„Der
Kaiser ist nackt", rief ein Junge in Andersens Märchen und
unterbrach auf diese Art die allgemein angenommene Lüge und Heuchelei.
Dražan Gunjaèa erlebe ich gerade wie diesen Jungen, der sich nicht
scheute die Wahrheit zu sagen, mit dem Unterschied, dass es in
seinem Fall nicht um ein Gewand geht, sondern um eine ganze Reihe
von Gemeinplätzen, die während der letzten zehn Jahre so tief
unser Leben durchdrungen haben, so dass wir uns ihrer lügnerischen
Natur überhaupt nicht mehr bewußt sind. Indem Gunjaèa die Geschehnisse,
die uns alle gekennzeichnet haben, in der ersten Person erlebt,
und wie die Mehrheit von uns vor dem Fernseher erlebt, schreibt
er von ihnen als Insider, aber mit einer Distanz, die es ihm ermöglicht,
die jenseitigen tagespolitischen und propagandistischen Manipulationen
zu entlarven, ein geistiges Gefüge, das auf der Bipolarität „wir"
und „sie" gründet, des Guten und Bösen und uns seine Gegenstandslosigkeit
zeigt, wenn er kleine Menschen ins Auge fasst. Er setzt dies auch
in dieser tragischen Farce fort, deren Protagonisten zwei Offiziere
der ehemaligen Armee sind, die gezwungener Maßen an den entgegengesetzten
Seiten enden.
Die Tatsache, dass die Entwicklung der Geschehnisse einen der
beiden Protagonisten dazu zwingt, sein ganzes vorhergegangenes
Leben, seine Ideale, seine ethische Normen „auszulöschen",
läßt ihm keine andere Alternative, so dass er das Balkan-Roulette,
eine Variante des russischen Roulettes spielt, bei dem der Spieler
auf keinen Fall gewinnen kann. Da er in diese Situation gebracht
wurde, symbolisch sein bisheriges Leben zu zerstören und ein neues
zu beginnen, das auf Idealen und ethischen Normen gründet, die
er nicht teilt und nicht teilen möchte, sieht sein Entschluss,
sein Leben nicht nur symbolisch sondern auch wirklich zu beenden,
äußerst logisch aus. Darin soll ihm, gegen seinen eigenen Willen,
der Freund assistieren, der wiederum gezwungener Maßen an der
entgegensetzten Seite landet. Aus dieser grundlegenden Idee hat
Gunjaèa geradezu eine burleske Komödie schwarzen Humors mit einem
tragischen Ende zustande gebracht, in der die Gemeinplätze von
Offizieren der ehemaligen Armee, von Brüderlichkeit und Einheit
der ehemaligen Partei, über Lebensideale ehemaliger Menschen,
Gegenstand einer kathartischen Farce sind, die als Ziel und Ausgang
die Befreiung der kleinen Menschen hat, die Geisel der großen
Worte geworden sind. Es handelt sich also um einen elementaren
ethischen Akt der menschlichen Ehrlichkeit, der christlichen Nächstenliebe,
auch wenn er Serbe ist. Gunjaèas Konsequenz ist da bedingungslos,
unabhängig davon ob sie in den Zeiten, in denen wir leben, unpopulär
ist, dafür sollte man ihm gratulieren.
Die Ebene, auf der sich dieser ethischen Akt in einen ästhetischen
verwandelt, das ist die Ebene der Ausdrucksweise, verdient ebenfalls
die Aufmerksamkeit des Lesers. Gunjaèa kennt das sozio-kulturelle
Milieu über das er spricht ausgezeichnet, seinen Jargon, seinen
Soziolekt, seinen Hang zum hyperbolischen, metaphorischen und
vergleichendem Übertreiben, was dem Text Lebendigkeit und Wurzeln
in der Realität verleiht.
Indem sich der Schriftsteller die ganze Zeit an der Grenze des
Sprache mit Kraftausdrücken bewegt, die - ich wiederhole es -
nicht Selbstzweck, sondern stilistisch gerechtfertigt sind, trägt
der Autor durch die Dialoge seiner Figuren die Wahrheiten aus,
die in großem Maße heute nicht annehmbar sind, er versteckt sie
aber nicht, er verpackt sie nicht ins Cellophan tiefgründiger
Reflexionen über das Leben und die Welt, die mit ihrer Allgemeinheit
die menschlichen Schicksale relativieren. Gunjaèa steht die ganze
Zeit mit beiden Beinen fest auf dem Boden, er spricht über konkrete
Menschen, konkrete Wahrheiten, das Philosophieren und scheinheilige
Affektiertheit überläßt er den anderen. Godot ist gekommen. In
einer Nacht im Jahre 1991 in eine Wohnung, in der er nicht von
Vladimir und Estragon sondern von Petar und Mario erwartet wurde.
Das Lesen des Dramas wird dem Leser vorführen, dass es besser
ist auf Godot zu warten als ihn zu erleben.
Mr.sc. Srða Orbaniæ