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Rezension

die AUSGABEN :
- Der Preis der Heimat
- Balkan-roulette
- Im Schatten des Verstande
- Liebe als Strafe
- Auf Halbem Wege zum Himmel
- Wenn es mich nicht mehr gibt
- Gute Nacht , Freunde!
- Alle Menschen sind brüder
- Träume haben keinen Preis
Balkan-Aquarell

 

 


„Der Kaiser ist nackt", rief ein Junge in Andersens Märchen und unterbrach auf diese Art die allgemein angenommene Lüge und Heuchelei. Dražan Gunjaèa erlebe ich gerade wie diesen Jungen, der sich nicht scheute die Wahrheit zu sagen, mit dem Unterschied, dass es in seinem Fall nicht um ein Gewand geht, sondern um eine ganze Reihe von Gemeinplätzen, die während der letzten zehn Jahre so tief unser Leben durchdrungen haben, so dass wir uns ihrer lügnerischen Natur überhaupt nicht mehr bewußt sind. Indem Gunjaèa die Geschehnisse, die uns alle gekennzeichnet haben, in der ersten Person erlebt, und wie die Mehrheit von uns vor dem Fernseher erlebt, schreibt er von ihnen als Insider, aber mit einer Distanz, die es ihm ermöglicht, die jenseitigen tagespolitischen und propagandistischen Manipulationen zu entlarven, ein geistiges Gefüge, das auf der Bipolarität „wir" und „sie" gründet, des Guten und Bösen und uns seine Gegenstandslosigkeit zeigt, wenn er kleine Menschen ins Auge fasst. Er setzt dies auch in dieser tragischen Farce fort, deren Protagonisten zwei Offiziere der ehemaligen Armee sind, die gezwungener Maßen an den entgegengesetzten Seiten enden.
Die Tatsache, dass die Entwicklung der Geschehnisse einen der beiden Protagonisten dazu zwingt, sein ganzes vorhergegangenes Leben, seine Ideale, seine ethische Normen „auszulöschen", läßt ihm keine andere Alternative, so dass er das Balkan-Roulette, eine Variante des russischen Roulettes spielt, bei dem der Spieler auf keinen Fall gewinnen kann. Da er in diese Situation gebracht wurde, symbolisch sein bisheriges Leben zu zerstören und ein neues zu beginnen, das auf Idealen und ethischen Normen gründet, die er nicht teilt und nicht teilen möchte, sieht sein Entschluss, sein Leben nicht nur symbolisch sondern auch wirklich zu beenden, äußerst logisch aus. Darin soll ihm, gegen seinen eigenen Willen, der Freund assistieren, der wiederum gezwungener Maßen an der entgegensetzten Seite landet. Aus dieser grundlegenden Idee hat Gunjaèa geradezu eine burleske Komödie schwarzen Humors mit einem tragischen Ende zustande gebracht, in der die Gemeinplätze von Offizieren der ehemaligen Armee, von Brüderlichkeit und Einheit der ehemaligen Partei, über Lebensideale ehemaliger Menschen, Gegenstand einer kathartischen Farce sind, die als Ziel und Ausgang die Befreiung der kleinen Menschen hat, die Geisel der großen Worte geworden sind. Es handelt sich also um einen elementaren ethischen Akt der menschlichen Ehrlichkeit, der christlichen Nächstenliebe, auch wenn er Serbe ist. Gunjaèas Konsequenz ist da bedingungslos, unabhängig davon ob sie in den Zeiten, in denen wir leben, unpopulär ist, dafür sollte man ihm gratulieren.
Die Ebene, auf der sich dieser ethischen Akt in einen ästhetischen verwandelt, das ist die Ebene der Ausdrucksweise, verdient ebenfalls die Aufmerksamkeit des Lesers. Gunjaèa kennt das sozio-kulturelle Milieu über das er spricht ausgezeichnet, seinen Jargon, seinen Soziolekt, seinen Hang zum hyperbolischen, metaphorischen und vergleichendem Übertreiben, was dem Text Lebendigkeit und Wurzeln in der Realität verleiht.
Indem sich der Schriftsteller die ganze Zeit an der Grenze des Sprache mit Kraftausdrücken bewegt, die - ich wiederhole es - nicht Selbstzweck, sondern stilistisch gerechtfertigt sind, trägt der Autor durch die Dialoge seiner Figuren die Wahrheiten aus, die in großem Maße heute nicht annehmbar sind, er versteckt sie aber nicht, er verpackt sie nicht ins Cellophan tiefgründiger Reflexionen über das Leben und die Welt, die mit ihrer Allgemeinheit die menschlichen Schicksale relativieren. Gunjaèa steht die ganze Zeit mit beiden Beinen fest auf dem Boden, er spricht über konkrete Menschen, konkrete Wahrheiten, das Philosophieren und scheinheilige Affektiertheit überläßt er den anderen. Godot ist gekommen. In einer Nacht im Jahre 1991 in eine Wohnung, in der er nicht von Vladimir und Estragon sondern von Petar und Mario erwartet wurde. Das Lesen des Dramas wird dem Leser vorführen, dass es besser ist auf Godot zu warten als ihn zu erleben.
Mr.sc. Srða Orbaniæ

 

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