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. Balkan-roulette
- Theaterstück on-line
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Rezension

die AUSGABEN :
- Der Preis der Heimat
- Balkan-roulette
- Im Schatten des Verstande
- Liebe als Strafe
- Auf Halbem Wege zum Himmel
- Wenn es mich nicht mehr gibt
- Gute Nacht , Freunde!
- Alle Menschen sind brüder
- Träume haben keinen Preis
Balkan-Aquarell

 

Andrea Camilleri
Gianna Dallemulle Ausenak
Zoran Raicevic
Rastislav Durman
Francesca Pedinelli
Valentina A.Mmaka
Francesco Mazzetta
IL LABORATORIO DEL SEGNALIBRO
Luciano Dobrilovic
Antonia Izzi Ruffo
Paula Dell`Armi
Francesco Tebeo
Prof. Laura Liberati
Vincenzo Lombino
Fabrizio Pizzuto
I.Grguriæ

 

 

Andrea Camilleri

Der trägische ausichtlose Dialog, dem Duell aufs leben und Tod ähnlich, über die Sinnlosigkeit des Kampfes und Krieges.

  • DER PROGRAMMIERTE KRIEG
    Gianna Dallemulle Ausenak
    (LA BATTANA, Rijeka, Nr. 148/2003)
Es ist schwer über den Krieg auf dem Balkan zu sprechen ohne in eine Verwirrung von Gefühlen zu geraten und von emotionellen Bedeutungen belastet zu werden, die das Vermitteln von Geschehnissen erschweren. Dem Autor gelingt das, weil seine Gestalten die Geschehnisse und die Folgen des Wahnsinns des Krieges von innen erleben. Ganz am Beginn des Stückes, in einer Welt in der alles durcheinander und verdreht ist, wird der Zusammenstoß mit der neuen Realität ein unerträgliches menschliches Drama, in dem die Suche nach einer vernünftigen Lösung wie ein mühsames und unmögliches Spiel erscheint.
Wie alle Kriege (zum guten Teil vergessen - interessiert überhaupt irgend jemanden der augenblickliche Genozid im Kongo beispielsweise?) war auch derjenige auf dem Balkan geplant. Einige schurkische Kriminelle haben die Welt davon überzeugt, dass der Hass zwischen Völkern typisch "balkanesisch" sei und dass er eine Bedrohung der Sicherheit im neuen Jahrtausend darstelle. Es war also notwendig eiligst und unter Anwendung von Gewalt diese "primitiven Völker" um jeden Preis zu trennen. Um dieses Ziel zu erreichen, war es vor allem nötig das Szenario gut vorzubereiten (wer erinnert sich nicht an die Pseudowahrheiten der Belgrader Akademie der Wissenschaften aus dem Jahr 1986?), einen Hass im "Feind" zu säen, ihn zu dämonisieren und alle davon zu überzeugen, dass die Schrecknisse notwendig seien, zu desinformieren und darauf zu insistieren, bis die Wahrheit selbst verdreht ist. Die Massen applaudieren, die Massen sind überzeugt, gut, sehr gut - und jetzt kommt der zweite Akt, wir schlachten, zerstören, entwurzeln. Ja, alles ist mit sehr viel Aufmerksamkeit gemacht. Und trotzdem war das angewendete Schema weder neu noch originell. Wie alle Kriege, die weder heilig noch mit lauteren Absichten sind, sondern schmutzig und katastrophal. Egal was man über die Kriege erzählt, immer sind es die Kriege politischer oder wirtschaftlicher Mächte, die Kriege bestehender oder neuer Mafias, aufmerksam programmiert und "camoufliert", alle haben das gleiche Ziel: Dominanz, Macht, Anhäufung von Geld, Gütern und Territorien, Erdöl, Methan, Waffenhandel. Manchmal eine Dosis Schizophrenie hinsichtlich der "eigenen Bedeutung in der Geschichte" - alles riesige Geschäfte, genauso wie riesengroße Lügen, Plünderungen und Betrug. Welche Freiheit, welche Unabhängigkeit, welcher heilige Boden!!!
So ein Nachdenken durchzieht den Text, doch gehen wir zum "Balkanroulette" über. Wenn das Alltagsleben mit der Gleichgültigkeit der großen Geschichte im Schritt geht, atmet und denkt das menschliche Leben in seiner Kleinheit, im eigenen Mikrokosmos, dem einzigen, an dem ihm wirklich etwas liegt. Der Autor betritt gerade da das Gebiet der Individualität, um die gesamte Wahrheit zu erläutern: er spekuliert und spielt mit ihr bis zum Augenblick ihres tragischen Zusammenbruchs. Gunjèas Distanz und aseptische Betrachtung sind eigentlich nur illusorisch: in der Humanität, mit der er seinen Helden und ihrem verzweifelten Bemühen folgt, ist seine Feinfühligkeit sichtbar, seine Teilnahme und Sympathie gegenüber den Elenden, die von primitiven Waffenhändlern zerrissen werden.
Es ist Zeit die Szene zu betreten.
Wir befinden uns in einer Privatwohnung in Pula. Es ist fast Mitternacht an einem Tag Ende September. Es ist das Jahr 1991, nicht irgend ein Jahr: Jugoslawien zerfällt, und der Krieg ist nicht nur eine theoretische Möglichkeit. In dieser Situation befinden sich nach vielen Jahren der Freundschaft zwei Kapitäne der ehemaligen Jugoslawischen Volksarmee, der Serbe Petar und der Kroate Mario - an zwei verschiedenen Seiten. Sie haben ziemlich viel getrunken und führen eine bizarre Diskussion über Petars geplanten Selbstmord. Er möchte sich umbringen und rechnet dabei mit der Hilfe seines Freundes, dem er alle seine Gründe auseinandersetzt. Diese Entscheidung scheint völlig absurd, übertrieben, aber Petar hat eine zweifache Tragödie erlebt: mit einem Schlag hat er, wie er sagt, Familie und Staat verloren. Aus Opportunismus oder Voraussicht (als ob es wichtig wäre), hat ihn seine Frau, eine Kroatin, verlassen und auch die gemeinsamen Kinder mitgenommen. Für ihn ist damit die Welt zusammen gebrochen, und das Leben hat keinen Sinn mehr. Kann ein Mensch ohne ein eigenes Leben leben? Wer wird man, wenn die Identität genommen wird, fragt er sich verzweifelt. Man kann leben, antwortet ihm sein Freund, wenn du auf dich selbst und deine Ideale verzichtest, wenn du mit einem Strich das was bis dahin dein Leben ausmachte weg radierst, wenn du heilig auf alles verzichtest, woran du bis dahin geglaubt hast, wenn du mit Scheuklappen lebst, wenn du opferst ...

" Und was soll ich opfern? Mich als Serben, Offizier und Menschen, oder mich als Serben, Vater und Menschen? Verstehst du, was ich sagen möchte? Auf jeden Fall opfere ich mich als Menschen. Und wenn ich das Menschliche in mir verliere, wozu brauche ich alles andere? (...)
Was brauchen sie einen Vater, der nicht weiß was er ist? Der nicht weiß, wohin und zu wem er gehört. Wenn ich in Kroatien bleibe, darf ich morgen meine Kinder nicht nach Serbien führen, in meine Geburtsstadt, weil ich ein Verräter sein werde. Wenn ich nach Serbien gehe, darf ich morgen nicht mehr hierher kommen, um meine Kinder zu sehen, weil ich ein Besetzer sein werde. Verstehst du? Und ich kann weder ohne meinen Geburtsort noch ohne meine Kinder leben."
Der Dialog der beiden Offiziere ist von Ausdrücken der Schuldzuweisungen und ethischer Mitteilungen durchflochten, in dem er Themen großer und kleiner Geschehnisse in der Vergangenheit und Gegenwart der Balkanländer berührt, jener Länder, in denen die Nationalhymne wichtiger sind als ein voller Magen ...
Es wechseln Augenblicke der Selbstbetrachtung, voll mit absichtlich übertriebener Spannung und Andeutungen von Ironie, um die Mentalität und das Milieu zu betonen, dem die Gestalten angehören, mit scheinbar banalen Dialogen, die unerwartet in wirkliches Leid übergehen. Der Autor hatte nicht die Absicht einen Prozess zu erwirken, sondern er wollte schrittweise mittels der Darstellung und Analyse der mehr als bitteren Wirklichkeit zur Wahrheit gelangen. Wenn Nebenfiguren auftreten (Fähnrich Jovica von der Militärpolizei, Serbe, und Safet, Militärpolizist, bosnischer Muslime) so vermitteln sie dem Drama die Konnotation der Farce, indem sie uns wieder die konventionelle Rolle des kleinen Mannes im schamlosen Spiel der Macht vorführen, der noch weniger als Nichts bedeutet.
Der Kreis schließt sich langsam. Petar, der die Zugehörigkeit zur Welt verneint, die ihm unverständlich geworden ist und vor der er auf die für ihn einzig mögliche Weise davon läuft, von dessen tragischer Absicht weder Marios ehrliche Freundschaft noch seine Aufforderung zum Nachdenken abhalten können. Nach dem letzten karikaturistischen Anhören der jugoslawischen und kroatischen Hymne, schießt er sich in den Kopf.
Dieses Werk ist bemerkenswert, es ist meisterhaft ausgeführt, auch dank der außergewöhnlich guten Kenntnisse des Autors des Themas, mit dem er sich auseinandersetzt. Außer des Hauptgedankens über die menschliche Katastrophe über die Folgen des Krieges, ist der klare Wunsch erkennbar, Dinge zu klären, die das Gewissen der Menschen hinterfragen ohne zu philosophieren. Das ist der Weg, den Gunjaèa zu Ende geht, mit viel Aufwand und Sinn fürs Theater.
Es besteht der Wunsch, dass das Drama "Balkanroulette" so früh wie möglich auf die Bretter, die das Leben bedeuten, erscheinen möge.

  • Zoran Raièeviæ, Dramaturg
    (Volkstheater Belgrad, Serbien)

Das Drama «Balkanisches Roulette» ist reif und klar geschrieben, tapfer ergreifend in das menschliche Gewebe von Gestalten, aber auch das Opfer in das yugoslawischen, blutigen Drama. Der Verfall von gesellschaftlichen Gemeinschaft brachte unvermeindlich zum Verfall von zwischenmenschlichen Beziehungen aber auch des Einzelnen, der selbst der Täter dieser Beziehungen ist. Die Verwicklung ist logisch, die Beziehungen klar.

  • Durmans Verbesserte Meinung
    Rastislav Durman (schriftsteller, Bücherkritiker, Novi Sad, Serbien)
Dem Genre nach ist «Balkanischer Roulett» mehr eine Tragödie als das Drama und sogar die Tragödie, die Poetik der antiken Vorbild folgt. Der Text von Gunjaèa geht mit den Verhältnissen des Verfallens des zweiten Yugoslawien um, es bedeutet, er befasst sich mit etwas, dass noch immer nur keine Historie ist, sondern mehr einer Glut auf der Asche ähnelt, den Wunden, die noch mehr die Kratzer, als eine Narbe sind, aber man erlebt sie nicht als Dokumentation über einen kleinen Menschen, der als Opfer der Interessen der hohen Politik funktioniert, und nicht als Essei der serbokroatischen, kroatischserbischen oder kroatischen und serbischen Arten ist, die in einem Unzeitraum von unauskurierten Kinderkrankeit des nationallen und Staatskolektiv ist. Beziehungsweise, ist nicht nur ein Dokument oder nur ein Essei – es ist in Wirklichkeit, aber erst im zweiten, dritten Plan. Im ersten Plan beschäftigt es sich mit einem arheotipischen Menschen, dem alle Werte um denen er sein Leben gestalltete, weggenommen sind. In dem, was es Peter, Mario, Jovica, Safet, Ante, Ivan und Milojica geschieht, können wir die Tragödie aller ehrenhaften Offiziere, dessen Qual nicht die Niederlage ist, ahnen, sondern die Möglichkeit, dass das Schwur folgt. Und nicht nur die Soldatenqual, sondern all'diesen Menschen, die von dem alltag weggerissen worden sind, in dem sie geglaubt haben, mit bester Absicht das Beste von sich selbst gebant zu haben. Gleiche Bitterkeit haben auch britische Centurion empfanden, als sie auf den Ufern von Temse galassen worden sind, als sich die Legionen definitiv zurückgezogon nach Rom haben, auch der chechische Ingeniuer, der sein ganzes Leben der Entwicklung slovakischer Eisenfabriken gewidmet hat, und plötzlich eines Tages wachte er in Slowakei als Nationalminderheit auf.
In der Begegnung nit einigen ersten Seiten vom «Balkanischen Roulett» bekommt man den Eindruck, dass es sich um das Drama zum Lesen oder den Roman in der Form vom Dialog handelt – die dramatische Ladung in Explosion ist innerlich, doch die Szene selbst ist statisch, Repliken sind relativ lang. Mit der Einführung neuer Gestalten ändert sich die Situation im Ganzen, die innere dramatische Ladung der Gestalten wird in Aktion umgegossen worden, die Aktion kommt ins Schwung, um am Ende törichten Rhondo-Rhytmus zu erlangen, der man als Verfahren in Romanen von Gunjaèa erkennt (so kann man in bestimter Art von Rhytmus, die als Konstante vom Gunjaèastil sprechen). Nach der geschwungenen Aktion folgt wieder eine Beruhigung, man bekommt den Eindruck, dass die Simetrie in der Komposition chirurgischen Zysten ist, die Handlung geht in der paraboliken Umlaufbahn zur Koordinate von der man angefangen hat, und dann auf einmal wieder die Kulmination, grosse emotive Explosion und Leere.
Das, was «Balkanischen Roulett» von antiken Tragödien unterscheidet, ist das Auslassen des erhabenen Tons (hier begegnen wir das reine Naturalismus) und erhobener Sprache (die in Drama rudimentär ist, die Zeichen ganz in der funktion in der Kaserne aufgewachsenen und formierten Gestalten), aber es dem held (den Helden) die Götter nicht entgegenstellen, sondern die Historie, so gegen den Heiligen und ortodokser Hymne.

Ich empfehle das Drama zum Lesen, Ausführung und zum Schauen.

Ende September 1991, Jugoslawien, wir befinden uns in einem Gebäude in Pula, draußen herrscht Krieg. In der Luft liegt noch immer die Stimmung des alten, ruhmreichen Staates von Tito, der Heimat der Traditionen, wegen derer man vom Balkon schießt, um die Geburt eines Sohnes zu feiern, sogar auch dann, wenn draußen gestorben wird und auch dann, wenn dies die Gefährdung des eigenen Lebens bedeutet. „Wir sind nur Menschen, gewöhnliche Menschen“, nur das ist am Ende wichtig. „Diese Phase des Stammesdenkens wird vorbei gehen und die Menschen werden wieder Menschen werden, ohne Rücksicht auf ihre Nationalität“, sagt der Kroate Mario, Kapitän der jugoslawischen Volksarmee, der beschließt, sich von seiner Uniform zu befreien, damit er nicht als Besetzer betrachtet wird.
Jetzt, wenn es keinen gemeinsamen Feind mehr gibt, bleibt nur übrig, dass sie untereinander, Serben und Kroaten, Blutsverwandte, in Konflikt geraten, die durch eine Fahne, eine Hymne, einen Dichter getrennt sind, denn „nach dem zehnten Opfer, das dir wichtig ist, wird der Krieg zu deinem, egal wo du dich befindest“. Wenn das die Spielregeln sind, dann beschließt Petar, selbst auch Kapitän der jugoslawischen Volksarmee, nicht mehr mitzuspielen. Er verzichtet auf die Uniform, um auf den Krieg zu verzichten, der nicht der seine ist, aber der es doch verursachte, ihn von seiner Familie, ihn als Serben von seiner Frau als Kroatin zu trennen, die zusammen mit ihren Kindern flüchtete. Mit den Kindern, die früher Jugoslawen waren, und die jetzt Serben wir der Vater sind, oder vielleicht Kroaten wie die Mutter.
Das ist ein Theaterstück, in dem die Stimmung der bedrückenden Erwartung des Todes untergeordnet ist, die nur zeitweise durch das Auftreten neuer Gestalten und neuer menschlicher Dramen unterbrochen wird. Das ist die Welt der Tränen, die zum Beispiel in der Darstellung Petars und Marios, die umarmt gemeinsam weinen erkennbar ist und die ihre „alte“ Hymne singen, eine Darstellung, in der alles seinen Grund im tragischen Epilog findet, in dieser „Befreiung“, die nur dank des Schusses in die Schläfe eintritt. Das Balkanroulette lässt keinen freien Raum zur Meinungsänderung übrig, denn in diesem tragischen Spiel mit dem Tode stehen wir nicht vor einem Revolver wie im russischen Roulette, sondern vor einer Pistole, bei der jedes Abdrücken das Ende von allem bedeutet. Trotzdem kann das wie in Petars Fall einen neuen heldenhaften Anfang bedeuten. Egal ob wir es eine Tragödie oder eine schwarze Komödie nennen, so stellt diese letzte Arbeit von Dražan Gunjaèa, einem 45-jährigen Anwalt mit dem „Laster“ des Schreibens, den verzweifelten Schrei gegen den Krieg und den Hass dar. Es sind sehr aktuelle Themen, die der Autor als seine eigenen verspürt, so dass es ihm gelingt den Leser auf eine spannende Reise durch das Privatleben von zwei Personen, wie viele andere, mitzunehmen. Zwei Personen, die sich im Unterschied von den anderen, an der richtigen Stelle aber zu falschen Zeit befinden, als Bürger des „Pulverfasses“, Balkan genannt, wo die Zündschnur eines neuen Konflikts fast immer am Glosen ist.
Dieses Drama ist auch eine Lehre für diejenigen, die den Krieg nicht erlebten, sondern nur die Ereignisse verfolgten, wie auch für diejenigen, die denken, dass der Krieg auch gute Seite hätte. Alles in allem, ein gut geschriebenes Bucht, intelligent, von Frieden durchdrungen, und schon deswegen wertvoll zu lesen.

  • Valentina A.Mmaka
    (STILOS,
    Italia, 19.03.2003.)

Ein Drama über den Balkankrieg. Gunjaèas Gestalten zwingen uns in ihren knappen und überzeugenden Dialogen über die Gründe des Krieges, über ethnische Zugehörigkeit, über gewöhnliche Menschen, die sich im dunklen Bösen des Krieges gefunden haben, in ihrer schmerzhaften und unheilbaren Existenz, zum Nachdenken. Balkanroulette ist eine Anspielung auf die Variante des russischen Roulettes mit dem einzigen Unterschied, dass das russische Roulette (mit einem Revolver) noch einen Freiraum für einen Fehlschuss lässt, während das Balkanroulette (mit einer Pistole) keine Möglichkeit der Rettung zuläßt. Der Tod ist das Ergebnis des perversen „Spiels“, unangemessen und unumgänglich für denjenigen, der spürt wie seine eigenen Werte unter der Last der vom Krieg zerrissenen Erinnerungen nachlassen, wie in der Geschichte über PETAR, eine der Hauptgestalten.


  • Francesco Mazzetta
    Il Mucchio Selvaggio (Italia), 25.-31. März 2003

Balkan-Roulette von Dražan Gunjaèa wäre eine Farce, wenn es keine Tragödie wäre: in Pula diskutieren in einer Herbstnacht 1991 zwei Kapitäne der ehemaligen Jugoslawischen Volksarmee, Petar - ein Serbe und Mario – ein Kroate, über die eigene Situation. Besonders verzweifelt ist Petar, der bis vor kurzem ein angesehener Vertreter der Armee war, und jetzt auf einmal zum Besatzer geworden ist. Zu seiner Verzweiflung trägt auch die Tatsache bei, dass ihn seine Frau, eine Kroatin, mit seinen Kindern verlassen hat. Der einzige übrig gebliebene Freund in einem Land, das seine Heimat war und jetzt nur mehr ein Land ist, ist der langjährige Kollege Mario, der sich durch neue nationalistische Ideologien nicht beirren lässt: er hat die Uniform ausgezogen, er versucht a shelter from the storm, Schutz vor dem Sturm, zu finden. Petar dagegen ist zu sehr durch den Verfall der Werte, an die er glaubte und durch das Auseinanderbrechen seiner eigenen Familie verwirrt, so dass es ihm unmöglich ist, einen Schutz vor dem Schmerz im gesunden Zynismus der Nationalität zu finden, und sich daher dem „Balkan-Roulette“, einer Variante des russsischen Roulettes, zuwendet, bei dem man keinen Revolver sondern eine Pistole verwendet, so dass es unmöglich ist zu „verlieren“. In die dramatischen Geschehnisse werden allmählich anderen Gestalten einbezogen, alle Soldaten/Polizisten, die Petar zwingt sich mit dem Zerfall des Balkan zu konfrontieren und auf verschiedene Weisen sich des absurden Fatalismus bewusst zu werden, mit dem sie augenblicklich das annehmen, wovor ihnen vor kurzen noch ekelte. Am Ende ist der Abgrund, in den der gewöhnliche Mensch –Petar, fällt, nicht so sehr die Metamorphose der Ideologien oder Uniformen, als die Tatsache, dass diese Ideologien und Uniformen auch die Seelen der Menschen kennzeichnen, so dass auch die stärksten Gefühle diese Veränderungen nicht übertreffen können. Dieses kurze Theaterstück sollte deswegen denjenigen als Warnung dienen, die zur Trennungen und Regionalismen aufrufen, es sollten alle Leghisten (Angehörige der Partei Lega nord, Anmerkung des Übersetzers) lesen in der Hoffnung, dass wenigstens einer von ihnen zu sich kommt.

  • IL LABORATORIO DEL SEGNALIBRO n. 14/2003 (Italien)

"Balkanroulette", schon beim Literaturwettbewerb "Il viaggio infinito 2003" mit einem Preis ausgezeichnet, ist ein Drama, das auf eine tragisch-komische Weise die Geschehnisse beschreibt, die dem Krieg auf dem Balkan von 1991 vorangingen. Das wird auch durch Gesten und Wörter von sieben Offizieren der ehemaligen föderalen Armee beschrieben, die sich bei diesem brudermörderischen Krieg auf entgegengesetzten Seiten befinden.
"Balkanlroulette" ist in Form eines Theaterstück geschrieben und erinnert an eine alte klassische Tragödie, von der es sich aber durch aggressive Dialoge und durch die Art des "Feindes", mit dem er konfrontiert ist, unterscheidet.
Wo die griechischen Helden von den erzürnten Göttern besiegt wurden, droht den sieben Soldaten dieses Buches nur ein Feind: die Geschichte.
Das ist ein Werk über die Sinnlosigkeit des Krieges, das auf eine realistische Art die Liebe zum anderen verherrlicht.


  • --EINE ZEITGENÖSSISCHE TRAGÖDIE
    Lucano DobrilovicFucine Mute, n. 56/2003 (Italia)

    www.fucine.com

Balkan-Roulette ist ein Drama in einem Akt mit einer Thematik, die sich in ihrer Tiefgründigkeit auf die alte griechische Tragödie beruft, aber in einem erschreckend zeitgenössisch historischen, gesellschaftlich menschlichen und politischen Kontext: in dem blutigen Zerfall Jugoslawiens. Der Autor ist Dražan Gunjaèa, der am eigenen Leib diese Tragödie und die Absurdität dieser Wirklichkeit erlebt hat, insbesondere jene seiner Gestalten: Offiziere, deren Aufgabe und Treueeid keine Bedeutung mehr haben, weil sie dem Militär dienen, das vom Verteidiger eines multiethnischen Landes und seiner Ideale, auf denen es beruht, zum Angreifer gegen die eigenen Völker wurde, die sich souverän und politisch unabhängig erklärten, da sich der Staat auflöste. Nur einige Jahre bevor die Tragödie begann verließ Dražan die Jugoslawische Volksarmee, um in Pula als Rechtsanwalt zu arbeiten, mit dem Diplom, das er sich in der Zwischenzeit erworben hatte. Dieses Drama wurde nach dem Abschied vom Balkan aus dem Jahr 2001 geschrieben, ein Roman, der gleich in Deutschland, Australien, Amerika, Bosnien und Herzegowina, Jugoslawien übersetzt und erfolgreich veröffentlicht wurde. In italienischer Sprache wurde "Balkan-Roulette" im Januar 2003 vom Verlagshaus Fara Editore mit einer Einführung von Srða Orbaniæ herausgegeben, eines hellsichtigen und mutigen Intellektuellen aus der Gemeinde der Italiener in Kroatien, der das Werk zusammen mit Danilo Skomerèiæ übersetzt hat.
Petar, Kapitän der Armee, kommt in seine Wohnung in Pula und sieht, dass die Wohnung leer ist: seine Frau Anna, mit kroatischer Nationalität, ist mit den Kindern nach Dalmatien geflüchtet. Slowenien und Kroatien haben bereits ihre Eigenständigkeit erklärt, die Armee, vom Generalstab entsandt. zieht sich nach einer erfolglosen Panzerinvasion aus Slowenien zurück, gegen Kroatien wird der Krieg vorbereitet. Petar ist Serbe und dient weiterhin der Jugoslawischen Föderalen Armee, die in den kroatischen Kasernen untergebracht ist. Bedrückt vor Verzweiflung, mit der Absicht Selbstmord zu begehen, ruft er seinen Freund Mario, ebenfalls Kapitän der Jugoslawischen Volksarmee, aber Kroate, der gerade das Militär verlassen hat. Mario versucht seinen Freund zu überreden, seine Meinung zu ändern, da erscheint ein Fähnrich der Militärpolizei in Begleitung eines jungen muslimischen Polizisten, der überlegt nach Bosnien zu fliehen: sie müssen Petar festnehmen, der an diesem Morgen laut alle Armeen, die Völker Jugoslawiens und schließlich auch den Admiral selbst beleidigt hat. Petar hat die Nerven verloren, mit einem Revolver in der Hand zwingt er den Fähnrich Jovica auf dem Balkon zu schießen, um die Geburt seines Enkels zu feiern. Daraufhin klopfen zwei Agenten der neu gegründeten kroatischen Polizei, Ante und Ivan, an die Tür, um zu sehen, wer geschossen hat. Petar und Mario untersuchen auch die Beiden, danach wird es Jovica schlecht, Ivan macht eine Mund-zu-Mund-Beatmung und erbricht danach. Es kommen ein Arzt und eine Krankenschwester, die Jovica wegtragen, wobei ihnen die kroatischen Polizisten helfen. Petar gibt dem muslimischen Polizisten seine Kleider und Geld, damit er in Zivil nach Bosnien fliehen kann. Petar und Mario sind allein.
Die gute Übersetzung von Orbaniæ/Skomerèiæ behält in unserem Idiom die anschauliche Sprache dieser Gegend, eigentümlich und überzeugend, die so gut in die sozio-existentielle Wirklichkeit der Figuren passt: Einzelne, die an Miltärakademien ausgebildet wurden, mit guter Allgemeinbildung, die Dichter und Autoren zitieren, Politik und Religion, Philosophie und Ideologie, deren Gespräche immer energisch und nervös sind, wie es für unternehmerische Personen zutrifft, mit einer starken Ausdruckskraft, die sich durch Schimpfwörter und Vulgaritäten äußert: eine Vulgarität, die keine Wirkung oder Affektiertheit bezweckt. Sie ist sich auch selbst kein Ziel, sondern authentischer Naturalismus, Mimik menschlicher und sozialer Natur der Figuren mit fotografischer Genauigkeit. Manchmal gibt es eine Metasprache, in den folgenden zwei Sätzen ist sowohl Metaliteratur oder auch Metatheater festzustellen; "Danke. Entschuldigung, aber Sie beide, Sie und Petar, sind wirklich zwei sonderbare Typen." "Ja, ja. Wir blühen immer dann auf, wenn es nicht sein soll." Dieses Werk bereitet einen Genuß beim Lesen, es ist aber auch für eine Inszenierung stilistisch vollkommen. In einem Appartement in einer kleinen Stadt, in Pula, an der Peripherie der Balkanküche, befreien sich die Figuren von allen Elementen kollektiver Tragödien des Volkes dieser Halbinsel, mit solcher Energie und moralischer Kraft, dass sie geografische Grenzen überschreiten, bis die intimen und universellen Noten jenes bitteren Gesanges zu klingen beginnen, der die menschliche Absurdität darstellt. Es bleibt uns nichts anderes übrig als diesem Werk den verdienten Erfolg und eine entsprechende Aufführung auf der Bühne zu wünschen.

  • Antonia Izzi Ruffo (IL CONVIVIO, Nr.: 14/2003), Italien
Ein Drama, das mit einer Tragödie endet, ein langer und schwieriger Dialog, ganz durchdrungen vom Krieg, und sich am Schluss als Theaterstück der Liebe erweist. September, gegen Mitternacht, in Pula, im Wohnzimmer einer Wohnung im vierten Stockwerk ... Petar und Mario, ein Serbe und ein Kroate, der Erste in Uniform, der Andere in Zivil, beide Angehörige des Militärs, sitzen am Tisch, auf dem zwei Gläser und eine Flasche Cognac stehen und zwei Pistolen liegen. Petar hat beschlossen sich umzubringen, er weiß aber nicht auf welche Weise; Mario glaubt ihm nicht ganz und sagt: "Serben können nichts ohne daraus etwas Spektakuläres zu machen". Sie sprechen über den Krieg, darüber warum man Kriege führt. Wer sind sie? Besetzer oder Befreier? Sie wissen es nicht. Sie kämpfen, weil sie dazu gezwungen sind, aber sie haben kein festes gerechtfertigtes Ziel ... Sind das ihre Ideale, oder die von Fremden? Die Kriege werden aus nichtigen Gründen einer kleiner Zahl von Menschen geführt, eigentlich will sie niemand, aber dennoch werden sie geführt und alle werden hinein verwickelt und müssen die Konsequenzen tragen ... Mario kehrt nicht mehr in die Kaserne zurück, deswegen hat er auch die Uniform ausgezogen;

Petar rät er auch dazu, es ist nicht vernünftig in Uniform gesehen zu werden ... Wie widerlich ist der Krieg! Einen Tag ist man Teil des Heeres des eigenen Staates, den zweiten Tag wirst du zum Besetzer desselben Staates. Was für ein Widerspruch! Was für ein Missverhältnis! Petar erwähnt andauernd den "eigenen Selbstmord", aber seine Aussagen scheinen nicht ernsthaft zu sein ... Am Ende entschließt sich Petar einen Brief zu schreiben, den sein Freund seiner Frau Anna übergeben soll, nachdem er Selbstmord begangen haben wird ... Wird er sich wirklich umbringen? Leider ja. Das ist die Überraschung am Ende, die uns erschüttert und die bewirkt, dass wir den Krieg vergessen ... Zwei Freunde hören sich eine kroatische Platte an und singen mit, danach eine serbische ... Am Ende umarmen sie sich und Petar schießt sich in die Schläfe. Mario weint und kann es nicht fassen. Das Telefon läutet: Es ist Anna. Mario: "Zu spät. Jetzt kannst Du ihn in der "Stille" hören; Petar konnte mit der Tatsache nicht fertig werden, dass es ihn nicht mehr in Eurer Zukunft geben wird." Petar hat sich umgebracht, nicht wegen des Krieges, sondern aus Liebe.

  • -
Paula Dell`Armi (Italien), 29.9.2003
Abschiede am Balkan: Diese gehen weg, jene bleiben

www.lettera.com/

Einige gehen, andere sterben, andere jedoch von der entsetzlichen Atmosphäre erschreckt, die sie umgibt, flüchten in den Alkohol, in den Wahnsinn oder in die Isolation. Das gesellschaftliche Engagement des Romans ist schon auf der ersten Seite des Textes "Abschied am Balkan" erkennbar, in der surrealen Szene in der Wohnung, in der im Fernsehen eine importierte humoristische Serie läuft, während am unteren Bildrand Titel mit den Nachrichten über die letzten Bombardierungen laufen. Granateinschläge als Kontrapunkt zum Lachen aus der Konserve, die Botschaft ist sofort klar. Die zivilisierte und Konsum orientierte westliche Gesellschaft soll sich nicht täuschen, der Samen des Krieges geht nicht nur auf dem Boden der Dritten Welt auf. Niemand sollte denken, dass das Kapital Krieg in Europa für immer beendet wäre, unter der Patina des Wohlstandes kann immer die kleine Flamme züngeln, wenn wir nicht die Kultur des Friedens pflegen. Der Titel des Romans spielt mit der Zweideutigkeit des Begriffes "Abschied", erfasst den existentiellen Zustand des Einzelnen auf dem Balkan, wo ewig das Motiv des Abschieds und der Trennung und das bittere Nachdenken über den historischen Zustand dieses Teils von Europa herrscht. Mit Maß und intellektueller Ehrlichkeit bearbeitet Gunjaca die Schlüsseljahre des Krieges im ehemaligen Jugoslawien durch Geschichten über den Einzelnen, seiner Gefühle, und seine manchmal kontroversielle Wahl. Kleine persönliche Tragödien sind mit der großen Tragödie des Krieges durchflochten, so werden um den so geschaffenen Kern die Leben der Figuren entwickelt und verwickelt. Durch den ganzen Roman zieht sich der rote Faden der Groteske, als ob sie die Absurdität des Krieges betonen wollte, dessen historisches Motiv fast wie verloren oder deformiert erscheint. Der Ton jedoch ist ruhig und der Blick von Ironie jenes durchwirkt, der es gewohnt ist über Enttäuschungen zu meditieren, die die Geschichte mit sich bringt.

  • --
    Francesco Tebeo
    (HYRIA, Nr. 99-100/2003, Italien)

Ein klares und einfaches Drama bringt Menschen und Geschehnisse, die wir wirklich kennen (vielleicht vom Militärdienst), auf die Bühne; ein gewaltiger sprachlicher Enthusiasmus, die Einzelheiten der hervorgerufenen Details sind geschickt verfasst. Das ist das "Drama" eines Volkes, eines Krieges, der Glieder abtrennt, den Verstand und den Geist zerstört und den Menschen in den Abgrund der Zerstörung wirft. Kapitän Petar wurde von seiner Familie verlassen, denn man muß "die serbischen Elemente nach dem kürzesten Verfahren loswerden, auch wenn es sich um Ehemann und Vater handelt". Er erinnert an Vercingetorix, der seine Frau und seine Kinder am Höhepunkt des gallischen Angriffs loswerden mußte. Mario, der kroatische Kapitän, betont, dass alles "vom Winde verweht wurde": Werte und Ideale, für die man kämpfte und lebte, gehen verloren. Was bleibt? Absurder, paradoxer Brudermord. Die Tragödie dieser Kapitäne, von Petar, der das serbische Brot vom kroatischen nicht unterschied, ist die Tragödie ihrer Soldaten, eines ganzen Volkes, verarmt an bürgerlichen und menschlichen Rechten, verloren in Hilferufen für Hilfe ohne Antwort.

  • --
Prof. Laura Liberati
Mitglied der Oberen Kommission für das internationale Lesen von Universum Verlag für den Literaturwettbewerb PREMIO INTERNAZIONALE LIBRO D'ORO 2004 (Italien)
  • Balkan-Roulette von Dražan Gunjaca, ein geöffneter Vorhang, der die Schwierigkeit des Lebens entdeckt und sich aus der tobenden Geschichte der untereinander gemischten slawischen Völker entwickelt.
Der Prolog von Mr. Sc. Srdja Orbanic fängt mit den scharfen und bedeutungsvollen Wörtern "Godot ist gekommen" an.
Ganz im Gegenteil auf das was im Drama von Samuel Beckett passiert, wo die Personen Vladimir und Estragon auf den mysteriösen und geheimnisvollen Godot warten, ein Warten, das immer sine die verschoben ist; in diesem ausdrucksvollen Theaterstück leben die Offiziere Petar und Mario, einer Kroate und der andere Serbe, die Erschaffung einer programmierten Tragödie, die zum Selbstmord führt, durch.
Das bestätigt, unter den zahlreichen Hauptfragen, der Satz des Protagonisten: "Soll ich mich in Uniform oder in Zivil erschießen?"
Manchmal hört man die klare Argumentation von Petar über die Möglichkeiten der Begehung dieser letzten Tat.
Zahlreiche direkte und indirekte Gründen beeinflussen die tragische Entscheidung, wie die Entwicklung der Situation verstehen lässt, und obwohl sie keine gute Ausrede schaffen, beitragen sie zur Verstehung des Kontextes.
Es handelt sich um eine Mischung der Gedanken, Leidenschaften, in einer bestimmten Zeit: Stunde, Mitternacht; Monat, September; Jahr, 1991; Ort, Pula. Die Einheit der Handlung, der Zeit und des Ortes schafft einen geschlossenen Dialog zwischen zwei Freunden; fesselt die Aufmerksamkeit der Anwesenden (oder Leser); beunruhigt die Gefühle, so dass man nicht entkommen kann und eben als was im 5. Jh. v. Chr. in der Tragödien von Eshilov geschah (enthält alle Merkmalen der antike Tragödie).
Die Thematik des Selbstmordes ist keine Neuigkeit in der Geschichte der Literatur und stellt einer Art von kulturellem Humus dar.
Ich beziehe mich gerne auf das berühmte Werk von Giacomo Leopardi, auf eine seiner Moralischen Operetten (<Operette morali>) unter dem Titel "Der Dialog zwischen Plotin und Porfirio". Die Kulmination finden wir in den Wörtern an Porfirio: "Leben wir meine Porfirio und trösten wir uns /.../ um dieses qualvolle Leben mit Ehre zu beenden".../ Und wenn das Ende kommt, wird es keinen Schmerz geben /.../ der Gedanke tot zu sein.../ wird uns glücklich machen" .../ (Freunde und Kollegen) "viele werden sich an uns erinnern und werden uns für immer lieben...".
Man sollte aber erwähnen, dass die Natur des Werkes von Leopardi theoretisch und pädagogisch ist, während das was für das Theater spezifisch ist, ist eine emblematische Wendung des Lebens; hier verwickeln sich die Interpretation und die Kreativität, mit einer konstanten Spannung zwischen Wörtern und Vorstellung.
Da der kanonische Prolog entfällt, beginnt die Handlung in medias res.
Nach 35 Seiten kontradiktorischer Überzeugungen und wenn man denkt die psychologische Auflösung eintreten sollte, lässt Dražan Gunjaca keine Ruhe. Es scheint als ob es um eine "Farce" geht, die eine tragische Abwicklung hat. Ein Intermezzo (Seiten 50 bis 60), während dessen die Figuren, die den Rang betreffend sehr gut definiert sind, eine nach dem anderen auf die hypothetische Szene auftreten, dient zur Vorbereitung aller erforderlichen Einzelheiten für die Katabase.
Sogar die Sachen wie das Telefon sind mit Blut von Petar befleckt. Der Vorhang fällt auf die Tränen des Freundes, während der Autor den Zuschauer überrascht: die Stimme von Mario, die Stimme des zweiten Protagonisten, betont die Stille jetzt eines bereits unmateriellen Wesens. Aus unfassbarer Räume wird die Stille von Petar in der nähen Zukunft die Wahrheit sprechen. Gunjaca zeigt eine feine und tüchtige Kunstfertigkeit, indem er den Unterschied zwischen dem Russischen und dem Balkan Roulette in der letzten Wörtern erklärt.
Auf die verwirrte Frage von Mario: "Was ist das Balkan-Roulette?", der andere antwortet: "Gleich wie das Russische, nur spielt man es mit einer TT Pistole, mit der hier in der Hand".
Ich würde gerne jetzt die Grundelemente des Werkes behandeln.
Die Eigenart des Werkes ist die Verurteilung des Krieges, durch dem "seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte zu viel Blut vergossen wurde". Trotz der stärken Widerspruch gegen den Krieg bleiben der Machthaber elendig, fähig ihren Überzeugungen zu ändern, umgeben von Anhänger, unterdrückten oder noch schlimmeren Menschen, die ein einziges Ziel haben, ihren Status als Gefolgsmänner zu verschleiern.
Der Protagonist Petar ist, als ich schon erwähnte, durch das unerwartete Verlassen seiner Frau Ana, eine Kroatin, die mit den Kindern nach Dalmatien ausgezogen ist, zerstört. Er lebt in einem Zustand äußerster Spannung als Vater (ein aktuelles Thema) der fürchtet, dass seine Kinder ihn nicht schätzen oder an die Liebe glauben werden.
Das Schicksal der Familie ist mit dem Schicksal des Staates verbunden.
Nach der Tradition hat er immer, als er Serbe ist, an das letzte geglaubt als auch an die Heimat; aber jetzt lebt er eine Krise der Identität durch und sieht nur die Säuberung und den üblen Nationalismus.
Äußere Stimmen und episodische Ereignisse weisen auf das Zerfallen der Armee und auf das allgemeine Chaos: Ereignisse, die die slawische Völker seit Jahrhunderten erleben dürften. In dieser Sinne vergehen die Sequenzen der epochalen Momente aus dem politischen, gesellschaftlichen als auch ideologischen Bereich. Man bezieht sich auf Josip Broz Tito und auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg.
Unter dem Einfluss von Alkohol verlangt der Offizier Petar von seinem treuen Freund, dass dieser mit ihm bleiben soll, während er verzweifelt gemeinsame Wurzeln und kulturelle Erbschaft sucht. Der Dichter Kranjcevic, der zum realistisch-psychischen Literatur zugehört, der montenegrinische Landesherr Njegoš und die nationalen Werke sind nicht zufällig erwähnt.
In den Momenten tiefer Einsamkeit ist Petar durch Glaube gerettet. Die Bestätigung dafür ist der Bezug auf das Lesen der Bibel, das ihm zu seiner geliebten Frau Ana annäherte und mit ihr wieder aussöhnte.
Der Glaube in Einem, der in das Herz der Menschen hineinsieht und einen Serbe von einem Kroate nicht unterscheidet.
Die Annäherung zu seinem Freund Mario, erschöpft durch den Misserfolg seiner Unternehmung, die während des ganzen Dialogs dauert, erreicht seinen Höhepunkt als die Paten und Freunde singen und zusammen auf die jeweiligen Hymnen ihrer zwei Staaten hören.

Ein kreatives Werk, das das Herz der Leser rührt: ein hohes Register von Werten bleibt erhalten, von der realistischen Sprache nicht berührt und ins Milieu verleiht. Metaphorisch ausgedrückt könnten gegensätzliche Farben einer Art des Lichtes sein, gleich wie in der Gemälde von Caravaggio, die nicht aus einer deutlichen Quelle stammen wie die flämische Gemälde, sondern mit der geschickten Benutzung der Farbe aus der Tiefe der Personen herauskommen.

  • Balkan-Roulette
    Vincenzo Lombino, Redakteur der Zeitschrift Impatto Sonoro
Mit Absicht beginnt alles mit der Assoziation der Geschichte des berühmten Werkes "Warten auf Godot", als ob in Gunjacas Drama die Hauptgestalten, Petar und Mario, die Rollen ihrer Vorgänger, Vladimir und Estragon, übernehmen sollten. Und als Godot, auf den alle warten, eines Nachts im September 1991 endlich kommt, kann die Geschichte schließlich beginnen. Allein im Zimmer, mit vollem Aschenbecher, eine halben Flasche Cognac und ihren Pistolen, beginnen die zwei Freunde über den Krieg zu erzählen und darüber, was der Mensch jetzt bedeutet, gezeichnet von dem für die Heimat vergossenen Blut.
Das ist der Tod der Ideale und Ziele, weil sie der Krieg zerstört hat. So beginnt die Geschichte mit Petar, der Politik und Militär, Serben und Kroaten zum Teufel schickt, den seine Frau mit den Kindern ohne irgendeine Erklärung verlassen hat. Petar, der auf diese Weise alles verloren hat, hat nichts mehr zu verlieren. Petar, der aufgehört hat an den Staat zu glauben und der es ablehnt, im selben Staat als Fremder, Feind oder Besatzer zu leben, der aber gleichzeitig ablehnt anderswo zu leben. Petar, der entschlossen hat sich umzubringen.
Das Gespräch der beiden Figuren ist so gut gestaltet und ist so stimmig, dass es fast wie ein Monolog ist, als ob beide eine Person im Konflikt mit sich selbst wären, als ob darüber entschieden würde, welcher Teil dieser Person überleben sollte.
Das Dramatische dieser Situation (der von außen und der von innen) wird durch Ironie betont, als ob das Lachen die einzige Haltung wäre, die der Krieg zu zerstören nicht geschafft hat. Diese Ironie erinnerte mich an Mordecaia Richler. Da es sich um ein Theaterstück handelt, ist es am ehestens mit Pirandellos Tragikomik zu vergleichen. Die Schläge, die Gunjaca der Politik und der Mentalität der Menschen versetzt, sind zu direkt und zu scharf, um ihn mit dem sizilianischen Schriftsteller zu vergleichen, obwohl der Autor einmal ironisch ist, indem er gerade Pirandello benutzt, aber auf eine Art und Weise, dass man den ganzen Schmerz und das Leid sieht, die hinter dieser Replik stehen:
ANTE: Danke. Verzeiht, aber Sie beide, Sie und Petar, sind sonderbare Blüten.
PETAR: Das sind wir, das sind wir. Wir blühen immer auf, wenn es nicht sein soll.
Das Werk findet seinen Höhepunkt in sieben Antworten:
PETAR: Hast du je Russisches Roulette gespielt?
MARIO: Ich bin doch nicht verrückt. So wenig Glück ich habe, würde ich mir das Hirn zerfetzen, auch wenn die Pistole nicht geladen wäre.
PETAR: Und Balkan-Roulette?
MARIO: Was für ein Roulette ist das?
PETAR: Wie das Russische, nur wird es mit dieser Pistole gespielt, die ich in der Hand halte.
MARIO: Bist Du verrückt? Russisches Roulette ist ein totaler Wahnsinn, man benutzt einen Revolver und nicht eine Pistole. Mit einer Pistole wirst du dich sicher umbringen, es gibt keine Alternative.
PETAR: Das ist das, wovon ich spreche, Balkan-Roulette kennt keine Alternative.
Am Schluss erinnere ich daran, dass in Belgrad beschlossen wurde nach dem Drama "Balkan-Roulette" einen Film zu drehen, obwohl ich denke, dass es sich um ein ausgezeichnetes Theaterstück handelt, was Sie wahrscheinlich auch erfasst haben. Ich zweifele sehr daran, dass man daraus einen genau so guten Film machen könnte. Es ist nicht unmöglich, aber da das Drama auf einer Art Monolog beruht, wird es schwer sein, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln. Es ist nicht gesagt, dass aus einem interessanten Buch auch ein guter Film wird: Es hängt vom Regisseur ab.
Dennoch hoffe ich, dass aus allem ein guter Film wird und dass er (falls uns der Gott der Kaufleute geneigt sein wird) auch in Italien gezeigt wird.
Ich führe auch die Links an, die sich auf das Buch und/oder den Film beziehen:
www.drazangunjaca.net/balkanskirastanci/ITA_site/ITA_index.htm
www.montage.co.yu/_sgg/m2_1.htm

Ich erspare Ihnen die unzähligen Preise, die dieses Buch bekommen hat, denn wer kümmert sich schon um Preise. Wichtig ist die Kunst und ich versichere Ihnen, dass es sich hier gerade um Kunst handelt.

Es war einmal Warten auf Godot: es war einmal eine Enttäuschung, aber nur anscheinend, weil der von Drazan Gunjaca dargestellte Mann etwas noch Schlimmeres getan hat: er ist gekommen! Er ist mit aller seiner Brutalität und Flegelhaftigkeit gekommen.
Petar und Mario, ein Serbe und ein Kroate, beide Offiziere der ehemaligen Armee, Freunde, Feinde oder egal was, haben kein Grund in einer Nacht im Jahre 1991 in einer Wohnung zu warten....
Der Mensch ist gekommen und hat das was üblich ist: einen irrationalen Krieg, wie jeden anderen angefangen.
Mr.sc. Srda Orbanic schreibt: "Das Lesen des Dramas wird dem Leser vorführen , dass es besser ist auf Godot zu warten als ihn zu erleben!"
Meiner Meinung nach schafft Drazan Gunjaca ein Spiel konzentrischer Kreise: der Wahnsinn ist durch Wahnsinn berechtigt. Die Absurdität des absurden Dramas ist nicht was es einmal war, weil die Welt die einzige echte Absurdität bleibt. Drazan hat einen Krieg erlebt und hat darüber in seinem Theaterstück erzählt; ein Theaterstück, das sogar Klaustrophobie erweckt indem es sich in sein Schneckenhaus zurückzieht; und wir alle haben uns mit dem Gedanken getröstet, dass der Sinn verloren gegangen ist, nun nicht von Vladimir und Estragon, sondern von Godot, als ob die Machtlosigkeit eine Trost sein könnte.
Ich könnte meine Gefühle kaum zurückhalten, während ich eine Seite nach der anderen las: die Szene schließt sich immer wieder gegen ihr unmögliches Öffnen (vielleicht gibt es nichts außerhalb dieses Raumes und hier liegt das Geheimnis des Theaters), aber wo endet die Ironie, wo fängt die Tragödie an, was bedeutet dieses Fehlen der Grenzen?

Damen und Herren, lesen Sie Drazan Gunjaca, finden Sie ihn, kaufen Sie ihn, lesen Sie sein Balkan-Roulette, die Regeln sind sehr einfach, nun....was wenn sie diese von heute wären?

I.Grguriæ
(Graðanski list „Bürgerblatt“, Novi Sad, Srbija, 2.11.2004.)

Hoffnungslosigkeit, Roulett und Sprache aus einer Garnison

Über die „balkanischen“ Themen schreibend, in jener Zeit, wenn „auch das Schicksal kein Geduld mehr für normale Menschen“ hat und „wenn kein Mensch das exklusive Recht auf das Leiden hat“, hat Dražan Gunjaèa dem serbo-kroatischen Krieg jene Dimension gegeben, die ihm zugehört – die Dimension der Absurdität. Gunjaèas Dramen Balkan-Roulette und Balkan-Aquarell , die symbolisch durch den Titel Godot ist gekommen vereint sind, zeigen das Unglück, die Hilflosigkeit und die Sinnlosigkeit des Menschenlebens sowie des Todes. Das Leben ohne Antworten, ohne Möglichkeit die schwierige Situation zu verändern, wodurch die Würde der Menschen verletzt wird, bilden eine Realität, in der sogar der Tod keine Alternative darstellt, da im Krieg auch nicht die Toten unentschlossen sein können

 

 

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