Krankenschwester, die Jovica wegtragen, wobei
ihnen die kroatischen Polizisten helfen. Petar gibt dem muslimischen
Polizisten seine Kleider und Geld, damit er in Zivil nach Bosnien
fliehen kann. Petar und Mario sind allein.
Die gute Übersetzung von Orbaniæ/Skomerèiæ behält in unserem
Idiom die anschauliche Sprache dieser Gegend, eigentümlich und
überzeugend, die so gut in die sozio-existentielle Wirklichkeit
der Figuren passt: Einzelne, die an Miltärakademien ausgebildet
wurden, mit guter Allgemeinbildung, die Dichter und Autoren
zitieren, Politik und Religion, Philosophie und Ideologie, deren
Gespräche immer energisch und nervös sind, wie es für unternehmerische
Personen zutrifft, mit einer starken Ausdruckskraft, die sich
durch Schimpfwörter und Vulgaritäten äußert: eine Vulgarität,
die keine Wirkung oder Affektiertheit bezweckt. Sie ist sich
auch selbst kein Ziel, sondern authentischer Naturalismus, Mimik
menschlicher und sozialer Natur der Figuren mit fotografischer
Genauigkeit. Manchmal gibt es eine Metasprache, in den folgenden
zwei Sätzen ist sowohl Metaliteratur oder auch Metatheater festzustellen;
"Danke. Entschuldigung, aber Sie beide, Sie und Petar,
sind wirklich zwei sonderbare Typen." "Ja, ja. Wir
blühen immer dann auf, wenn es nicht sein soll." Dieses
Werk bereitet einen Genuß beim Lesen, es ist aber auch für eine
Inszenierung stilistisch vollkommen. In einem Appartement in
einer kleinen Stadt, in Pula, an der Peripherie der Balkanküche,
befreien sich die Figuren von allen Elementen kollektiver Tragödien
des Volkes dieser Halbinsel, mit solcher Energie und moralischer
Kraft, dass sie geografische Grenzen überschreiten, bis die
intimen und universellen Noten jenes bitteren Gesanges zu klingen
beginnen, der die menschliche Absurdität darstellt. Es bleibt
uns nichts anderes übrig als diesem Werk den verdienten Erfolg
und eine entsprechende Aufführung auf der Bühne zu wünschen.

-
Antonia
Izzi Ruffo (IL CONVIVIO, Nr.: 14/2003), Italien
Ein
Drama, das mit einer Tragödie endet, ein langer und schwieriger
Dialog, ganz durchdrungen vom Krieg, und sich am Schluss als Theaterstück
der Liebe erweist. September, gegen Mitternacht, in Pula, im Wohnzimmer
einer Wohnung im vierten Stockwerk ... Petar und Mario, ein Serbe
und ein Kroate, der Erste in Uniform, der Andere in Zivil, beide
Angehörige des Militärs, sitzen am Tisch, auf dem zwei Gläser
und eine Flasche Cognac stehen und zwei Pistolen liegen. Petar
hat beschlossen sich umzubringen, er weiß aber nicht auf welche
Weise; Mario glaubt ihm nicht ganz und sagt: "Serben können
nichts ohne daraus etwas Spektakuläres zu machen". Sie sprechen
über den Krieg, darüber warum man Kriege führt. Wer sind sie?
Besetzer oder Befreier? Sie wissen es nicht. Sie kämpfen, weil
sie dazu gezwungen sind, aber sie haben kein festes gerechtfertigtes
Ziel ... Sind das ihre Ideale, oder die von Fremden? Die Kriege
werden aus nichtigen Gründen einer kleiner Zahl von Menschen geführt,
eigentlich will sie niemand, aber dennoch werden sie geführt und
alle werden hinein verwickelt und müssen die Konsequenzen tragen
... Mario kehrt nicht mehr in die Kaserne zurück, deswegen hat
er auch die Uniform ausgezogen;
Petar
rät er auch dazu, es ist nicht vernünftig in Uniform gesehen
zu werden ... Wie widerlich ist der Krieg! Einen Tag ist man
Teil des Heeres des eigenen Staates, den zweiten Tag wirst du
zum Besetzer desselben Staates. Was für ein Widerspruch! Was
für ein Missverhältnis! Petar erwähnt andauernd den "eigenen
Selbstmord", aber seine Aussagen scheinen nicht ernsthaft
zu sein ... Am Ende entschließt sich Petar einen Brief zu schreiben,
den sein Freund seiner Frau Anna übergeben soll, nachdem er
Selbstmord begangen haben wird ... Wird er sich wirklich umbringen?
Leider ja. Das ist die Überraschung am Ende, die uns erschüttert
und die bewirkt, dass wir den Krieg vergessen ... Zwei Freunde
hören sich eine kroatische Platte an und singen mit, danach
eine serbische ... Am Ende umarmen sie sich und Petar schießt
sich in die Schläfe. Mario weint und kann es nicht fassen. Das
Telefon läutet: Es ist Anna. Mario: "Zu spät. Jetzt kannst
Du ihn in der "Stille" hören; Petar konnte mit der
Tatsache nicht fertig werden, dass es ihn nicht mehr in Eurer
Zukunft geben wird." Petar hat sich umgebracht, nicht wegen
des Krieges, sondern aus Liebe.

Paula
Dell`Armi (Italien), 29.9.2003
Abschiede am Balkan: Diese gehen weg, jene bleiben
www.lettera.com/
Einige
gehen, andere sterben, andere jedoch von der entsetzlichen Atmosphäre
erschreckt, die sie umgibt, flüchten in den Alkohol, in den Wahnsinn
oder in die Isolation. Das
gesellschaftliche Engagement des Romans ist schon auf der ersten
Seite des Textes "Abschied am Balkan" erkennbar, in
der surrealen Szene in der Wohnung, in der im Fernsehen eine importierte
humoristische Serie läuft, während am unteren Bildrand Titel mit
den Nachrichten über die letzten Bombardierungen laufen. Granateinschläge
als Kontrapunkt zum Lachen aus der Konserve, die Botschaft ist
sofort klar. Die zivilisierte und Konsum orientierte westliche
Gesellschaft soll sich nicht täuschen, der Samen des Krieges geht
nicht nur auf dem Boden der Dritten Welt auf. Niemand sollte denken,
dass das Kapital Krieg in Europa für immer beendet wäre, unter
der Patina des Wohlstandes kann immer die kleine Flamme züngeln,
wenn wir nicht die Kultur des Friedens pflegen. Der
Titel des Romans spielt mit der Zweideutigkeit des Begriffes "Abschied",
erfasst den existentiellen Zustand des Einzelnen auf dem Balkan,
wo ewig das Motiv des Abschieds und der Trennung und das bittere
Nachdenken über den historischen Zustand dieses Teils von Europa
herrscht. Mit Maß und intellektueller Ehrlichkeit bearbeitet Gunjaca
die Schlüsseljahre des Krieges im ehemaligen Jugoslawien durch
Geschichten über den Einzelnen, seiner Gefühle, und seine manchmal
kontroversielle Wahl. Kleine persönliche Tragödien sind mit der
großen Tragödie des Krieges durchflochten, so werden um den so
geschaffenen Kern die Leben der Figuren entwickelt und verwickelt.
Durch
den ganzen Roman zieht sich der rote Faden der Groteske, als ob
sie die Absurdität des Krieges betonen wollte, dessen historisches
Motiv fast wie verloren oder deformiert erscheint. Der Ton jedoch
ist ruhig und der Blick von Ironie jenes durchwirkt, der es gewohnt
ist über Enttäuschungen zu meditieren, die die Geschichte mit
sich bringt.

-
--
Francesco
Tebeo
(HYRIA, Nr. 99-100/2003, Italien)
Ein
klares und einfaches Drama bringt Menschen und Geschehnisse, die
wir wirklich kennen (vielleicht vom Militärdienst), auf die Bühne;
ein gewaltiger sprachlicher Enthusiasmus, die Einzelheiten der
hervorgerufenen Details sind geschickt verfasst. Das
ist das "Drama" eines Volkes, eines Krieges, der Glieder
abtrennt, den Verstand und den Geist zerstört und den Menschen
in den Abgrund der Zerstörung wirft. Kapitän Petar wurde von seiner
Familie verlassen, denn man muß "die serbischen Elemente
nach dem kürzesten Verfahren loswerden, auch wenn es sich um Ehemann
und Vater handelt". Er
erinnert an Vercingetorix, der seine Frau und seine Kinder am
Höhepunkt des gallischen Angriffs loswerden mußte. Mario, der
kroatische Kapitän, betont, dass alles "vom Winde verweht
wurde": Werte und Ideale, für die man kämpfte und lebte,
gehen verloren. Was
bleibt? Absurder, paradoxer Brudermord. Die Tragödie dieser Kapitäne,
von Petar, der das serbische Brot vom kroatischen nicht unterschied,
ist die Tragödie ihrer Soldaten, eines ganzen Volkes, verarmt
an bürgerlichen und menschlichen Rechten, verloren in Hilferufen
für Hilfe ohne Antwort.

Prof.
Laura Liberati
Mitglied der Oberen Kommission für das internationale Lesen von
Universum Verlag für den Literaturwettbewerb PREMIO INTERNAZIONALE
LIBRO D'ORO 2004 (Italien)
Der
Prolog von Mr. Sc. Srdja Orbanic fängt mit den scharfen und bedeutungsvollen
Wörtern "Godot ist gekommen" an.
Ganz
im Gegenteil auf das was im Drama von Samuel Beckett passiert, wo
die Personen Vladimir und Estragon auf den mysteriösen und geheimnisvollen
Godot warten, ein Warten, das immer sine die verschoben ist; in
diesem ausdrucksvollen Theaterstück leben die Offiziere Petar und
Mario, einer Kroate und der andere Serbe, die Erschaffung einer
programmierten Tragödie, die zum Selbstmord führt, durch.
Das
bestätigt, unter den zahlreichen Hauptfragen, der Satz des Protagonisten:
"Soll ich mich in Uniform oder in Zivil erschießen?"
Manchmal
hört man die klare Argumentation von Petar über die Möglichkeiten
der Begehung dieser letzten Tat.
Zahlreiche
direkte und indirekte Gründen beeinflussen die tragische Entscheidung,
wie die Entwicklung der Situation verstehen lässt, und obwohl sie
keine gute Ausrede schaffen, beitragen sie zur Verstehung des Kontextes.
Es
handelt sich um eine Mischung der Gedanken, Leidenschaften, in einer
bestimmten Zeit: Stunde, Mitternacht; Monat, September; Jahr, 1991;
Ort, Pula. Die Einheit der Handlung, der Zeit und des Ortes schafft
einen geschlossenen Dialog zwischen zwei Freunden; fesselt die Aufmerksamkeit
der Anwesenden (oder Leser); beunruhigt die Gefühle, so dass man
nicht entkommen kann und eben als was im 5. Jh. v. Chr. in der Tragödien
von Eshilov geschah (enthält alle Merkmalen der antike Tragödie).
Die
Thematik des Selbstmordes ist keine Neuigkeit in der Geschichte
der Literatur und stellt einer Art von kulturellem Humus dar.
Ich
beziehe mich gerne auf das berühmte Werk von Giacomo Leopardi, auf
eine seiner Moralischen Operetten (<Operette morali>) unter
dem Titel "Der Dialog zwischen Plotin und Porfirio". Die
Kulmination finden wir in den Wörtern an Porfirio: "Leben wir
meine Porfirio und trösten wir uns /.../ um dieses qualvolle Leben
mit Ehre zu beenden".../ Und wenn das Ende kommt, wird es keinen
Schmerz geben /.../ der Gedanke tot zu sein.../ wird uns glücklich
machen" .../ (Freunde und Kollegen) "viele werden sich
an uns erinnern und werden uns für immer lieben...".
Man
sollte aber erwähnen, dass die Natur des Werkes von Leopardi theoretisch
und pädagogisch ist, während das was für das Theater spezifisch
ist, ist eine emblematische Wendung des Lebens; hier verwickeln
sich die Interpretation und die Kreativität, mit einer konstanten
Spannung zwischen Wörtern und Vorstellung.
Da
der kanonische Prolog entfällt, beginnt die Handlung in medias res.
Nach
35 Seiten kontradiktorischer Überzeugungen und wenn man denkt die
psychologische Auflösung eintreten sollte, lässt Dražan Gunjaca
keine Ruhe. Es scheint als ob es um eine "Farce" geht,
die eine tragische Abwicklung hat. Ein Intermezzo (Seiten 50 bis
60), während dessen die Figuren, die den Rang betreffend sehr gut
definiert sind, eine nach dem anderen auf die hypothetische Szene
auftreten, dient zur Vorbereitung aller erforderlichen Einzelheiten
für die Katabase.
Sogar
die Sachen wie das Telefon sind mit Blut von Petar befleckt. Der
Vorhang fällt auf die Tränen des Freundes, während der Autor den
Zuschauer überrascht: die Stimme von Mario, die Stimme des zweiten
Protagonisten, betont die Stille jetzt eines bereits unmateriellen
Wesens. Aus unfassbarer Räume wird die Stille von Petar in der nähen
Zukunft die Wahrheit sprechen. Gunjaca zeigt eine feine und tüchtige
Kunstfertigkeit, indem er den Unterschied zwischen dem Russischen
und dem Balkan Roulette in der letzten Wörtern erklärt.
Auf
die verwirrte Frage von Mario: "Was ist das Balkan-Roulette?",
der andere antwortet: "Gleich wie das Russische, nur spielt
man es mit einer TT Pistole, mit der hier in der Hand".
Ich
würde gerne jetzt die Grundelemente des Werkes behandeln.
Die
Eigenart des Werkes ist die Verurteilung des Krieges, durch dem
"seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte zu viel Blut vergossen
wurde". Trotz der stärken Widerspruch gegen den Krieg bleiben
der Machthaber elendig, fähig ihren Überzeugungen zu ändern, umgeben
von Anhänger, unterdrückten oder noch schlimmeren Menschen, die
ein einziges Ziel haben, ihren Status als Gefolgsmänner zu verschleiern.
Der
Protagonist Petar ist, als ich schon erwähnte, durch das unerwartete
Verlassen seiner Frau Ana, eine Kroatin, die mit den Kindern nach
Dalmatien ausgezogen ist, zerstört. Er lebt in einem Zustand äußerster
Spannung als Vater (ein aktuelles Thema) der fürchtet, dass seine
Kinder ihn nicht schätzen oder an die Liebe glauben werden.
Das
Schicksal der Familie ist mit dem Schicksal des Staates verbunden.
Nach
der Tradition hat er immer, als er Serbe ist, an das letzte geglaubt
als auch an die Heimat; aber jetzt lebt er eine Krise der Identität
durch und sieht nur die Säuberung und den üblen Nationalismus.
Äußere
Stimmen und episodische Ereignisse weisen auf das Zerfallen der
Armee und auf das allgemeine Chaos: Ereignisse, die die slawische
Völker seit Jahrhunderten erleben dürften. In dieser Sinne vergehen
die Sequenzen der epochalen Momente aus dem politischen, gesellschaftlichen
als auch ideologischen Bereich. Man bezieht sich auf Josip Broz
Tito und auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg.
Unter
dem Einfluss von Alkohol verlangt der Offizier Petar von seinem
treuen Freund, dass dieser mit ihm bleiben soll, während er verzweifelt
gemeinsame Wurzeln und kulturelle Erbschaft sucht. Der Dichter Kranjcevic,
der zum realistisch-psychischen Literatur zugehört, der montenegrinische
Landesherr Njegoš und die nationalen Werke sind nicht zufällig erwähnt.
In
den Momenten tiefer Einsamkeit ist Petar durch Glaube gerettet.
Die Bestätigung dafür ist der Bezug auf das Lesen der Bibel, das
ihm zu seiner geliebten Frau Ana annäherte und mit ihr wieder aussöhnte.
Der
Glaube in Einem, der in das Herz der Menschen hineinsieht und einen
Serbe von einem Kroate nicht unterscheidet.
Die
Annäherung zu seinem Freund Mario, erschöpft durch den Misserfolg
seiner Unternehmung, die während des ganzen Dialogs dauert, erreicht
seinen Höhepunkt als die Paten und Freunde singen und zusammen auf
die jeweiligen Hymnen ihrer zwei Staaten hören.
Ein
kreatives Werk, das das Herz der Leser rührt: ein hohes Register
von Werten bleibt erhalten, von der realistischen Sprache nicht
berührt und ins Milieu verleiht. Metaphorisch ausgedrückt könnten
gegensätzliche Farben einer Art des Lichtes sein, gleich wie in
der Gemälde von Caravaggio, die nicht aus einer deutlichen Quelle
stammen wie die flämische Gemälde, sondern mit der geschickten
Benutzung der Farbe aus der Tiefe der Personen herauskommen.

Balkan-Roulette
Vincenzo Lombino, Redakteur der Zeitschrift Impatto Sonoro
Mit
Absicht beginnt alles mit der Assoziation der Geschichte des berühmten
Werkes "Warten auf Godot", als ob in Gunjacas Drama die
Hauptgestalten, Petar und Mario, die Rollen ihrer Vorgänger, Vladimir
und Estragon, übernehmen sollten. Und als Godot, auf den alle warten,
eines Nachts im September 1991 endlich kommt, kann die Geschichte
schließlich beginnen. Allein im Zimmer, mit vollem Aschenbecher,
eine halben Flasche Cognac und ihren Pistolen, beginnen die zwei
Freunde über den Krieg zu erzählen und darüber, was der Mensch jetzt
bedeutet, gezeichnet von dem für die Heimat vergossenen Blut.
Das
ist der Tod der Ideale und Ziele, weil sie der Krieg zerstört hat.
So beginnt die Geschichte mit Petar, der Politik und Militär, Serben
und Kroaten zum Teufel schickt, den seine Frau mit den Kindern ohne
irgendeine Erklärung verlassen hat. Petar, der auf diese Weise alles
verloren hat, hat nichts mehr zu verlieren. Petar, der aufgehört
hat an den Staat zu glauben und der es ablehnt, im selben Staat
als Fremder, Feind oder Besatzer zu leben, der aber gleichzeitig
ablehnt anderswo zu leben. Petar, der entschlossen hat sich umzubringen.
Das
Gespräch der beiden Figuren ist so gut gestaltet und ist so stimmig,
dass es fast wie ein Monolog ist, als ob beide eine Person im Konflikt
mit sich selbst wären, als ob darüber entschieden würde, welcher
Teil dieser Person überleben sollte.
Das
Dramatische dieser Situation (der von außen und der von innen) wird
durch Ironie betont, als ob das Lachen die einzige Haltung wäre,
die der Krieg zu zerstören nicht geschafft hat. Diese Ironie erinnerte
mich an Mordecaia Richler. Da es sich um ein Theaterstück handelt,
ist es am ehestens mit Pirandellos Tragikomik zu vergleichen. Die
Schläge, die Gunjaca der Politik und der Mentalität der Menschen
versetzt, sind zu direkt und zu scharf, um ihn mit dem sizilianischen
Schriftsteller zu vergleichen, obwohl der Autor einmal ironisch
ist, indem er gerade Pirandello benutzt, aber auf eine Art und Weise,
dass man den ganzen Schmerz und das Leid sieht, die hinter dieser
Replik stehen:
ANTE:
Danke. Verzeiht, aber Sie beide, Sie und Petar, sind sonderbare
Blüten.
PETAR:
Das sind wir, das sind wir. Wir blühen immer auf, wenn es nicht
sein soll.
Das
Werk findet seinen Höhepunkt in sieben Antworten:
PETAR:
Hast du je Russisches Roulette gespielt?
MARIO:
Ich bin doch nicht verrückt. So wenig Glück ich habe, würde ich
mir das Hirn zerfetzen, auch wenn die Pistole nicht geladen wäre.
PETAR:
Und Balkan-Roulette?
MARIO:
Was für ein Roulette ist das?
PETAR:
Wie das Russische, nur wird es mit dieser Pistole gespielt, die
ich in der Hand halte.
MARIO:
Bist Du verrückt? Russisches Roulette ist ein totaler Wahnsinn,
man benutzt einen Revolver und nicht eine Pistole. Mit einer Pistole
wirst du dich sicher umbringen, es gibt keine Alternative.
PETAR:
Das ist das, wovon ich spreche, Balkan-Roulette kennt keine Alternative.
Am
Schluss erinnere ich daran, dass in Belgrad beschlossen wurde nach
dem Drama "Balkan-Roulette" einen Film zu drehen, obwohl
ich denke, dass es sich um ein ausgezeichnetes Theaterstück handelt,
was Sie wahrscheinlich auch erfasst haben. Ich zweifele sehr daran,
dass man daraus einen genau so guten Film machen könnte. Es ist
nicht unmöglich, aber da das Drama auf einer Art Monolog beruht,
wird es schwer sein, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln.
Es ist nicht gesagt, dass aus einem interessanten Buch auch ein
guter Film wird: Es hängt vom Regisseur ab.
Dennoch
hoffe ich, dass aus allem ein guter Film wird und dass er (falls
uns der Gott der Kaufleute geneigt sein wird) auch in Italien gezeigt
wird.
Ich
führe auch die Links an, die sich auf das Buch und/oder den Film
beziehen:
www.drazangunjaca.net/balkanskirastanci/ITA_site/ITA_index.htm
www.montage.co.yu/_sgg/m2_1.htm
Ich
erspare Ihnen die unzähligen Preise, die dieses Buch bekommen
hat, denn wer kümmert sich schon um Preise. Wichtig ist die Kunst
und ich versichere Ihnen, dass es sich hier gerade um Kunst handelt.

Es
war einmal Warten auf Godot: es war einmal eine Enttäuschung, aber
nur anscheinend, weil der von Drazan Gunjaca dargestellte Mann etwas
noch Schlimmeres getan hat: er ist gekommen! Er ist mit aller seiner
Brutalität und Flegelhaftigkeit gekommen.
Petar
und Mario, ein Serbe und ein Kroate, beide Offiziere der ehemaligen
Armee, Freunde, Feinde oder egal was, haben kein Grund in einer
Nacht im Jahre 1991 in einer Wohnung zu warten....
Der
Mensch ist gekommen und hat das was üblich ist: einen irrationalen
Krieg, wie jeden anderen angefangen.
Mr.sc.
Srda Orbanic schreibt: "Das Lesen des Dramas wird dem Leser
vorführen , dass es besser ist auf Godot zu warten als ihn zu erleben!"
Meiner
Meinung nach schafft Drazan Gunjaca ein Spiel konzentrischer Kreise:
der Wahnsinn ist durch Wahnsinn berechtigt. Die Absurdität des absurden
Dramas ist nicht was es einmal war, weil die Welt die einzige echte
Absurdität bleibt. Drazan hat einen Krieg erlebt und hat darüber
in seinem Theaterstück erzählt; ein Theaterstück, das sogar Klaustrophobie
erweckt indem es sich in sein Schneckenhaus zurückzieht; und wir
alle haben uns mit dem Gedanken getröstet, dass der Sinn verloren
gegangen ist, nun nicht von Vladimir und Estragon, sondern von Godot,
als ob die Machtlosigkeit eine Trost sein könnte.
Ich
könnte meine Gefühle kaum zurückhalten, während ich eine Seite nach
der anderen las: die Szene schließt sich immer wieder gegen ihr
unmögliches Öffnen (vielleicht gibt es nichts außerhalb dieses Raumes
und hier liegt das Geheimnis des Theaters), aber wo endet die Ironie,
wo fängt die Tragödie an, was bedeutet dieses Fehlen der Grenzen?
Damen
und Herren, lesen Sie Drazan Gunjaca, finden Sie ihn, kaufen Sie
ihn, lesen Sie sein Balkan-Roulette, die Regeln sind sehr einfach,
nun....was wenn sie diese von heute wären?

I.Grguriæ
(Graðanski list „Bürgerblatt“, Novi Sad, Srbija, 2.11.2004.)
Hoffnungslosigkeit, Roulett und Sprache aus einer Garnison
Über die „balkanischen“ Themen schreibend, in jener Zeit, wenn „auch das Schicksal kein Geduld mehr für normale Menschen“ hat und „wenn kein Mensch das exklusive Recht auf das Leiden hat“, hat Dražan Gunjaèa dem serbo-kroatischen Krieg jene Dimension gegeben, die ihm zugehört – die Dimension der Absurdität. Gunjaèas Dramen Balkan-Roulette und Balkan-Aquarell , die symbolisch durch den Titel Godot ist gekommen vereint sind, zeigen das Unglück, die Hilflosigkeit und die Sinnlosigkeit des Menschenlebens sowie des Todes. Das Leben ohne Antworten, ohne Möglichkeit die schwierige Situation zu verändern, wodurch die Würde der Menschen verletzt wird, bilden eine Realität, in der sogar der Tod keine Alternative darstellt, da im Krieg auch nicht die Toten unentschlossen sein können
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