Wohnzimer
einer 2 1 Zimmer-Wohnung in der 4. Etage eines Hauses in Pula,geschmackvoll
aber nicht übertrieben wohlhabend eingerichtet. Dreisitziges Sofa,
kleiner Tisch und größere Kommode, auffallend der eingeschaltete
Fernseheher, in dem das Programm nicht mehr läuft, einige Blumentöpfe
in einer Ecke.
Ende
September 1991, gegen Mitternacht.
Petar
und Mario sitzen am Tisch mit vollen Aschenbechern und Zigarettenstummeln
vor sich, einer halbleeren Flasche Kognak und zwei Gläsern. Auf
dem Tisch liegen zwei Pistolen, eine russische TT und eine CZ
aus Kragujevac. Petar in der Uniform der Jugoslawischen Volksarmee,
Mario in Zivil. Beide etwas betrunken. In der Ferne hört man eine
Alarmsirene.
PETAR:
Wenn ich mich dennoch entschließe mich umzubringen, wie soll ich
diesen Festakt vollziehen? Aufhängen? Mit Tabletten? Mit einer
Pistole? Das Aufhängen kommt mir irgendwie mühsam vor. Ich würde
auch irgendeine Hilfe brauchen, aber zur Hand habe ich niemanden
außer dir, und du als Kroate würdest das nie verstehen, du wirst
versuchen dich zu drücken. Die Tabletten kommen wir dagegen weibisch
vor. Es bleibt also die Pistole als die passendste Lösung. Aber
das ist auch nicht so einfach. Wenn ich die Pistole wähle, soll
ich es dann mit der Dienstpistole mache, für die ich bei der Armee
noch hafte, oder mit meiner eigenen, für die ich noch einige Raten
nicht bezahlt habe? Ist es in Ordnung, dass ich mich mit einer
nicht bezahlten Pistole erledige? ... Soll ich mich in Uniform
oder in Zivil erschießen? Wenn ich es in der Uniform mache, welche
nehmen, die Paradeuniform oder die Dienstuniform? Wenn in Paradeuniform,
soll ich es dann mit allen Orden und Medaillen machen, von denen
ich eigentlich auch nicht allzu viele habe, sondern du weißt eh,
die für die fünf Dienstjahre, für zehn Dienstjahre, für schöne
Augen, oder ohne sie alle? Soll ich mir in den Kopf oder ins Herz
schießen? Wenn ich mir nämlich in den Kopf schieße, ich denke
in die Schläfe, dann kann es nicht schief gehen, während ins Herz,
da kann man es verhauen. Du kannst daneben schießen. Egal, auch
wenn du in die Mitte zielst. Bei dem Herzen ist man nie sicher,
egal wie sehr du dich auch vorbereitet hast. Unglaublich, über
welche Details man dabei entscheiden muß, und wie das so auf den
ersten Blick als einfacher Akt erscheint, nicht wahr?
MARIO:
Weißt du was? Ihr Serben seid solche Schwänze, dass ihr euch nicht
einmal umbringen könnt, ohne daraus ein Theater zu machen.
PETAR:
Fuck off, das ist nicht so einfach. Man macht das nur einmal im
Leben, dazu noch zum letzten Mal, das sollte dann nicht schlampig
sein. Es sollte würdevoll sein, mit Würde, nach dem Motto: Wie
ich gelebt habe, so werde ich auch abtreten. Schließlich gibt
es da auch noch die Frage der serbischen Militärtradition. Mein
Großvater war an der Front in Saloniki und kämpfte für die serbische
Sache. Mein Vater machte gleich im Zweiten Weltkrieg mit, jedoch
auf der falschen Seite, bei den Tschetniks, aber als er sah, dass
sie ausgespielt haben, hat er sich rechtzeitig abgesetzt und ist
mit zwei guten Zeugen zu den Partisanen übergegangen, wo er es
bis zum Kapitän brachte. Hätten sie ihm auch die Verdienste von
den Tschetniks anerkannt, hätte er auch General werden können.
Wie auch immer, er wurde und bleib Befreier. Jetzt bin ich an
der Reihe. Sag` mir, für welches Arschloch soll ich heute kämpfen,
für welches Ideal, für welchen Staat?
MARIO:
Für keinen. Staaten entstehen, leben und vergehen auf Kosten solcher
Dummpfköpfe wie du es bist, mit dem Unterschied, dass es dich
nicht mehr gibt. Mit dir oder ohne dich wird es den Staat geben,
mein Alter. Und die Ideale? Zuerst müßtest du das mit dir ins
Reine bringen, sind das deine oder fremde, dann müßtest du davon
ausgehen, dass sie das menschliche Leben veredeln und nicht zerstören
sollten. Und auf dem Balkan gibt es keine Ideale ohne Opfer, egal
wie edel man ist. Und jetzt bleibt es dir überlassen zu entscheiden,
ob du das Opfer fremder Ideale sein möchtest, oder ob du schauen
wirst deine Haut zu retten. Übrigens, du hast diesem Staat, der
dir diese Uniform gegeben hat, solange es diesen Staat gab, ehrenhaft
gedient. Du bist ja nicht schuld daran, dass der Staat verschwunden
ist. Außerdem hast du es bis zum Kapitän gebracht und somit auch
die Tradition erfüllt.
PETAR:
Siehst du, bei den Serben geht das nicht so leicht. Beim Serben
steht der Staat an erster Stelle, die Familie an zweiter, dann
Ehre, dann Menschlichkeit, dann, dann, ich weiß ja nicht was alles.
Scheiß Leben, ohne deinen Staat. Und ohne Familie. Das liegt bei
uns in den Genen. Da bin ich in der Denkweise nicht weit von meinem
Großvater aus Saloniki. Und nun bleib` ich auf einmal ohne Staat
und ohne Familie. Wozu dann leben? Denn, wenn ich mich erschieße,
erschieße ich mich wie ein wahrer Serbe.
MARIO:
Nein, sondern wie ein echter Idiot, und das ist ein großer Unterschied.
Wenigstens auf den ersten Blick. Obwohl, wenn ich genauer nachdenke
...
PETAR:
Ich, Idiot? Gut, vielleicht bin ich einer, aber komm` erklär mir
etwas. Ich bin vor ungefähr 20 Jahren hierher gekommen, ich bin
nicht von der Stelle gewichen, ich sitze, wo ich auch gestern
saß, ziehe an, was ich auch gestern angezogen habe, mache, was
ich gestern machte, aber heute bin ich Besetzer geworden. Nun,
jetzt, du bist mein Trauzeuge und Freund, das halbe Leben verbrachten
wir miteinander, -, erkläre mir, wie ich über Nacht zum Besetzer
wurde und ich habe dabei nicht einmal einen Finger gerührt? Weder
habe ich jemanden angegriffen, noch habe ich auf jemanden geschossen,
ich habe auch nicht die Absicht, aber, fuck, ich wurde zum Besetzer.
Wie?
MARIO:
He, Mensch, heute morgen warst du noch normal. Relativ normal.
So weit ein Serbe normal sein kann. Vor einer Stunde rufst du
mich an zu kommen, weil du mit jemandem sprechen mußt, ich treffe
dich betrunken vor, gut, angetrunken, mit zwei Pistolen auf dem
Tisch und du verarscht mich mit Fragen, auf die schon seit Hunderten
von Jahren hier Leidende versuchen eine Antwort zu finden, ohne
Erfolg. Warum bist du Besetzer geworden? Wahrscheinlich deswegen,
weil es auf dem Balkan normal ist, dass du eine gewisse Zeit Besetzer
und eine andere Befreier bist, ohne dabei weder Beruf noch Denkweise
oder Wohnort zu wechseln. Nur die Uniform.
PETAR:
Das Problem liegt also in der Uniform. Dann bist auch du Besetzer,
du trägst auch die gleiche Uniform.
MARIO:
Ah, nein. Ich bin meine los geworden.
PETAR:
Wie los geworden?
MARIO:
Ich gehe nicht mehr in die Kaserne zurück. Fertig. Abgeschlossene
Karriere. Ich bin abgehauen von denen.
PETAR:
Wie bist du abgehauen, wenn du heute von der Arbeit genauso weggegangen
bist wie ich?
MARIO:
So, dass ich dorthin nicht mehr zurück gehe, was ich dir auch
wärmstens empfehle. Mein Lieber, unsere Armee gibt es nicht mehr.
Sie ist zum Teufel gegangen, gemeinsam mit dem Land. Man muß die
Häupter der Helden retten.
PETAR:
Das bedeutet also, wenn ich in die Kaserne nicht mehr zurückgehe,
dass ich kein Besetzer mehr bin?
MARIO:
Die Uniform mußt du ausziehen, für alle Fälle. Es ist nicht gerade
die Zeit, um in der Uniform herum zu spazieren.
PETAR:
Scheiß Besetzer, wenn es genügt zur Arbeit nicht zurück zu kehren
und dann bist du es nicht mehr. Scheiß ´auch auf so eine Arbeit,
bei der du einen Tag Angehöriger der regulären Armee dieses Landes
und morgen der Besetzer desselben Landes bist. Scheiß Land, wenn
es so eine Armee hat.
MARIO:
Gerade davon spreche ich ja. Alles ist „Vom Winde verweht“. Alles
was sie uns beigebracht haben, was wir den anderen beigebracht
haben, alle unsere Jahre verwehen mit dem Wind. Aber lass einmal
die Besetzer! Sag mir, was ist aus Anna und den Kindern geworden?
Wohin sind sie gegangen? Ich frage dich das schon zum fünften
Mal und du würgst mich mit Serben, Besetzern und Tod.
PETAR:
Ich muß das, weil ich wegen ihnen ohne Frau und Kinder zurück
geblieben bin. Ach, Anna, Anna (er stöhnt) ! Sie hat mich verlassen,
mein Lieber. Mit den Kindern zusammen. Im Paket. Das ist jetzt
eine Modetrend im freien Teil Kroatiens, wie es jetzt Eure sagen.
Sich von serbischen Elementen auf dem schnellsten Weg zu befreien,
auch wenn es sich um Ehemann und Vater handelt.
MARIO:
Du übertreibst. Du weißt, dass dich Anna liebt, und die Kinder,
die sind verrückt nach dir. Sei nicht so. Das ist sicherlich etwas
Vorläufiges.
PETAR:
Vorläufiges? Bis wann? Bis die Serben wieder normale Männer und
Väter in diesem Land spielen können? Warum zum Teufel haben sie
vor ungefähr 15 Jahren nicht gesagt, dass man keine Kroatin heiraten
soll, wenn man Serbe und Offizier ist, dann hätten heute weder
ich noch sie Probleme. Wie sollen wir die Kinder aufteilen? Eins
zum Serben erklären, das andere zum Kroaten, und jeder nimmt das
seine? Wem wird der Junge und wem wird das Mädchen gehören? Die
einen und die anderen brauchen jetzt Männer, und auf der anderen
Seite wiederum können Frauen neue Helden gebären, und jetzt sollst
du daraus klug werden. Dazu kann der kleine männliche Kretin auf
den verrückten Vater losgehen und sich in eine mit falschen Blutkörperchen
verknallen, und dann hast du Schaden so viel du willst. Deswegen
hat meine Frau, vorsichtig wie Frauen schon sind, beide genommen
und ist zu den Eltern nach Dalmatien verduftet. Die Ihrigen haben
schon verkündet, ich sei umgekommen, damit die anderen sie nicht
mit unpassenden Fragen belästigen. Es sind keine Zeiten für einen
serbischen Schwiegersohn, nicht wahr? Deswegen ist es am leichtesten
ihn zu bestatten. Weißt du, was mich als einziges aufwühlt? Gilt
für mich auch als Serbe jenes Sprichwort des Volkes: Über die
Toten nur das Beste, oder bin ich auch als Toter nichts Positives?
Haben sie mir das Leben bei einem sinnlosen Verkehrsunfall genommen,
oder haben sie das an der Mauer der Kaserne vollbracht, während
ich von dem Besetzer zur Familie floh? Und dann ist die Familie,
als sie vom tragischen Ende des Vaters und des Ehemannes erfuhr
zu ihnen geflohen, alles aus Angst um die eigene Existenz. Das
wäre das naheliegendste Szenarium, nicht wahr?
MARIO:
Mein Lieber, du bist völlig durchgedreht. Beruhige dich doch,
wir werden das schon irgendwie lösen. Wenn sie dich auch als tot
erklärt haben, ist das nur vorläufig.
PETAR:
Wie kann ich vorläufig tot sein? Wie werden sie mich später wiederbeleben?
MARIO:
Du wirst schon irgendwie auferstehen.
PETAR:
Was du nicht sagst. Wie denn? Bin ich denn Jesus ähnlich?
MARIO:
So in der Uniform schaust du eher aus wie diejenigen, die um das
Kreuz waren, als Jesus Christus selbst. Aber gut, lassen wir Jesus
und Uniform, irgend etwas werden wir uns schon ausdenken. Irgend
etwas im Stil, dass sie dich mit jemandem verwechselt haben, was
heutzutage doch öfter passiert. Hauptsache, dass Anna nicht weit
weggegangen ist –nur zu den Eltern nach Dalmatien. Sie kommt zurück,
dann wird wieder alles in Ordnung sein.
PETAR:
Mein Lieber! Dalmatien ist heute weiter als Amerika gestern. Wenigstens
für solche, wie ich es bin. Sie wird nicht zurück kommen, auch
nicht rechtzeitig. Falls sie zurück kommen, wird es mich nicht
mehr geben. Auf diese oder jene Weise. Wir beiden wissen das,
und heute abend habe ich dich nicht gerufen, um mich zu trösten,
denn keiner kann mich trösten, sondern dass du mich als Mensch
und Freund verstehst. Wenn es uns schwer im Leben ging, sind wir
immer zueinander gerannt, so können wir das auch jetzt tun, ganz
am Ende. Weißt du, im Grund ich doch ein Feigling.
MARIO:
Wie denn jetzt auf einmal ein Feigling? Woher hast du denn das?
PATAR:
Na also, ich habe keinen Mut mich in dieser Wüste im vierten Stockwerk
zu erschießen, nicht dass ich es nicht wollte; ich wollte es –
aber ich kann es nicht. Wen anderen soll ich rufen außer dich?
Komm mein Lieber, schenk uns noch was ein, dass wir uns noch einige
Male zuprosten. Heute Nacht werde ich mich umbringen.
MARIO:
Ja, das wirst du, aber durch Alkohol, und ich auch mit dir, ich
Glücklicher.
PETAR:
Wenn es eine Reinkarnation gibt, dann werde ich von jenem, jenem
im Himmel verlangen, dass ich im zweiten Leben lieber als Papagei
irgendwo am Amazonas zurückkehre als wieder ein Homo sapiens balcanicus
zu sein. Was denkst du, bedeutet sich selbst erschießen, Mut zu
haben oder ist das ein Akt eines Verzweifelten?
MARIO:
Solange es Mut gibt, wird es auch Verzweiflung geben. Aber wenn
der Mut verschwindet, bleibt nur die Verzweiflung.
PETAR:
Antwortet ihr Kroaten irgend wann einmal direkt auf eine gestellte
Frage?
MARIO:
Es hängt davon ab, wer uns fragt.
PETAR:
Gut, dann formulieren wir die Frage um. Wenn ich mich umbringe,
bin ich dann für dich ein mutiger oder ein verzweifelter Mensch?
MARIO:
Verrückt in der Kombination mit beidem.
PETAR:
Ein normaler Mensch kann sich nicht umbringen?
MARIO:
Nein. Außer er ist Serbe.
PETAR:
Das bedeutet, wir Serben sind nicht normal.
MARIO:
Das hast du gesagt und nicht ich.
PETAR:
Gut, mein Lieber, verarschst du mich?
MARIO:
Nicht weniger und nicht mehr als du mich.
PETAR:
Das ist ehrlich. Wie die Frage, so auch die Antwort.
MARIO:
Was für zerknitterte Papiere sind dort in der Zimmerecke?
PETAR:
Welche? Ah, die dort. Ich wollte einen Abschiedsbrief schreiben.
Aber es ging nicht, und am Ende habe ich es aufgegeben. Eigentlich
habe ich am Ende entschieden, dass es keinen Sinn hätte. Dann
beurteilen dich am Ende alle und alle erinnern sich an dich auf
Grund dessen, was du geschrieben hast, und nicht danach was du
warst und wie du gelebt hast. Und ich müßte einen Roman schreiben
und nicht einen Brief, um alles aus mir herauszulassen, was mich
plagt. Deswegen trete ich lieber ohne ihn ab, es soll mich jeder
danach in Erinnerung behalten, was ihm passt. Warum sollte ich
sie jetzt beeinflussen. Wenn ich das bis jetzt nicht geschafft
habe, wird auch dieses Stück Papier nichts verändern. Genau so
wie Annas Brief zwischen uns nichts geändert hat, außer uns selbst.
MARIO:
Vielleicht hast du ihn nicht schreiben können, weil du dich mit
so einer Entscheidung nicht konfrontieren konntest. Wenn du ihn
einmal abgefasst hast ..
PETAR:
... dann gibt es keine Rückkehr mehr, nicht wahr? Militärische
Logik. Wenn du einmal etwas beschlossen hast, dann hast du es
durchzuführen, egal wie die Entscheidung ist. Und jetzt stell`
dir vor, wie armselig es ist, wenn du einen Abschiedsbrief geschrieben
hast und es dann aufgibst, deine Entscheidung vom Abgang widerrufst
und in dieser armseligen Welt bleibst. Entsetzlich!
MARIO:
Trotzdem hast du ein bisschen durchgedreht.
PETAR:
Möglich. Eine auf den ersten Blick beschränkte Frage.
MARIO:
Im Unterschied zu den anderen.
PETAR:
Du hast wirklich dieses dalmatinische Mundwerk, das, mein Lieber,
maßlos überall herum plappert, wo es nur kann. Aber gut, deswegen
mag ich dich auch. Die Frage lautet: Warum führen die Menschen
überhaupt Kriege?
MARIO:
Die einen greifen an, die anderen wehren sich. Auf welche bezieht
sich deine Frage?
PETAR:
Auf die die angreifen, versteht sich.
MARIO:
Weil es viel leichter und schneller geht Fremdes zu rauben als
das gleich selbst zu schaffen. Und so geht das seit Bestehen der
Menschheit bis jetzt, nur die Modalitäten ändern sich.
PETAR:
Wer plündert hier wen aus?
MARIO:
Wer es schafft.
PETAR:
Gut, fangen wir von vorne an. Wer greift an und wer wehrt sich?
Wer ist im Recht, und wer nicht?
...