Es
gibt nicht gerade viele literarische Texte über den Vaterländischen
Krieg und über alles, was uns in ihm widerfahren und was nachher
geschehen ist. Es scheint, als seien die Schriftsteller nicht
vorbereitet oder in der Verfassung, etwas über die Tragödien der
Vertriebenen, Flüchtlinge, Obdachlosen und vor allem über die
Freiheitskämpfer zu schreiben. Und über die Kinder, insbesondere
die Kinder! Als ob es besser und leichter wäre, dieses Unglück
zu vergessen, anstatt es in der Erinnerung wieder zu erleben und
zu erneuern. Zu freudigen Ereignissen kehren wir leicht zurück,
während wir uns von Unglücken auch in der Erinnerung abwenden,
da sie Schmerz und Trauer wieder aufkommen lassen.
"Abschied am Balkan" ist das erste veröffentlichte Buch
von Dra_an Gunjaea. Der Autor merkt jedoch an, dass er vor zehn
Jahren bereits einen Roman mit dem Titel "Auf halbem Wege
zum Himmel" geschrieben hat. In zehn Kapiteln verknüpft er
zehn, jede für sich stehende Geschichten, die durch die Person
eines allwissenden Erzählers miteinander verbunden sind. Durch
seine schmerzhaften Erinnerungen an die Zeit der Ereignisse werden
zahlreiche Tragödien von Menschen wiedergegeben, die vom Krieg
und seinen Geschehnissen überrascht worden sind. Wie in einer
Theatervorstellung - so lebendig sind die Dialoge im Buch! - präsentiert
der Autor den Lesern zahlreiche verlorene Menschen, deren Lebensweg
vom Krieg durchkreuzt wurde. Die Trennungen stellten schwere Einschnitte
in ihrem Leben dar und bedeuteten häufig, allzu häufig auch einen
Abschied vom Leben. So viele Tragödien auf so wenigen Seiten.
Im Übrigen: Wurde nicht die griechische Tragödie, die größte Errungenschaft
der Literatur in Griechenland, auf dem Balkan geboren? In einer
Tragödie haben gewöhnlich alle Recht, es werden jedoch auch alle
bestraft. Gottes Gesetze sind eben keine menschlichen Gesetze.
Einige Leser mögen von der groben Sprache des Textes, vor allem
in den Dialogen, überrascht sein. Die Flüche dienen zur starken
und scharfen Würze des Alltags und zeugen auch von der Begabung
des Autors, der unbelastet von der Tradition der literarischen
Sprachbildung geblieben ist. Mit der Erfahrung eines Beobachters,
mit Ironie und Groteske, aber auch mit starker Sensibilität, erstellt
er ein Bild der verlorenen Jahre, die wir durchlebt haben: Die
einen im unruhigen Frieden, die anderen - weniger glücklich -
im Wirbelsturm des Krieges, der so viele Schicksale verändert
und so viele Leben dahingerafft hat.
Wären wir nach all dem Erlebten doch wenigstens anderen und uns
selbst gegenüber empfindlicher und aufmerksamer!
Prof. Dr. Josip Bratulic
Rezension:
Emilija
Rogošiæ
Rastislav
Durman
Metromedia
Tranchida Editore
Tanja
Stupar
www.vacationbookreview.com
Prof.
Alessio Piano
Francesco
Mazzetta
Antonio Spadaro
Giulio
Maria Artusi
Shirley
Gerald Wares
Mauro
Mirci
Anna
Calonico
Emilija
Rogosic
(ROCK EXPRESS Nr.33/2002 (Belgrad - Srbija)
Wie fühlen Sie sich , wenn Ihnen jemand sagt, Sie
seien ein Balkanese? Sind Sie beleidigt? Oder ist es ein Kompliment?
Schmeichelt es Ihnen, wenn man Sie als "echten Serben",
oder wiederum als "echten Kroaten" bezeichnet? Oder
als Jugoslawen? Ich denke dabei an den echten...großen...ehemaligen...ausgestorbenen.
Ist es überhaupt wichtig? Oder ist es sehr wichtig?
"Der Abschied am Balkan" hat wieder die verdrängten
Gefühle hoch steigen lassen, indem er das was ich über "uns"
oder über "sie" denke, bestätigte und diese Analyse
damit ad absurdum führt.
In meinem Fall sind "wir" und "sie " das eine,
die "gehassten Feinde", die sich schon seit 30 Jahren
unbeschreiblich lieben. Wir "Mischlinge" haben das Privileg
die Sachen mit einer gewissen Distanz zu betrachten, wir sind
nicht mit der "Erhaltung des Nationalinteresses" belastet.
Der Roman von Drazan Gunjaca ist ein Roman über jeden von uns.
Buchstäblich wird jeder in den Buchhelden sich selbst oder jemanden
aus seiner Umgebung erkennen. Deswegen hinterlässt das Lesen trotz
der leichten und flüssigen Schreibweise und viel Humor und Schmerz
einen bitteren Nachgeschmack.
Der Autor ist ehemaliger Offizier der JNA (Jugoslawische Volksarmee),
geboren in Sinj, in Split tätig, wohnt die letzten 10 Jahre in
Pula und das ist sein erstes (veröffentlichtes) Buch. Parallel
zu seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt schreibt er und versucht
er die Jugend auf all das Böse der Kriege auf einem Gebiet hinzuweisen,
wo man mit einer Hymne auf die Welt kommt, mit einer zweiten lebt,
und Gott weiß mit welcher stirbt", wie es der Autor selbst
im Nachwort des "Abschieds am Balkan" sagt.
Das Buch ist voll von Dialogen, oft deftiger Art, wie sie auch
im Graben oder Kriegshinterland sein müssen. Das trägt zur Dynamik
bei, so wird der Roman in einem Atemzug gelesen, vom Anfang bis
zum Ende, obwohl er 310 Seiten umfaßt.
Gunjaca ist nicht Remarque und er versucht es auch nicht zu sein.
Unsere Kriege sind so spezifisch, dass auch die Romane, Gedichte,
Filme darüber... es auch sein müssen.
"Der Abschied am Balkan" ist ein Sammelband der Tragödien
gewöhnlicher Menschen, die zur falschen Zeit und am falschen Ort
geboren wurden. Das schreckliche Schicksal vieler Generationen,
die auf diesen Gebieten geboren wurden. Wäre er in ekavischer
Variante geschrieben worden, mit anderen geografischen Toponymen,
wäre es ein serbischer oder ein bosnischer Roman geworden. Das
Unglück des kleinen Mannes berührt keinen und tut keinem weh außer
ihm selbst. Dies soll eine Warnung sein und eine Lehre für die
kommende Generation, dass sie nicht auf eine chauvinistische Rhetorik
hereinfallen sollten, die uns von der politischen Elite in ihrem
eigenen Machtinteresse serviert wurde. Das "Gute", das
im Namen des Staates getan wurde, kommt nicht zurück. Vielleicht
in Form einer Prothese für den verlorenen Arm oder ein Bein. Was
ist mit dem Kopf? Für die zerstörte Psyche wurde noch kein Ersatz
gefunden. Tausende Jugendliche sind freiwillig zu Vertriebenen
geworden, indem sie vor der Mobilisierung flüchteten. Tausende
von gebildeten Jugendlichen trinken dort irgendwo Bier und erzählen
sich Geschichten über das alte "Jugo"(Jugoslawien).
Ist die Entfernung von ein paar Tausend Kilometern die Bedingung
und Garantie für eine tolerante und normale Kommunikation?
Ich hoffe, nicht. Hier gibt es auch "Normale" , die
eine andere Meinung als Anfang einer interessanten Diskussion
verstehen, nach der man seinen Nächsten nicht mit "einem
Taschenmesser niedersticht".
"Du weißt schon, wie das bei uns ist...", sagte einer
der Helden im Buch von Gunjaca.
Lange genug haben wir die wilden slawischen Stämme gespielt und
sind von einem Extrem ins andere gegangen, haben uns bis zur Bewunderung
geliebt und bis zu Tode gehasst. Wir sind nicht anders. Für den
Anfang reicht dies. Es kommt mir vor, dass die Künstler nicht
laut und entschlossen genug waren, als das Feuer entfacht wurde.
Vielleicht ist jetzt der Augenblick für sie gekommen, ihren Beitrag
zu leisten und die Flamme, die immer noch hinterhältig flackert
zu löschen. Ich hoffe, dass ist nicht das letzte Buch von Gunjaca.
Und ich hoffe, dass "jede Seite" bald auf dem Altar
der balkanischen Dummheiten das ihre darbringt, mit dem Ziel,
dass es in Zukunft so wenig wie möglich Abschiede am Balkan gäbe.

Rastislav
Durman
(Schriftsteller, Literaturkritiker, NOVI SAD, SERBIEN)
In dem dritten Buch von «Der Herr der Ringe» entdecken
wir die Natur der Hobbits, da der König zur Erkenntnis gelangt,
dass die «Hobbits immer zu wenig sagen, in der Angst, zu viel
zu sagen». In dem Roman «Der Preis der Heimat» von Dražan Gunjaca
ist genau das Gegenteil der Fall, alles wird gesagt, restlos.
Aber keinesfalls aus Angst, nicht zu wenig zu erzählen. Nein,
Gunjacas Roman ist ein Schrei und beim Schreien gibt es keine
Dosierung.
In
„Der Preis der Heimat“ spricht Gunjaca aus der Perspektive eines
Istrers zur Zeit des in Kroatien lodernden Krieges über Trennungen,
besser gesagt: über Brüche, welche die Geschichte und ihre Ausführer
den Bewohnern «dieser Gebiete» vergönnt haben. Die Brüche sind
nicht gleichartig, es trennen sich nicht nur Menschen. Der Roman
ist voll von Trennungen von Weltanschauungen, Bewertungen, und
schlussendlich von dem Leben selbst, gleichzeitig von dem Leben
des Körpers und dem Leben der Seele. Bei Gunjaca trennt sich der
Mensch nicht selten von sich selbst.
Eine
besondere Qualität von Gunjacas Roman stellt die Struktur dar.
Das Sujet ist als Spirale gebaut, die Personen treten in vollkommen
abgerundeten Episoden auf, verschwinden dann wieder und man hat
den Eindruck, dass sie nie wieder in Erscheinung treten werden.
Aber nach einigen Dutzend Seiten treten sie wieder in einer neuen
Episode in die Geschichte ein, die sich an die vorherige anknüpft.
Sie treten dann verändert auf, Gunjaca so die Möglichkeit bietend,
in diesem wahnsinnigen Rondo noch eine Strophe hinzufügen zu können.
Die
Personen ändern sich in jeder Episode drastisch und wie könnten
sie auch nicht, wenn man in Betracht zieht, welchen Geschehnissen
sie ausgesetzt sind. Sie befinden sich im Kontrast zu dem Haupthelden,
der sich von der ersten bis zur letzten Seite nicht zu ändern
scheint (bereits auf den ersten Seiten vertritt der Held seinen
Standpunkt über das «serbische Heldentum und die kroatische Kultur»
und in diesem Wertesystem verbleibt er bis zum Schluss). Die Unveränderlichkeit
des Haupthelden ist aber unterdessen trügerisch. Die Ereignisse
«verzehren» den Helden, er erlebt einen Infarkt, welchen er höchstwahrscheinlich
überbrücken wird. Aber er wird ebenso von dem Wind und Wetter
ausgesetztem Balkangebiet als Mensch vernichtet, von welchem er
sich, höchstwahrscheinlich, nie erholen wird. (Erdrückt von all
dem Geschehenen, denkt der Held weniger an seine Kinder als an
seinen Trauzeugen Aca, Denis und andere, deren Schicksal sich
mit seinem kreuzen). Es muss hervorgehoben werden, dass die Person
des Haupthelden sehr geschickt ausgebaut ist. Er kokettiert mit
dem Stereotyp des urbanen Einzelgängers und den Beimischungen
des Bezugs zu den Kleinigkeiten, die in den späten Siebziger -
und Achtzigerjahren das Leben bedeutet haben (Musik, Drinks etc.).
Stilistisch
gesehen, befindet sich «Der Preis der Heimat» irgendwo zwischen
Realismus und Naturalismus, so dass auch die Romansprache eine
solche ist. Erzählt in der Ichform, ist der Roman in einer Sprache
gesprochen, in welcher der Hauptheld in der Weise spricht, wie
er es auch sonst tut. Die ästhetische Mangelhaftigkeit rechtfertigt
in vollem Maße die Konsequenz der Verfahrensweise. Jede andere
Ausdrucksweise, eine poetische zum Beispiel, würde den Leser verleiten,
die Authentizität der «dargestellten Wirklichkeitswelt» anzuzweifeln.
Bei
der Bewertung des literarischen Werks zieht man häufig die Themenwahl
heran. Und wenn sie eine Zeit lang so wichtig und verhängnisvoll
ist, wie sie es in «Der Preis der Heimat» ist, dann irrt sich
der Kritiker leicht, so dass er bei der Bewertung das Thema nach
dem Kriterium behandelt, welches die Literaturtheorie und - kritik
erfordern. Im konkreten Fall schließt der große literarische Wert
des Textes eine solche Art von Fehler aus.

Metromedia
Tranchida Editore
(Milano, Italia)
Auszug
Der
Mittelpunkt dieses Romans ist die Ironie, wenn nicht die nackte
Komödie. Es gibt keine Kriegsszenarien, kein Gewehrfeuer, und
keine Scharfschützen. Man spricht nur über die „Linie“, den Schatten,
der gleichmäßig allen folgt. Die beschriebenen Geschichten sind
die alltäglichen, das normale Leben der gewöhnlichen Menschen,
die ihr Leben mit dem Kriegszustand ihres Landes teilen mussten.
Das bedeutet Hochzeiten, Verlobungen und Beziehungen, die wegen
ihrer Abstammung beendet wurden; der Vater, der seine Kinder nicht
sehen kann, weil ihre einer anderen Nationalität angehörende Mutter
sie mitgenommen hat. Und Alkohol, viel Alkohol, Medikamente und
Zigaretten. Das alles wird mit einem wirklich überraschenden Humor
erzählt, wenn man in Betracht zieht, dass der Autor selbst diese
Tragödien erlebt hat; manchmal ein dramatischer Humor. Die Gestalten
sind komisch, verärgert, danach tun sie sich zusammen, indem sie
sich in ihrer Liebe zum eigenen Land und den Fluchtplänen aus
der Armee in Richtung Deutschland oder Montenegro teilen. Robi
ist der erste, der selbstironisch ist und der die Situation beruhigt,
wenn er erzählt und somit die Stimmung dämpft. So können wir in
einigen Teilen ganz laut lachen, danach mit einem Satz auf dem
Boden landen durch einen Satz, durch einen Gedanken, der uns an
den Anfang, in die Geschichte, zurück bringt.
Warum „Abschied“? Die Gestalten kommen und gehen,
durch den Krieg überall verstreut, um überleben und etwas machen
zu können mit dem, was von ihrem Leben auf der anderen Seite geblieben
ist. Nur der Erzähler bleibt, er beobachtet und ist der Vermittler
zwischen diesen Gestalten, die in seinem Blickfeld erscheinen.
Er hat andere Interessen als sie, aber er beschuldigt keinen,
er urteilt nicht, er findet für sich eine andere Philosophie („Ich
weiß, was ich nicht will, aber ich weiß nicht, was ich will“).
Für ihn ist dieser Krieg grundlos, ein großer Kessel, in dem früher
oder später Körper derjenigen, die für das Land kämpften, Serben
und Kroaten, grundlos enden werden.
Denis, jung und ein Idealist, der an die Front gegangen ist, ist
die Schlüsselfigur des Romans, was wir erst am Ende des Romans
begreifen. Als er aus dem Krieg zurück kommt, fällt er in eine
tiefe Depression, nimmt Antidepressiva und trinkt; Eines Tages
verfällt er bei einer Hochzeit ins Delirium, das aus seiner ganzen
Situation hervorgeht, er bringt einen Menschen um, der mit ihm
anstoßen wollte. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, Robi ist
sein Rechtsanwalt.
Der lange Monolog des Rechtsanwalts, der den Roman abschließt,
ist eigentlich die Zusammenfassung des Romans. Der explosive Schluss
des Erzählers, der bei der Verteidigung seines Klienten Denis
den Augenblick nutzt, „die Steinchen aus seinen Schuhen los zu
werden“, das ist kein Zufall, weil gerade Denis all das Böse und
Unlogische des Krieges darstellt. Er ist ein Symbol, jung und
voller Ideale, naiv und so geladen, wie es nur Zwanzigjährige
sein können und ist aus diesem Grund das Lamm, das als Opfer am
Altar der Heimat geopfert wird. Der Krieg für diese oder jene
Unabhängigkeit, für diese oder jene Ideale, die eine leicht verderbliche
Ware auf diesem Gebiet darstellt....Die Ware verdarb immer vor
der Ablauffrist, die auf dem Paket der Illusionen gedruckt war,
das die Lieferanten schön verpackt, mit einer Schleife versehen
dem Volk verkauft hatten.
Als er sich an den öffentlichen Ankläger wandte, sagte Robi: „Sie
können sich nicht auf das Gewissen berufen, wie Sie es schon getan
haben, wenn Sie die Sache nicht verstehen. Wenn es kein Verständnis
gibt, gibt es auch kein Gewissen.“ Das ist das Schlusswort der
Verteidigung, aber auch die Anklage, die über die Verteidigung
hinaus geht und zur Beleidigung wird, zum Angriff auf die gesamte
Gesellschaft, die all dies nicht sehen möchte, auf die Institutionen
des Staates, die eine Stadt opfern, um in die Vereinten Nationen
zu kommen...Und dieses Schlusswort geht über die Seite hinaus
und kommt direkt zu uns, den Menschen aus dem Westen, die keine
wahre Vorstellung davon haben, wie die Sachen wirklich stehen,
wie ein junger Mensch einen Menschen grundlos auf einem Fest umbringen
kann. Gegen das Schweigen und die Heuchelei desjenigen, der alles
unter den Teppich kehren möchte und aus diesem Grund nicht versteht
:“Wie kannst du sagen, dass einer durchgedreht ist nur deswegen,
weil er für sein Land kämpfte?! Wie kann man den Verstand verlieren,
indem man für seine Heimat kämpft?!“
Das
Ergebnis dieser Ansprache ist die Verwirklichung die der Erzähler
während der Geschichte zwei mal erzählt, d.h. es gibt keinen Gehörloseren
als denjenigen, der nicht hören möchte. Und so wurde Denis zu
zehn Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. “ Zehn Jahre in Namen
der Kroatischen Republik! Bravo Republik! Du hast dich würdevoll
revanchiert!

«Über
Menschen und Schicksale»
Tanja
Stupar (NEZAVISNE NOVINE, 2003,
BANJA LUKA, BOSNIA & HERZEGOVINA)
Der Roman von Dražan Gunjaca ist ein Querschnitt
durch die tragische Periode der neueren Geschichte, er fasst den
Krieg in eine persönliche Erzählung zusammen. Alles ist der Wahrheit
der Geschichte unterworfen, ihrer Authentizität. Wenn wir diesen
Roman auf irgendeiner Seite aufschlagen, werden wir leicht die
herausgenommen Momente aus dem Leben erkennen. Die Wahrheit aus
den Seiten dieses Buches wird den Leser sicherlich für sich gewinnen.
„Der Preis der Heimat“ ist ein Antikriegsroman, in dem der Autor
objektiv alle Nöte anführt, die man im Krieg gezwungener Weise
erlebt. Die Geschichte des Leids ist universell, und es ist unwesentlich,
welche Bezeichnungen die Menschen auf dieser oder der anderen
Seite auf ihren Uniformen tragen; sie sind Menschen und verletzbar,
das ist Gunjacas Bestimmung, seine Wahrheit, von der er ausgeht,
die ihn dazu gezwungen hat die humanistische Seite zu verteidigen.
Gunjaca ist so sehr dem Roman verhaftet (die Geschichte wird in
der ersten Person erzählt), dass ihm in Momenten die Zügel des
strengen Erzählers entgleiten und er sich der Emotion überlässt,
die ihn völlig ergreift und mitnimmt; gewissermaßen wird er vom
Thema dazu gezwungen. Es ist zu viel Herz auf diesen Seiten, aber
irgendwie ist es unmöglich, diese stellenweise übertriebene Emotionalität
in so einer Geschichte zu vermeiden. Sie wird den Leser eher erobern
als stören. Das ist übrigens sein Erstling, der in einige Weltsprachen
übersetzt und Ende des vorigen Jahres auch bei uns von Besjeda
aus Banja Luka herausgegeben wurde. Dražan Gunjaca ist der erste
Autor aus Kroatien, dessen Buch in der Republika Srpska veröffentlicht
wurde. Wie im Titel angeführt, ist das ein Buch über Abschiede
(der ursprüngliche Titel der deutschen Übersetzung war „Abschied
am Balkan“, Anmerkung der Übersetzer), von denen es zwei Arten
gibt, die vorläufigen und die endgültigen, die einen und die anderen
sind traurig. Die Einen gehen, die Anderen sterben und die Dritten,
von der entsetzlichen Stimmung erstarrt, fliehen vor sich selbst
in Alkohol, in den Wahnsinn, in die Isoliertheit. Der Autor verfolgt
die psychologische Seite des Krieges, durch Geschehnisse und die
Erfahrungen der Menschen, denen er begegnet und ihre Geschichten,
führt er uns immer zur gleichen Schlussfolgerung, der Absurdität
des Krieges. Ein Spiel ohne Regeln, in dem nur der Verlust sicher
ist. Der Hauptheld vertritt den völligen Gegensatz zu dem was
der Krieg bedeutet, zu dem Ambiente, das der Krieg aufzwängt,
zu den Menschen, die sich aus diesem oder jenem Grund dazu hinreißen
lassen. Der Held ist ein in der Stadt aufgewachsener Pazifist,
in einer Kultur, die das Jugoslawentum, Rock`an Roll und einige
andere Werte geschaffen hatte, die anders sind als die, die im
Krieg vorkommen und aufgezwungen werden. Sein Werturteil wird
während des Krieges nicht verändert, er bleibt seinen Prinzipien
treu und stellt die individuellen Beziehungen vor die damals geltenden
Einstellungen der Gesellschaft, die Freundschaft und jede Art
von Gegenseitigkeit nur unter den Angehörigen der selben Nation
versteht. In den schweren Zeiten übernimmt er die Rolle eines
Schutzengels für die Menschen und ihre Schicksale, er hilft, rettet,
beschützt, denn etwas aus seinem Inneren zwingt ihn dazu. Indem
er die anderen rettet, rettet er sich als Mensch vor dem immer
größer werdenden Unsinn und Wahnsinn um sich herum.
„Der Preis der Heimat“ ist ein in einem einfachen Stil geschriebenes
Buch für das breite Leserpublikum, interessant, weil es aus einem
Nachbarland kommt und die Geschichte über den Krieg von der anderen
Seite erzählt. Im Gegensatz zu einer Vielzahl von Büchern, die
zustimmend über eine Nation auf Kosten anderer geschrieben wurden,
hat Gunjaca zusätzlich einen weiteren Schritt gemacht und einen
objektiven Roman ohne irgendwelche Idealisierungen der einen Seite
verfasst. Er ist bereit die Fehler der Umgebung, in der er lebt,
zu erkennen und zu kritisieren. Obwohl es in Kriegszeiten spielt,
ist es vor allem ein Buch über Menschen und Schicksale, ein Buch,
dem der Krieg als Grundlage dazu dient, menschliche Eigenschaften
noch mehr hervorzuheben.

www.vacationbookreview.com
"Zeit für den Frieden"
Im
Roman "Abschied am Balkan" findet Dražan Gunjaca Humanität
inmitten des ehemaligen Jugoslawien, das vom Krieg zerstört wird.
Er schreibt über das Leben und die Liebe einer Gruppe von Freunden,
die wegen ihres Geburtsortes Feinde sein sollten, doch es gelingt
ihnen dennoch ihre Freundschaft trotz der Tragödie des Krieges
aufrecht zu erhalten. Die Geschichte wird aus der Perspektive
des ehemaligen Soldaten Robi erzählt, der versucht ein einigermaßen
normales Leben zu führen, das er vorher hatte. Er wird an die
Front zurückgerufen, um seinen Neffen zu retten. Egal wie hart
das klingen mag, "Abschied am Balkan" ist voll von schwarzem
Humor, der nur dann entstehen kann, wenn es ums Leben geht. Ein
wunderschön geschriebener Roman, dem es sehr gut gelingt, den
Geist der Menschen zu fassen, die schon immer im Krieg miteinander
sind. Dieser Roman verdient es, den Literaturpreis für den Frieden
beim Wettbewerb Satyagraha 2002 in Riccione in Italien erlangt
zu haben.
http://balkans.vacationbookreview.com

Prof.
Alessio Piano (Künstlerischer Direktor des Internationalen Literaturwettbewerbs
Anguillara Sabazia Citta d'Arte 2003) Italien.
-Il Convivio, n.15/2003 (Italia)
Ein
Roman, inhaltsvoll und stürmisch, unvergesslich wegen der großen
Leidenschaft und der Atmosphäre, die den Leser packt und mit sich
reißt. Eine Seite des vergessenen Krieges, eine minuziöse psychologische
Studie, meisterhaft im Aufzeigen von Gefühlen der menschlichen
Seele. Ein Roman, in dem private Ereignisse parallel zu den großen
dramatischen Geschehen des ehemaligen Jugoslawien ablaufen, eine
Generation, in der Konflikte und Gefühle vollkommen mit tiefgehender
Innenschau dargestellt werden, beseelt durch lebendige Spannung,
die glaubwürdig das Geschehen und die unvergesslichen Gestalten
begleitet, die vom tragischen Schicksal bewegt werden. Die Gefühle
werden immer tiefer und stärker, sie sind nicht zu bekennen und
sind unaufhaltbar, beseelt von Bosheit, berauschende Augenblicke
und Schuldgefühle. Gunjacas Urteil ist also streng, bitter, manchmal
untröstlich, er aber trennt sich nicht von der Nabelschnur, die
ihn mit Liebe verbindet, so dass die Liebe immer bleibt. Das ist
der Hintergrund, vor dem die Entschlüsselung des Romans vor sich
geht, auf dessen Seiten wir die Angst und den Tod einatmen, in
den Figuren in vielen Ereignissen, in denen viele nicht die Gründe
für die Degeneration und die unbegreifliche Brutalität verstanden
haben. Ein tiefgehender und starker Roman, der uns durch seine
ungewöhnliche Erzählweise und Form und Atmosphäre verführt, ein
Buch, das in einer Sprache von besonderer Könnerschaft durch Anteilnahme
des Erzählers, wie Drazan Gunjaca, geschrieben ist. Hier stehen
die Figuren als Opfer, denen Pfeile die rauhe Haut der Realität
durchbohren. Es treten Hauptfiguren auf, als Erscheinungen in
Schmerz und Verzweiflung, in Ungerechtigkeit und Inhumanität,
Zeugen einer abgenutzten Tragödie zwischen Schrecken und Unglück.
Die andere Seite des Mondes ist beleuchtet, das Drama zeigt uns
sein verstecktes Gesicht, jenes gleichgültige, das am besten,
von irgend einem Paravant versteckt wäre. Die Trauer über die
Toten, die Besiegten und die Ohnmächtigen in ihrem Jammer, ihr
Schrei vervollständigt die Seiten dieses Romans in einer außergewöhnlichen
erstickenden und schwindelerregenden Atmosphäre, in der der Krieg
noch einmal in seinem ganzen grotesken und tragischen Zynismus
gezeigt wird. Wo es keine Sieger und keine Besiegten gibt, sondern
wo jeder seine Seele sucht. Gunjacas Drama liegt innerhalb des
Erzählens, in der Beschreibung seiner Figuren, in den Verhältnissen
zwischen den Situationen; diesen Kern müssen wir erfassen, wenn
wir die dramaturgische Bedeutung dieses Schriftsteller begreifen
wollen, der geduldig dieses Gefüge, das aus Verzeiflung, Einsamkeit
und Erwartung besteht, meißelt. Ein wahres Dokument, ein wahres
Zeugnis. Wir werden das Zeugnis im Gedächtnis behalten, denn es
ist sicher, dass es ewig und jenseits unseres Gewissens ist.

Francesco
Mazzetta (Mucchio Selvaggio, Nr 553/2003, Italien)
Über Drazan Gunjaca sprachen wir schon anlässlich
seines Buches "Balkan-Roulette". "Abschied am Balkan",
das ebenfalls das Haus FARA herausgab, entfernt sich nicht allzu
sehr von dem oben erwähnten Werk. Obwohl "Balkan-Roulette"
ein Drama ist, "Abschied am Balkan" aber ein Roman,
ist es notwendig zu betonen, dass in diesem letzten Werk Dialoge
überwiegen, und dass sich aus dieser Sicht diese beiden Bücher
nicht allzu sehr unterscheiden. Außerdem ist "Balkan-Roulette"
im Grunde die dramatische Entwicklung des ersten Kapitels von
"Abschied am Balkan". Beide Werke haben den Krieg zum
Inhalt, der das alte Jugoslawien zerstörte und Verwandte und Freunde
mit einem Schlag in Fremde und Gegenspieler verwandelte. Wenn
man einen Unterschied betonen möchte, dann sollte man sich auf
das Gefühl beschränken, das diese beiden Werke inspirierte. "Balkan-Roulette"
ist ein kurzer Text, sehr kompakt, mit einem tragischen Ende.
"Abschied am Balkan" ist eine lange Geschichte. Wenn
wir mit einem Wort das Genre charakterisierten wollten, dann müßte
man von einer Farce sprechen.
Eine Farce deswegen, weil die Ereignisse durch die Augen von Robi
gesehen werden, eines ehemaligen Offiziers der jugoslawischen
Marine, der in Pula, in einem relativ ruhigen Hafen lebt und zuschaut,
wie an ihm Liebschaften und Freundschaften vorbei ziehen, die
vom Sturm des Krieges zerstört wurden. Sie trennen sich von ihm,
indem sie entweder an die Front oder in eine sichere Zufluchtsstätte
in ein fremdes Land gehen. Da ihn ununterbrochen die einen oder
anderen dieser Menschen beeinflussen, ist Robi auf der einen Seite
allzu sehr von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt, um in
den Krieg zu ziehen, der ihn mit seinen ehemaligen Mitkämpfern
konfrontiert. Auf der anderen Seite ist er nicht in der Lage das
eigene Land zu verlassen, obwohl ihn die Absurdität der Macht
zerreißt. Der Fatalismus ist die einzige Lösung, der Gedanke,
dass Kriege und Trauer das unumgängliche Schicksal des Balkan
ist, damit die Tragödien auf irgendeine Weise in eine Farce umgewandelt
werden, in absurde und fast komische Ereignisse, die trotzdem
kein Gewicht ihrer Dramatik verlieren, wie der verrückt gewordene
Soldat, der durch die Gräben mit einem offenen Schirm als einzigem
Schutz spazieren geht oder wie der Freund Mario, der nach dem
Überleben von so vielen Kämpfen stirbt, als er in ein Loch fällt.
Als ob wir uns eine Platte von Goran Bregovic mit Ethnomusik anhörten
(ein panslawisches Ungeheuer: geboren in Sarajewo, Vater Kroate,
Mutter Serbin). Seine Musik für Hochzeiten und Begräbnisse ist
das lautliche Gegenstück zu Gunjacas Schreiben: Fatalismus, der
mit einem Teil den Schmerz, auf der anderen Seite den Zynismus
verspüren läßt. Er ist nie kalt, im Gegenteil, er wird konstant
mit Alkohol, Zigaretten und guter Musik warm gehalten.

Antonio
Spadaro,
Letture, Nummer 601/2003, Seite 40, Italien
Am Balkan: ist es möglich, sich von der Front zu verabschieden?
www.faraeditore.it
Drazan
Gunjaca ist einer der neueren Autoren der kroatischen Literatur.
Sein erster Roman »Abschied am Balkan» wurde in mehrere Sprachen
übersetzt, nach Italien kam er durch den Verlag Fara Editore (2003,
212 Seiten, R 14).
Der ewige Konflikt, der zu keinem Frieden auf dem Balkan führt,
Mythos und grober Realismus sind Bestandteile dieses Romans, der
uns mit erschütternden und starken Gefühlen in den vor kurzer
Zeit in Jugoslawien stattgefundenden Konflikt einführt. Der Charakter
der Gestalten liegt bloß, ihre Menschlichkeit nimmt man zwischen
den hohen Idealen und der niedrigen Toleranz wahr, zwischen der
Kälte der Tragödie auf der einen Seite und der Wärme der Gefühle
? dem einzigen ?ausreichenden Grund zum Leben? - auf der anderen.
Der ?Abschied? der Soldaten bekommt eine symbolische Dimension
und wird zum Zeichen einer globalen Existenz.

Giulio
Maria Artusi
(LN Librinuovi, Nummer 28/2003 Italien)
KEIN ENDE DES KRIEGES
www.faraeditore.it
Die
Hauptgestalt des Romans heißt Robi. Er ist Rechtsanwalt in Pula,
wie der Verfasser des Romans. Er hat wie der Verfasser lange in
der ehemaligen jugoslawischen Marine gedient,wie dem Autor gelingt
es ihm auch nicht sich an den Krieg zu gewöhnen, der Familien
trennt, Ehen zerstört, freundschaftliche Beziehungen vergiftet.
Es ist der Beginn der 90-er Jahre, der innere Zusammenbruch der
Föderation wird zu einem offenen Krieg. Kroaten und Serben bekriegen
sich ihrer Tradition treu wieder, die sie schon lange zu Feinden
macht. Sie sind vor allem Opfer «balkanischer Tradition», wie
Robi sagt: »Die anderen Angehörigen der Menschengattung haben
sich nie und werden sich nie dem Balkan anpassen, noch seine Menschen
begreifen (...). Sie können nicht die Kraft unserer zahlreichen
historischer Wahrheiten begreifen, der noch zahlreichen lebenden
Mythen und der aktuellen
Irrtümer, die niemand mehr zählt (...). Man kann auf dem ganzen
Balkan nicht zwei
Einheimische finden, die über alle Dinge wenigstens eine annähernd
gleiche Meinung hätten, unabhängig davon welchem Volks sie angehören.
Und wenn sie diese schon nicht haben, dann ist der Krieg nur eine
andere Art der Politik, nicht wahr»
Robi
denkt, dass der Krieg ein Betrug sei, aber es gelingt ihm nicht
sich selbst davon zu überzeugen, dass es eine Möglichkeit gibt
ihn zu stoppen und zu verhindern, genaus so wie seine Freunde,
alles ehemalige Mitkämpfer, mit denen ihn ein Fatalismus, einem
Zauber ähnlich, verbindet. Sie verbindet die Schwierigkeit, sich
eine Welt ohne Kriege, ohne Mord, ohne Rache vorzustellen, die
wie Gift in zwischenmenschliche Beziehungen, Gefühle und das Alltagsleben
eindringt. Viele von ihnen haben Serbinnen geheiratet und fanden
sich in der Situation, dass sie getrennt von Frauen und Kindern,
auf einmal am Rande des Abgrunds, waren. Die Rückkehr zum Soldatenleben
ist für viele eine Gelegenheit, eine Hoffnung, auf die unbegreifliche
Situation zu reagieren. Sie gehen an die Front, einige, um die
wiedergeborene Heimat zu beschützen, die Mehrheit, um nur so den
Anschein zu erwecken, denn es ist unmöglich auch nur zu denken,
dass man das nicht tut. Der Krieg hat das Leben ihrer Väter und
Großväter bestimmt, der Krieg ist eine perfide Hure, die ein definiertes
und klares Ziel vorausgibt, was Leben und Tod betrifft. Das ist
etwas fast Absolutes und viel wichtiger als ein alltägliches mittelmäßiges
Leben zu leben. Das ist eine Flucht vor der Einsamkeit und vielleicht
auch vor dem Nachdenken. Eine Lüge, die man sich vor allem selbst
vormacht.
(...) Gehen wir zu Einzahl über, denn alle Kriege haben so viel
Gemeinsames, dass es
einfach keinen Sinn hat über sie in der Mehrzahl zu sprechen.
Wir begreifen also nicht, dass der Krieg nicht an unsere Tür klopft,
weil ihn unsere armen Türschlösser daran hindern würden einzutreten,
sondern weil er so mit unserer Naivität spielt. Der Krieg ist
auch ein neugieriges Geschöpf. Es interessiert ihn, wie weit die
menschliche Blindheit gehen kann. Und wenn er begreift, dass sie
keine Grenzen hat, wird er dieser elementaren Anständigkeit überdrüssig
(an die er sich nebenbei zu Beginn immer hält) und er kehrt dann
zu seiner ursprünglichen Natur zurück. Damit wir uns richtig verstehen,
gibt er auch nicht zu Beginn vor, etwas anderes zu sein.Im Gegenteil!
Es unterhält ihn wahrscheinlich, dass ihn die Menschen mit allen
möglichen Namen taufen, außer mit seinem wahren. Und er heißt
Krieg. Nichts besonders Schwieriges um sich das zu merken und
zu begreifen. Wenigstens sieht es so aus. Und wenn wir ihn dann
mit seinem wahren Namen nennen, das müssen wir früher oder später,
dann ist es schon zu spät für viele. 1 Robi möchte nicht in die
Welt des Militär zurück. Er hat Angst davor, wieder Soldat zu
sein. Seine Freunde gehen, einer nach dem anderen. Sie fliehen,
verstecken sich, verschwinden. Sie verabschieden sich von ihm
und vom Leben. Mario, ein erfolgloser Barman, Denis, Kadett, besessen
von der Idee des Heldentums und der Heimat, die man zu Hause einatmet.
Damir, ein Mensch, der auf den richtigen Weg wegen der Nähe zum
Tod kam. Durchschnittliche Leben, die unschätzbar wegen ihrer
Einzigartigkeit geworden sind, an die sich Robi in seiner Verzweiflung
ohne irgendwelche Vorbehalte erinnert.
In diesem Buch gibt es keinen rhetorischen Faden, kein großes
mystisches Belehren, kein Moralisieren, kein Urteil und keine
Sicherheit. Nur Unglaube, Bitterkeit und luzides Verzweifeln.
Robi trinkt, ist vorwiegend faul und egoistisch, er hat keine
einfachen Beziehungen zum anderen Geschlecht, daher hat er eine
gewisse Tendenz sich dem Verfall zu überlassen, Emotionen und
starke Gefühle abzulehnen. Trotz dieser Schwächen gelingt es ihm
nicht oder möchte er nicht vor der eigenen Verantwortung fliegen.
Er verdammt die Welt, Freunde, Verwandte und den Krieg, er konfrontiert
sich mit Ereignissen wie er kann, das gelingt ihm auch ohne Übertreibungen
oder Versuche, sich besser darzustellen als er ist. Er ist Zeuge,
eine nachdenkliche Person, die schreibt und es uns als Leser überläßt
zu urteilen oder den Schuldigen zu finden. Das ist ein Widerspruch,
«Abschied am Balkan» ist aber auch ein unterhaltsames Buch, vielleicht
sogar grausam unterhaltsam, während es vom alten, kontinuierlichen
Hass spricht, für den die Gründe schon längst vergessen sind,
von Streitigkeiten und Geschichten über Erbschaften, kleinen und
großen Schlauheiten, Betrug und Enttäuschungen dalmatinischer
Tourimusangestellter. Für den italienischen Leser gibt es viel
Erkennbares in diesem Erleben des Krieges im Haus, in den politischen
Einstellungen oder ideologischen Entscheidungen, die auf Hass
begründet sind anstatt auf einer überlegten Wahl.
Auf dem Balkan überlassen wir uns dem Leben und dem Tod ohne großen
Protest - sagt Gunjaca - vereint durch unbewußte Überzeugungen,
dass das Leben nur eine gewöhnliche Episode sei, ein Augenblick,
den wir wie einen Festanzug mit einem Minimum von Würde anziehen
müssen. Sein Ziel ist unwichtig, wenn das Leben überhaupt ein
Ziel hat. Das Leben ist ein Augenblick nach dem anderen: Freundschaft,
Leidenschaft, Angst, wieder Leidenschaft, Freundschaft, Angst
und so weiter. Das Karussell bleibt am Ende stehen, es muß stehen
bleiben, das ist normal und es wäre idiotisch das zu negieren.
Das ist Robis Lebensanschauung, er ist auf dem Balkan geboren
und weiß daher, wie das so abläuft. Ihm gelingt es nicht das anzunehmen.
Noch immer wird er überrascht, er leidet ehrlich und fragt sich,
ob es möglich gewesen wäre, dass es anders verlaufen wäre. Darin
liegt die Kraft seiner Gestalt und die außergewöhnliche Größe
des Romans.
Drazan Gunjaca ist Schrifsteller, Dichter und Dramatiker. Seine
Kenntnis der Theaterform ist schnell zu bemerken, auch in den
erzählenden Texten, reich an lebendigen Dialogen ohne sich Sterotypien
und Onomatopäie, eines Jargons oder eines verlogenen «Realismus»
zu bedienen. In Italien wurde er mehrere Male für seine Trilogie
«Abschied am Balkan» ausgezeichnet, die aus dem gleichnamigen
Roman und den Romanen «Auf dem halben Weg zum Himmel» und «Liebe
als Strafe» besteht, wie auch für seine Gedichtsammlung «Wenn
es mich nicht mehr gibt» (2002), soswie für das Drama «Balkan-Roulette»
(2002), herausgegeben vom Verlag Fara.

Shirley
Gerald Wares
FRESH! Literary Magazine, Nummer 10/2004 (USA)
Dieser
Roman berichtet über Geschehnisse und viele Tragödien, die im
Krieg am Balkan entstanden sind. So viel Leid wurde Armen und
Unschuldigen zugefügt, die sich auf einmal in einem Krieg fanden,
der ihnen nichts bedeutete. Herr Gunjaca beschreibt die Gestalt
Robis, eines jungen Menschen, der die meiste Zeit seiner Jugend
in der jugoslawischen Marine diente. Robi sitzt in seiner Dachwohnung
in Pula. Es ist das Jahr 1991. Er hat die dunklen Seiten des Krieges
kennen gelernt, die auf brutale Weise zu viele Leben seiner Freunde
gekostet hat, die ohne Denkmäler beerdigt wurden. Jetzt denkt
Robi als Überlebender und als Zivilist über das Schicksal der
übrig gebliebenen Freunde aus der jugoslawischen Marine nach.
So erinnert er sich an seinen Freund Toni, der wegen seines übermäßigen
Alkohol- und Drogenkonsums gestorben ist. Robi und Toni haben
viele Jahre in der Marine gemeinsam verbracht, jetzt am Jahrestag
seines Todes, beweint ihn Robi in seiner Einsamkeit, liest seinen
Abschiedsbrief und trinkt billigen Cognac. Wenn sich die Geschichte
weiter entwickelt, besuchen ihn alte Freunde, die noch immer in
der jugoslawischen Armee dienen. Während er sich ein altes Album
von Pink Floyd anhört, wird sein Herz wegen des ungerechten Krieges
und wegen des schweren Verlustes seiner Freunde immer bedrückter.
Er beginnt sich zu fragen, worin der Sinn des Krieges, der so
viel Schmerz mit sich bringt, liege.
Das
ist ein scharfsinniger und engagierter Roman, der eine große Dosis
Krieg und Politik enthält. Als ich mich entschlossen habe, "Abschied
am Balkan" zu lesen, wußte ich nicht was mich erwartet. Jetzt
ist mein Verständnis dafür viel tiefgehender, ich habe das Gefühl,
dass ich auch selbst das Leid vieler Opfer miterlebt habe. Gunjaca
hat ein ausgezeichnetes Werk mit der Beschreibung von Robis Freundschaft
und seiner Ergebenheit gegenüber vielen Landsleuten, insbesondere
gegenüber Toni, geschrieben. Die überlebenden Freunde Robis besuchen
oder telefonieren mit ihm, sie verabschieden sich bevor sie in
den Krieg gehen. Obwohl die Sprache oft derb ist, werden sich
Robis Freunde in seiner Wohnung treffen (das ist ein Buch für
Erwachsene), denke ich, dass man ihm wegen der Umstände, die ihre
Treffen bestimmen, verzeihen kann. Der Roman ist eine ausgezeichnete
Lektüre, ich empfehle ihn als Geschenk zu jeder Gelegenheit. "Abschied
am Balkan" kann man bei Amazon.com kaufen.

Mauro
Mirci (Parole di Sicilia, 2004, Italien)
www.paroledisicilia.itcanici.htm
Ein
seit langem vorbereiteter Konflikt im Wirbel des nationalen Hochmuts
und ethnischen Hasses. Eine Armee, in der sich jetzt nach freier
Wahl die besten Freunde an der Gegnerischen Seite befinden, als
Feinde, als Deserteure, als Aggressoren oder Verräter. Ein Rechtsanwalt
und sein kompliziertes Leben. Alkohol, Frauen, Egoismus, Misanthropie,
Bruderschaft, Gewalt. Ein Krieg, der erlebt ist. Eine geistige
Krankheit. Unmögliche Anpassungsfähigkeit.
Abschied am Balkan umfasst alles was oben genannt wurde. Der Krieg
wird an tausend Fronten beschrieben, manche sehbar und fast alle
weit von der Feuerlinie.
Gunjaca ist ein Kroater, aber das ist nur eine Zufälligkeit. Er
könnte genauso ein Serber oder ein Bosnier sein: er hätte die
gleichen Wörter gegen den Krieg und ethnischen Hass, die den Balkan
der Neunziger erschütterte, geschrieben. Seine Geschichte ist
ebenso fruchtbar wie dasselbe Jahr. Gunjaca beschreibt eine Welt
die zerfällt und eine andere die gerade anbricht; er beschreibt
die Ereignisse und Tatsachen, die nur während des Krieges eine
Ausrede haben und die mit familiären Ereignissee, Gespräche und
täglichen Geschichten, die auch in unserem Haus passieren könnten,
verflicht sind. Er beweist, dass der Krieg nicht ein großes von
der regimefreundlichen Redner oder Presse beschriebenes Ereignis
ist; dass er nicht nur eine einfache Gegnerschaft ist. Gunjaca
möchte beweisen, dass die echte Perversion des Krieges in seiner
Einfachheit und Natürlichkeit liegt, mit denen er ins Leben von
Menschen hineindrängt.
Das ist, meiner Meinung nach, die Eigenheit dieses Romans. Es
ist weder ein großes Epos, noch eine Geschichte über unglaubliche
Ereignisse, nicht ein "Ungeheuer", das die Aufmerksamkeit
des Publikums mit dem blutigen und sensationellen Szenario erregen
kann. Das ist ein übertragener und teils durch den Widerhall des
Kampfes ausgelöschte Alltag, einen Kampf, der in der Nachbarregion,
im Nachbarstaat, auf einem anderen Kontinent oder vor dem Haus
stattfindet - Abschied am Balkan (Der Preis der Heimat) vereinigt
Egoismus und Großherzigkeit. Obwohl der Krieg im Roman nicht so
gut dargestellt ist, wird die Schuld nicht an die Soldaten zugeschrieben.
Der Wunsch nach Normalität wird ausgemalt, trotzdem ist man mild
mit denen die nicht für Normalität geeignet sind. Das Gesamte
entsteht durch außerordentliche Gefügigkeit des Autors: eine echte
Erzählung, die - nicht nur eine Chronik, in der nur Ereignisse,
keine Gefühle aufgezeichnet werden - die Grenzen der Autobiografie
durchquert, um die Geschichte eines Gesamtvolkes zu werden.

Anna
Calonico (Arte & Cultura, br. 75/2004, Trst, Italija)
Ein
ehrliches Buch über den Krieg in Ex-Jugoslawien
Der Preis der Heimat (Abschied am Balkan) von Dražan Gunjaca
Zehn Geschichten über gewöhnliche Menschen als Beispiel für alle
Dražan Gunjaca: einst Offizier der Jugoslawischen Kriegsmarine
in Split, heute ein Rechtsanwalt in Pula. Vor ungefähr 20 Jahren
schrieb er den Roman Auf halbem Wege zum Himmel, der nie veröffentlicht
wurde. Trotzdem wurde sein zweiter Roman Der Preis der Heimat
und dazu gehörenden Liebe als Strafe (2002.) veröffentlicht. Diese
sind Bücher über den Krieg, geschrieben nicht um einen Grund anzugeben,
das überließt den Autor zu den anderen, sondern in der Hoffnung,
dass so ein Konflikt nie wieder aufbricht.
Der Roman ist im Faro Editore Verlag in der Übersetzung von Srdja
Orbanic und Danilo Skomeršic im 2003 in Italien erschienen. Das
war für Gunjaca ein erfolgreicher Anfang, während das Buch in
Deutschland, Bosnien und Herzegowina, Serbien, in den USA und
Australien veröffentlicht wurde. Es handelt sich hier um einen
Antikriegsroman, der über die Schwierigkeit des Lebens in der
Kriegszeit spricht, besonders über die Unmöglichkeit feste emotionale
Beziehungen zu unterhalten. Der Roman handelt also über Probleme
von Individuen, die unschuldig sind. Gunjaca erzählt nicht über
die Uniformen, weil das Drama jedes Charakters mit dem von seinem
Feind verflechtet ist. Es spielt keine Rolle, ob der Charakter
ein Kroate oder ein Serbe ist, ob seine Frau eine Kroatin oder
eine Serbin ist. Der Autor spricht über ein Leiden, das im Roman
Der Preis der Heimat alle Unterschiede übersteigt. Die Handlung
dieses Romans ist fast „spiralig“. Jeder Charakter tritt in der
Geschichte in einem bestimmten Moment ein, zeigt uns seine eigene
Geschichte und dann nehmen wir von ihm Abschied, und das alles
in dem gleichen Kapitel. Es ist, als ob seine Rolle beendet ist,
als ob Aca, Boris, Mario und anderen nie wieder auf die Szene
treten werden. Aber später kommt derselbe Charakter, im Krieg
„aufgewachsen“ und geändert, zurück, und eben das ermöglicht den
Weitergang der Geschichte. Selbstverständig werden wir uns von
den anderen Charakter verabschieden, dieses mal für immer, wie
Gunjaca im Vorwort genau dieser verlorenen Freunde dieses Buch
widmet: “Ruhen Sie in Frieden... es ist nur Ihnen zu danken, dass
ich an einem Leben nach dem Tod glaube, weil Sie das verdient
haben”. Fast dieselben Wörter spricht der Protagonist Robi aus:
“Für uns aus dem Balkan stammend kommt das zweite Leben sicher,
weil das erste keinen Wert hat, da es von Anfang an zerstört ist.”
Das Ziel dieses Werkes ist über den Krieg am Balkan zu sprechen,
dagegen zeigt das Vorwort, dass das Ziel erreicht wurde: das Buch
hat „nur zehn Kapitel, könnte aber dreißig haben. Trotzdem ist
es, als ob in diesem zehn Kapiteln alles gesagt wurde.” Lesen
Sie es und überzeugen Sie sich selbst davon.
Dieser zweihundert Seiten lange Roman spricht über einen Ort,
wo kein Übel vorübergehend ist, weil nur schöne Sachen kurz sind.
Es ist ein Ort, wo alles über den Verstand und ohne Logik geschieht,
wo man nicht in der Lage ist, weder seine eigene Vergangenheit
noch die Zukunft zu betrachten, wo man kein Ideal realisieren
kann, weil hier die Ideale “von heute auf morgen” eintreten, und
ihre Frist abläuft. Das ist derjenige Ort, wo so viele Ereignisse
statt gefunden haben, wo man so viel gekämpft hat, dass man wieder
die Ilyade ausschreiben könnte. “Gott weiß, wie viele ums Leben
auf jenen Maisfelder gekommen sind” und wie groß den Altar der
Heimat, wo die Helden ihres Leben geopfert haben. Robi denkt darüber
nach und fragt sich in welchem Maß die “Befreiung” diese Märtyrer
und gestorbene Söhne ihren Familien, für denen mit ihnen die ganze
Welt untergegangen ist, zurückgeben wird, und ohne Rücksicht auf
die Nation, in der sie durch Zufall leben. Aus Schmerz und Schwäche
wird der Protagonist zornig, während er über Hunderte von Menschen
denkt, die ums Leben gekommen sind und diejenigen dessen Leben
für immer zerstört ist. Nun ist den Günstlingen der Vorgesetzten
nichts passiert, denjenigen die manchmal aus dem Ausland in die
„Heimat“ zurückkehren, und nicht begreifen, dass „in der Heimat“
Krieg herrscht.
Die richtigen Opfer sind die jungen Freischärler wie Denis, volle
Kraft, Hoffnung und Mut, zufriedene und freundliche Personen...
bis dem Zeitpunkt, als der Krieg aufbrach und mit sich viele Toten,
Verletzten, psychisch Traumatisierten brachte, Personen, die fast
seitens der Zivilgerichte, die die Front nicht erlebt haben, geringgeschätzt
und verurteilt waren. Die richtige Opfer sind Kinder, die gezwungen
sind, die Leere wegen des verlorenen Vaters mit stummen Gegenstände
und den letzten Briefen aus der Front zu füllen. Die Szene des
„Austausches der Kinder“ zwischen dem Serbe Ace und dem Kroate
Damir ist entzückend, aber auch ein bisschen pathetisch. Suggestiv
ist sie auch und darum bietet sie eine Hoffnung. Der Roman hat
auch Happy-End-Geschichten, aber auch Charaktere, die einen Zusammenbruch
erlitten, gerade an dem Moment als man denkt, dass sie glücklich
sind und alle Hindernisse überwunden worden sind.
Die Szene der Bombardierung ist bemerkenswert: was kann man tun,
wenn rundherum die Granaten einschlagen? Beten. Was ist, wenn
Robi das Gebet vergessen hat? Trotzdem fängt er zu beten an, während
die Bomben eine nach der anderen einschlagend ihm die Erinnerung
hervorrufen: sechs Stunden sind genug, um sich an dem Vaterunser
zu erinnern. Gewöhnliche Menschen können nur zwischen einem Freund
und einem Feind unterscheiden und vor allem Sachverständige für
Militärfragen werden, wie in Sarajevo, beziehungsweise “wie kann
man auf dem Wege vom Schutztort bis zum Marktplatz zu überleben?
Und zurück, natürlich!”