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die AUSGABEN :
- Der Preis der Heimat
- Balkan-roulette
- Im Schatten des Verstande
- Liebe als Strafe
- Auf Halbem Wege zum Himmel
- Wenn es mich nicht mehr gibt
- Gute Nacht , Freunde!
- Alle Menschen sind brüder
- Träume haben keinen Preis
Balkan-Aquarell

 

I

Ein trüber, eintöniger Herbstregen ergoss sich in diesem Jahr 1991 auf die abgenutzten Dächer der Altstadt von Pula, während ich emotionslos durch das Fenster meiner Wohnung im Dachgeschoss blickte und versuchte, im ersten Dunkel etwas wahrzunehmen, was mich aus der Lethargie reißen und mir an diesem Abend irgendeinen Sinn geben könnte. Umsonst! Wenn es jemals den Anschein hat, dass die Zeit stillsteht, dann ist dies an solchen regnerischen Herbstabenden der Fall, besonders dann, wenn man sie allein verbringt, was jetzt bei mir der Fall war.
Den Fernseher hatte ich ausgeschaltet, um das geringe Maß an gesundem Verstand nicht zu gefährden, das mir nach all diesen Jahren, besonders aber nach allen Ereignissen der letzten Monate, noch verblieben war. Und wie konnte überhaupt ein normaler Mensch so etwas wie eine ausländische humoristische Fernsehserie ansehen, deren Folgen sich mit Reportagen von den Kriegsschauplätzen abwechselten? Die Personen und Handlungen wiesen in diesem Augenblick keinerlei Berührungspunkte mit den Geschehnissen auf, die sich über dem Balkan zusammenbrauten, wo nur über Krieg, Hass, Schmerz, Leid gesprochen wurde und über alles, was zu den aktuellen für diese Gegend bezeichnenden gesellschaftlichen Ereignissen gehörte. Wie konnte man sich auf die Handlung solcher Sendungen konzentrieren, wenn gerade im komischsten Augenblick (zumindest sollte man dies aus dem zugeschalteten Lachen eines imaginären Publikums schließen, das die Handlung der Serie scheinbar verfolgte) eine Aufschrift auf dem Bildschirm erschien, die Fliegeralarm für Karlovac, Gospia (wobei ich mich korrigieren muss, da die Alarmmeldung für Gospia nur einmal täglich erfolgte, weil dort ständige Gefahr herrschte) und andere Städte ankündigte, in diesem schönsten Land der Welt, das sich zur Zeit nur leider im Krieg befand? Zwar war in diesem Märchenland noch kein Kriegszustand verkündet worden (falls ein solcher überhaupt jemals ausgerufen würde), jedoch stellte dies kein Hindernis für die alltäglichen Zerstörungen und das Töten all jener dar, deren die "Befreier" habhaft wurden.Glücklicherweise war Pula, wer weiß aus welchem

Grund, bisher ohne Zerstörungen davongekommen (wahrscheinlich nur dank der göttlichen Vorsehung). Was die menschlichen Verdienste dafür anbelangte, würde sich wahrscheinlich nach diesem nicht erklärten Krieg eine genügende Anzahl von sog. Rettern der Stadt zu Wort melden, da es natürlich ohne sie weder uns noch die Stadt mehr geben würde … Doch lassen wir das. Sollten sie die Stadt nur in Ruhe lassen und sie nicht zerstören, denn wem bedeutete es schon etwas, wer eines Tages wem ein Ordensband für Verdienste verleihen würde? Vermutlich niemandem! Ich legte eine alte Schallplatte von Pink Floyd auf den Plattenspieler und schenkte mir einen Cognac ein. Einen französischen, die billigere Sorte von "Napoleon". Zumindest sah er gut aus. Da ich ihn nicht pur trank, konnte ich über den Geschmack kein Urteil abgeben. Eine ideale Nacht, um ein wenig über die Vergangenheit nachzudenken, wozu natürlich notwendigerweise Alkohol gehörte, denn wer auf dem Balkan kann schon nüchtern über die eigene Vergangenheit nachdenken, geschweige denn über den Sinn der Zukunft? Eigentlich hatte ich schon vor Jahren mit dem Trinken aufgehört, so dass ich seitdem bereits das erste Gläschen als fünftes, sechstes oder wer weiß schon welches wahrnahm - das hing jeweils von den Umständen ab. Und auch das Getränk war ein anderes als damals. Wenn man denn überhaupt davon reden konnte, dass ich jetzt mehr trank, da die wenigen Gläschen, die ich da und dort aus irgendeinem Anlass zu mir nahm, sicher eine Beleidigung für die meisten volljährigen Männer darstellten, die irgendwo auf dem Balkan geboren worden waren. Früher trank ich Wodka, wobei sich zumindest sagen lässt, dass es ziemliche Mengen waren. Jetzt konnte ich dieses geschätzte Getränk nicht mehr sehen und begriff gar nicht, wie ich es jemals hatte trinken können und das auch noch in nicht gerade zu vernachlässigenden Mengen. Dies ist jedoch nur jener Teil eines Problems, das sich kolloquial unter dem Arbeitstitel "Wie kann man einen Teil der eigenen Vergangenheit verstehen, der jetzt aus irgendwelchen Gründen inakzeptabel ist" zusammenfassen lässt. Auf keine Weise, da das Problem stets in den gegenwärtigen Ereignissen liegt und nicht in der eigenen Vergangenheit. Wie steht es also erst um die fremde Vergangenheit!
Ach ja. Sobald ich in einen solchen Zustand verfiel, begann ich mich mit der müßigen Lebensphilosophie des eigenen Alltags zu vergnügen, die ungefähr so unfruchtbar war wie die meisten meiner Beziehungen mit Frauen. Die Frauen! Zum ersten Mal erinnerte ich mich an diesem Abend auch an sie. Mit ihnen begann es immer gut, jedoch endete es meist rascher als es begann. Darüber aber mehr bei anderer Gelegenheit. Die Frauen stehen in Kriegszeiten ja nicht im Vordergrund, nicht wahr? Es ist nicht alles Übel, was Unglück mit sich bringt. (Widerstehe der Versuchung, ein männlicher Chauvinist zu sein, auch wenn dir der Krieg schon als Rechtfertigung dient und sei es nur ein nicht erklärter Krieg ist).
Männer! Freunde! Die erste Verteidigungslinie! Mein Gott, wo waren jetzt nur alle diese vielen verschiedenen Personen? Liebenswerte, herrliche, aufopfernde, verdorbene, heuchlerische … Viele solcher Menschen waren in den Jahren, als ich noch in der Uniform der Jugoslawischen Kriegsmarine steckte, an mir vorbei defiliert, aber auch, nachdem ich diese Marine im Vorjahr verlassen hatte und schließlich "Zivilist" wurde.
Einige sind tot, eigentlich mehrere von ihnen, jedoch hatten sie das vor dem Krieg erledigt, ohne Auszeichnung. Mit Toni habe ich meine frühe Jugend und viele unausgeschlafene Nächte verbracht. Eine dieser Nächte schlief er jedoch durch. Zu viele Drogen für den müden Körper und ein Abschiedsbrief, den ich einmal im Jahr am Jahrestag seines Todes der Ordnung halber las. Wobei ich mich natürlich immer betrank und innerhalb meiner vier Wände ausweinte, ohne Zeugen und immer wieder von neuem. Im Verlaufe der Jahre weinte ich an diesem Tag immer mehr und dachte dabei immer weniger an Toni. Die einzige Konstante dabei war der Anlass des Betrinkens.
Aca, eigentlich Alexander, dessen Trauzeuge ich bin, war Unteroffizier in der Jugoslawischen Kriegsmarine oder wie auch immer diese Marine hieß. Diese große Seele war wie seine Heimat Wojwodina und die einzige mir bekannte Person, die alles Unheil dieser Welt mit einer buddhistischen Nonchalance über sich ergehen ließ, da alles sich seinen Worten nach "eben ereignen und es danach, verdammt noch mal, weitergehen musste". Meine Patenschaft war an sich nicht des Lobes wert, denn er ließ sich schneller scheiden als er geheiratet hatte. Trotzdem waren wir Paten geblieben. Übrigens war ich seiner Meinung nach "sein" und nicht "ihr" Trauzeuge, so dass die Tatsache der Scheidung ohne Bedeutung für das weitere Gedeihen unserer Patenschaft blieb. Seit Tagen und Monaten hörte ich nichts von ihm, da er im Kreis der Kaserne eingeschlossen war, wo man ihnen bis zur Abfahrt der Schiffe nach Montenegro keinen Ausgang gestattete. Nicht einmal Telefonieren war erlaubt. Nichts!
Boris, der Ehe eines Serben und einer Kroatin entstammend und in Belgrad geboren, war national nicht orientiert und gehörte nirgendwohin. Er war erst drei Jahre in Pula auf Grund eines Vertrags auf bestimmte Zeit (dieses System wurde in der jetzt bereits ehemaligen Armee unmittelbar vor dem Zerfall des Staates als Versuch einer Reorganisation und Modernisierung eingeführt, obwohl es sich eigentlich darauf belief, dass sie einfach nicht genügend Kandidaten für die Militärschulen und damit später auch keine Soldaten auf Lebenszeit hatten. Es gab nicht mehr genug verrückte oder gezwungene Leute für die militärische Ausbildung bzw. für ein lebenslängliches militärisches Mannequinwesen). Die Eltern waren geschieden und er selbst der Straße überlassen, so dass er Rettung in der Armee fand. Zumindest vorübergehend. Nichts Originelles, dafür aber wirkungsvoll, wie es unser neuer Präsident Franjica ausdrücken würde. Natürlich hingen sich solche Leute immer an mich. Allerdings aus den verschiedensten Veranlassungen.
Dino lehrte irgendwo in Slowenien Soziologie. Er hatte die Uniform mit dem Katheder vertauscht. Ich war mir nicht sicher, ob es sich dabei um eine perfekte Wahl handelte. Aber wer verstand schon einen Slowenen? Die österreichischen Grenzen waren zu nahe, so dass die slawische Seele unter den germanischen Einflüssen litt. Soweit ich mich aber der weiblichen Angehörigen dieser Nation erinnerte, schien es mir, dass sie eine Art Gleichgewicht mit uns hielten, und im Durchschnitt als akzeptabel galten. Wenigstens diejenigen, die ich kannte.
Zvrrrrr. Telefon! Wer hatte nur dieses verfluchte Gerät erdacht, das, nachdem man dreißig Jahre alt geworden ist, immer dann läutete, wann man es am wenigsten brauchte? Ich musste mir irgendein leiseres Telefon besorgen, während das jetzige als Sirene für die Alarmierung meines Wohnviertels gute Dienste leisten konnte. Andererseits konnte man in diesem Teil der Altstadt nicht einmal mehr die Ratten vertreiben, selbst wenn man in den frühen Morgenstunden auf der Treppe zufällig auf eine trat, zu einer Zeit, da die meisten seiner geschätzten Bewohner gerade ihre Eingangstüren zu finden versuchten.
"Ja!", sprach ich mit kaum vernehmbarer Stimme ins Telefon.
"Hier ist Sima. Robi, bist du es?"
"Welcher Sima?"
"Sima, zum Teufel, der vom Geheimdienst, was ist denn, verdammt noch einmal, los mit dir, erkennst du mich nicht?"
"Ach du bist es. Wo bist du denn, Sima, lebst du noch?"
"Rede keinen Blödsinn. Hör zu, ich muss dir etwas Ernstes sagen. Von Freund zu Freund. Wir sind doch noch Freunde oder hast du jetzt die Seiten gewechselt?"
"Lass das, Sima, welches ist denn die richtige Seite?"
"Nun geh, Robi, du bist doch ein normaler Mensch. Ein bisschen verrückt, aber redlich und es täte mir Leid, wenn dir etwas zustößt. Deshalb rufe ich an. Die Unsrigen faseln etwas, irgendwie gehst du ihnen auf die Nerven, da du für deine Kroaten, die aus der Armee flüchten, Papiere besorgst, irgendwelche Anträge stellst, sie dazu überredest und so. Nun gut, das war noch im Sommer, auch das wissen wir, aber jetzt, bevor sie endgültig weggehen, haben sie noch etwas vor, wahrscheinlich haben sie dich im Fernsehen gesehen, bei irgendeiner Feier, wo die kroatische Hymne gespielt worden ist. Du warst dort wie paralysiert und was weiß ich, was sonst noch alles. Was immer es sei, dachte ich mir, Hauptsache ist, dass ich dir sagen muss, dass du dieser Tage vorsichtig sein sollst. Zum Teufel, wir haben so viel zusammen getrunken und es wäre nicht in Ordnung, dass ich dir das nicht sage."
"Oh Sima, Sima! Was soll ich dir sagen? Danke! Sage deinen Idioten, dass wir zusammen ausgebildet worden sind, auf den selben Übungsplätzen und wenn sie unbedingt kommen wollen, sollen sie es tun. Bei uns in Dalmatien sagt man: Niemand kann dich zweimal töten. Du weißt, dass ich ein geselliger Typ bin und nicht beabsichtige, selbst zum Himmel zu fahren, sie sollen also nur kommen. Der Teufel soll sie holen und jetzt sage mir endlich, wie es dir geht."
"Überhaupt nicht gut! Die Kinder sind per Schiff nach Montenegro abgedampft, mit allen Möbeln, ich habe keine Ahnung, wo sie sind. Wenn sie überleben, und meine Frau wird es sicher, werden sie wahrscheinlich versuchen, irgendwie zu meiner Familie nach Po_arevac zu gelangen und später werden wir sehen was passiert. Ach ja, ich bin also ohne Möbel verblieben. Du kennst diesen Trottel Mirko von den Hilfsschiffen. Natürlich kennst du ihn. Nun, er ist mit dem selben Schiff gefahren und irgendwo bei der Insel Vis, mitten in der Adria, hat er einen Nervenzusammenbruch erlitten und bevor sie ihn packen konnten, hat er die Hälfte der Möbel ins Meer geworfen. Erst bei Vis hat er begriffen, dass er Kroatien für immer verlässt und das hat ihn fertig gemacht. Natürlich waren unter der Hälfte der weggeworfenen Möbel auch meine. Aber was soll's. Ich verstehe nicht viel davon, was heute vor sich geht. Eigentlich verstehe ich gar nichts, nur diesen Mirko verstehe ich schon."
"Und du? Was wirst du nun tun?"
"Nun, ich werde versuchen, mich mit irgendeinem Papierkram zu beschäftigen. Du weißt schon, irgend so einen Bürohengst spielen, um diesen beschissenen Krieg zu überleben. Wenn mir das gelingt, ist es gut. Wenn nicht, hol's der Teufel. Dann war's eben nichts."
"Von wo aus rufst du eigentlich an? Du bist doch nicht vielleicht im Kommando?"
"Bist du verrückt? Aus der Wohnung eines Freundes, der schon nach Serbien abgehauen ist und mir den Schlüssel hinterlassen hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll. In meine Wohnung kann ich nicht zurück. Wer weiß, wer jetzt dort drinnen ist. Weißt du, wir Geheimpolizisten können noch irgendwie auf eine Stunde nach draußen verschwinden. Jetzt aber sind die Spezialpolizisten aus Niš gekommen, um uns angeblich vor den Ustaschi zu schützen und sie lassen niemanden mehr hinaus. Es ist zum Verrücktwerden. Sie bringen uns um wie die Hasen. Und wenn sie dich nicht einsperren, erklären sie dich zum Deserteur. Legen dich in einen Sarg und schicken diesen nach Serbien, wo du dann mit allen Ehren begraben wirst. Und nun verstehe das alles. Ein verrücktes Volk!"
"Sima, nochmals vielen Dank. Aber lauf jetzt zurück. Ich will nicht, dass ich dich auf dem Gewissen habe."
"Ach ja, ich möchte dich nur noch etwas fragen. Was war eigentlich mit dieser Hymne, wo du im Fernsehen zu sehen warst?"
"Gar nichts. Wir organisieren nur eine Offiziersvereinigung."
"Was?"
"Eine Offiziersvereinigung."
"Was ist denn das?"
"Nun, das ist etwas ähnliches wie der frühere Kämpferverband des Volksbefreiungskrieges. Ich kenne mich da auch nicht so aus. Eine Vereinigung von Offizieren. Aus allen früheren kroatischen Armeen, von der Heimwehr, den Ustaschi, den Partisanen, den französischen Fremdenlegionären bis zu uns aus der Jugoslawischen Volksarmee. Sie kommen von überall her. Das Durchschnittsalter ist sechzig Jahre, die barfüßige Kindheit nicht mitgerechnet. Wenn wir schon beim Durchschnitt sind, auch du kannst dich uns anschließen, wenn du willst."
"Ich? Wieso ich?"
"Na schön. Sag ihnen, dass du dich einen feuchten Dreck um Jugoslawien scherst und dass du dich immer als Kroate gefühlt hast, aber erst jetzt zu dieser Erkenntnis gekommen bist. Etwas spät zwar, aber was soll's, besser jetzt als nie. Wenn dir aber daran gelegen ist, Serbe zu bleiben, sage ihnen, dass Kroatien für dich schon immer deine Heimat war, dass du in Serbien niemanden außer der Frau, den Kindern und der übrigen Familie hast, die sich sowieso von dir losgesagt haben, was von ihnen auch zu erwarten war. Gib dich nur nicht als Jugoslawe aus, das wirkt in diesen Zeiten etwas desorientiert, was auf dem Balkan immer einen hohen Risikofaktor darstellt. Und erkläre, dass du gegebenenfalls dein Leben opfern würdest, um …"
"Einen Dreck würde ich mich für irgend jemanden opfern!"
"Um Himmels willen, sei vernünftig! Heutzutage kannst du weder Serbe noch Kroate sein, wenn du nicht bereit bist, zumindest dein Leben zu opfern, so dass es dir hinterher auch scheißegal ist, was du warst. So Gott will wirst du ohnehin irgendwo deinen verrückten Kopf verlieren, so dass du dann wenigstens nicht weit zu gehen brauchst. Und du hast auch weniger Kosten."
"Weißt du was? Wenn ich darüber nachdenke, dann seid ihr Kroaten wirklich verrückt. Besonders ihr Dalmatiner. Und du erst recht."
"Und wer sagt mir das? Ein Angehöriger des vernünftigsten Volkes auf diesem Planeten und darüber hinaus. Übrigens, was das Fernsehen anbelangt, hatte ich nicht mitbekommen, dass sie das aufnehmen, bis ich am Abend in der zweiten Tagesschau zu sehen war. Bei Gott, die Beine haben mir versagt vor lauter Tapferkeit, als ich mich in einem solch hypnotisierten Zustand erkannt habe. Ich wusste, dass sich deine Genossen gleich danach um meine Gesundheit sorgen werden und deshalb schlafe ich schon seit Tagen mit einer Pistole unter dem Kopfkissen."
"Das ist die beste Art, einen Befreiungskrieg zu beginnen. Und warum haltet ihr die Hand auf dem Herzen, während eure Hymne spielt?"
"Keine Ahnung, so wie ich auch immer noch nicht weiß, wozu die Hälfte der Scheiße gut war, die ich in dieser Armee mitmachen musste."
"Auch das stimmt. Hör zu, Robi, alter Freund, was soll ich dir sagen? Reiß dich zusammen und halte dich von den Kämpfen an der Front fern. Lass nicht zu, dass sie dir irgendeinen verdammten Rang anhängen, denn dann bist du fertig. Der Front entgehst du dann nicht. Du bist für alle möglichen Drecksarbeiten ausgebildet und so weißt du, was dich erwartet. Ach, noch etwas. Hör zu, ich werde deine Personalakte im Kommando verschwinden lassen, aber rette du dich wann immer du kannst vor allen Bekannten, die etwas über dich wissen. Schließlich bist du schon längere Zeit Zivilist, so dass sie dich wahrscheinlich in Ruhe lassen werden. Nur nicht weich werden, mein Alter. Ich könnte stundenlang mit dir schwatzen, aber ich muss jetzt gehen. Ich weiß nicht, irgendwie fühle ich mich nach diesem Gespräch etwas leichter. Zumindest hat sich nichts geändert. Du bist immer derselbe. Weißt du was? Ach, verdammt. Es war schön, solange es gedauert hat. Ich gehe in den nächsten Tagen fort und wenn wir voneinander nichts mehr hören sollten, setzen wir das Gespräch in einem anderen Leben fort."
"Keine Sorge, alter Freund. Wir sind auf dem Balkan geboren, da ist uns ein zweites Leben garantiert, da das erste nicht zählt. Das ist nämlich schon im Voraus abgeschrieben. Gib Acht auf dich!"
"He! Wenn du schon den Balkan erwähnst: Ich höre, dass die Deinigen, die jetzt an der Macht sind, behaupten, dass Kroatien nicht auf dem Balkan sei. Wo ist es denn dann, Himmel Herrgott?"
"Oh lieber Sima, du hast ein doppeltes Problem. Einerseits bist du Geheimagent, der diese Dinge aus dem Wesen deiner Tätigkeit heraus nicht begreifen darf, und andererseits bist du Serbe, der sie wegen der Natur der Dinge nicht begreifen kann. Gemeint ist der feine Unterschied zwischen den politischen und geographischen Begriffen, die du vielleicht erst in jenem zweiten Leben begreifen wirst. Und frage mich jetzt nicht, ob ich es begriffen habe."
"Ha, ha! Ich werde dich nicht fragen, bin aber nicht sicher, dass ich es in irgendeinem Leben begreifen werde. Sag Robi, glaubst du an Gott? Ich meine, das mit dem zweiten Leben und so."
"Mensch, entspann dich und lauf zurück in die Kaserne. Was bist du nur für eine Schande für die gesamte kommunistische Bewegung. Wenn dich der verstorbene Jozo hören könnte, würde er sich in seinem Grab in Dedinje umdrehen. Wo sind nur deine Ideale und alles andere geblieben?"
"Zum Teufel mit den Idealen, schau nur, in was sie uns hineingeritten haben. Wer hat denn auf dem Balkan noch irgendwelche Ideale? Hier dauert alles nur von heute auf morgen, aber für die Ewigkeit? Nein, mein Lieber! Manchmal dauert dieses ›von heute auf morgen‹ auch bis zu vierzig Jahren, aber schließlich geht immer alles zum Teufel. Aber noch mal, glaubst du eigentlich an Gott oder nicht? Ich frage dich allen Ernstes."
"Mein lieber Freund, obwohl du ein Geheimer und ein Serbe bist, hast auch du offensichtlich schon begriffen, dass es im Krieg keine Ungläubigen gibt."
"Ja, das habe ich mir auch gedacht. Aber jetzt muss ich wirklich weg. Leb wohl, alter Freund."
"Leb wohl!"
Die Verbindung brach ab. Ich legte den Hörer auf und schaute leeren Blickes auf das Telefon. Noch einer, der aus meinem Leben ging. Würdevoll, zumindest mir gegenüber. Und gegenüber den anderen? Aber wer war ich schon, um über andere zu urteilen. Und was sagte er, dass ich mich nicht habe? Oh Gott! Er war sich wohl nicht bewusst, wie sehr wir uns alle veränderten, wie sehr sich alles um uns veränderte. Wie konnte man schon derselbe bleiben, wenn sich die Welt um einen ständig wandelte? Man konnte gegenüber der Umwelt so tun, indem man sich "selbst" spielte, wie man es im Übrigen auch vorher tat, wobei man nur die Grimassen und den Wortschatz an die neuen Verhältnissen anpassen musste. Ein wenig übermalte man die Fassade, damit sie im Einklang mit den Winden stand, die jetzt wehten, und das war's. Ich und derselbe! Welcher denn? Wie war ich denn vorher und wie jetzt? Unglaublich, wie wenig wir uns kannten und wie wir Jahr um Jahr mit jemandem verbrachten, ohne eigentlich etwas über ihn zu wissen.
Einen Augenblick lang schien es mir wieder, dass sich die Menschen überhaupt nicht änderten und dass wir alles, was wir bei ihnen vorfanden, was uns überraschte und was wir nicht erwarteten, so sehen mussten, als ob es schon immer in ihnen vorhanden war und wir es nur aus irgendeinem Grund nicht wahrnehmen konnten. Sie zeigten es nicht, wir konnten es nicht erkennen, es interessierte uns nicht, ganz egal. Wie immer man es drehte, zuletzt ergab sich, dass wir über niemanden etwas wussten. Angefangen bei uns selbst.
Stellt man das in den Kontext der Ereignisse, in denen wir leben, kann man wirklich nur schwer sagen, ob wir Menschen uns überhaupt verändern oder ob wir uns immer nur an die Verhältnisse anpassen, in denen wir uns befinden. Und das geschieht zumeist unabhängig vom eigenen Willen, denn jeder muss sich auf seine Weise zurecht finden, wenn es keine vorgegebenen Verhaltensregeln gibt. Das einzige Ziel besteht darin, bis morgen zu überleben. Und morgen wachen wir dort auf (falls wir überhaupt aufwachen), wo wir auch vorher schon waren, mit all diesen gewaltigen, objektiven gesellschaftlichen Verhältnissen, die direkt über unser Schicksal entscheiden, worauf wir natürlich auf keine Weise Einfluss nehmen können. Entweder wir passen uns an oder nicht.
Es schien mir so, als müsse die anpassungsfähigste lebende Art auf dem Balkan der Mensch sein, der hier geboren und aufgewachsen war. Andere Angehörige der menschlichen Spezies passten sich dem Balkan niemals an. Sie begriffen auch seine Menschen nicht, egal, woher sie kamen. Zudem verstanden sie nicht die Kraft unserer vielen historischen Wahrheiten, der noch zahlreicheren lebendigen Mythen und aktuellen Irrtümer, die niemand mehr zählte und die sich so ineinander verflochten, dass es schwer fiel, eine Grenze zwischen ihnen zu ziehen. Genauer gesagt, war es unmöglich. Wir wurden mit diesen Unwägbarkeiten geboren und lebten damit (ob wir es wollten oder nicht), so dass uns ein Tag erschien, als sei seit der Entstehung der Welt alles klar, während sich schon am nächsten Tag etwas ereignete, was wir uns auch in unseren kühnsten Gedanken nicht hätten vorstellen können. Und damit fing der ganze Zyklus der Überlegungen wieder von vorne an.
Und wie sollte man es auch verstehen, wenn man einen Teil des Lebens mit einer Wahrheit lebte, den zweiten Teil mit einem neuen Mythus, den dritten mit einem noch neueren Irrtum fertig werden musste und so das Leben vorüberging? Mit einer Hymne wurdest du geboren, mit einer anderen lebtest du und nur Gott wusste, mit welcher du sterben würdest. Und jetzt finde mir einen dieser fabelhaft ambitionierten internationalen Genies, die dieser Tage auf dem Balkan herumschwirren und uns lehren, dass es undemokratisch ist, seinem Nachbarn die Kehle durchzuschneiden (als ob wir Schuld daran wären, dass die anderen außer Reichweite waren und nicht mit uns kämpfen wollten). Finde einen, der das verstehen kann. Es gibt keinen. Du wirst auf dem ganzen Balkan keine zwei hier geborenen Personen finden, die in diesen Dingen zumindest annähernd denselben Standpunkt vertreten. Ohne Rücksicht darauf, welcher Volksgruppe sie angehören. Und wenn sich die Standpunkte derart unterscheiden, ist der Krieg nur eine logische Art und Weise, um Politik zu führen, nicht wahr?
Verflucht, das alles ging zu weit. Wie die Dinge standen, konnte ich mich in der Nacht zur Abwechslung wirklich betrinken, mir meine alten Schallplatten anhören und mich an die Zeiten erinnern, in denen ich mir über all dies nicht den Kopf zerbrochen habe. Als ich über Dinge nachdachte, über die auch die übrige Welt nachdachte. Über Frauen, Liebschaften, Vergnügungen und Freundschaften, von denen es schien, dass sie so ewig dauern würden wie die Zeit der Jugend, in der sie entstanden.
Mitternacht war schon vorüber, als ich feststellte, dass ich beinahe die halbe Flasche "Napoleon" ausgetrunken und bereits einen ziemlichen Dusel hatte. Als ich begann, Platten mit einheimischer Musik aufzulegen, wusste ich, dass eine Krise im Anzug war. Ich begann mit Oliver Dragojevia , fuhr mit verschiedenen anderen dalmatinischen Troubadours fort und beendete meinen Musikgenuss nach einigen Stunden mit Volksliedern. Natürlich hörte ich die Musik mit einem Kopfhörer, denn in diesen Tagen wusste man nie, ob nicht irgendein aufgeklärtes Genie von falscher Herkunft an deiner Wohnung vorüberging, diese Musik hörte und zu schießen begann. Zum Teufel mit einer Musik, die in unmittelbarer Nähe von explosiven Effekten begleitet wird!
Gerade als ich den Kopfhörer abnahm, um eine neue Platte aufzulegen, läutete es an der Eingangstür. Wer weiß, wie lange es schon läutet, dachte ich, denn wenn ich den Kopfhörer auf den Ohren habe, könnten sie die halbe Stadt Pula bombardieren und ich würde mit Rücksicht auf die Lautstärke der Musik nichts hören. Bei dieser Gelegenheit muss ich erwähnen, dass meine Eingangsglocke einen ausgesprochen irritierenden Ton hatte, der sich als Folge einer Mutation von einem normalen Klang in ein Rasseln ergeben hatte, das wiederum die Folge meiner seinerzeitigen, nicht gerade übertrieben bewussten Aktivitäten war. Zumindest soweit ich mich erinnern konnte. Vor mehreren Jahren zerlegte ich nämlich die Glocke in einem Anflug von Leidenschaft mit einem unkontrollierten Schlag in ihre Einzelteile. Am nächsten Morgen, als die Leidenschaft und der Katzenjammer verflogen waren, begann ich, die in der Wohnung verstreuten Teile wieder zusammenzuflicken. Seither versuchte die nur unzulänglich zusammengesetzte Glocke zu läuten (soweit man dieses Geräusch überhaupt noch mit diesem Verb bezeichnen konnte), wobei sie jedes Mal zu verstehen gab, dass sie im Sterben lag und dies einer ihrer letzten Versuche war, mir zu sagen, dass sie keine Schuld an dem unglücklichen Schlag trug und noch weniger an dem, was ihm vorhergegangen war. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund war diese Glocke weiterhin in Betrieb, obwohl ich längst eine neue gekauft habe, die nur darauf wartete, montiert zu werden. Ich konnte es nicht. Die ganze Zeit über wartete ich darauf, dass die alte Glocke selbst in Gottes Frieden dahinscheiden sollte, vermutlich nur, um mein Gewissen zu beruhigen. Sie wollte aber nicht. Ich wusste, dass sie nicht wollte.
Ich eilte rasch ins Zimmer um die Pistole zu holen, repetierte sie und ging zur Eingangstür. Etwas auf der Seite stehend fragte ich, wer da sei.
"Ich bin's, Aca, mach auf, zum Teufel! Ich läute schon eine halbe Stunde. Bist du taub?"
"Aco, du bist es?"
"Nein, mein toter Großvater. Mach endlich die Tür auf."
Tausend Gedanken schossen mir in diesem Augenblick durch den Kopf, in dem es von dem Drink und der zu lauten Musik ohnehin schon heftig läutete (sobald ich den Kopfhörer aufsetzte, drehte ich nämlich immer auf "maximum"). Was machte jetzt Aca an meiner Tür, mitten in der Nacht? Schickten "sie" ihn und war noch jemand bei ihm, um mir den Rest zu geben? Soll ich ihn fragen, ob er allein ist? Verdammt, wie kann ich Aca fragen, ob er alleine ist? Wenn ich ihm nicht glauben kann, wem dann? Aber warum kommt er gerade jetzt, wo ich seit Monaten nichts von ihm gehört habe? Hol's der Teufel, wenn ich schon umkomme, dann poetisch, durch meinen Paten, mit dem ich das halbe Leben gemeinsam verbracht habe, dachte ich. Ich hatte wirklich den Verstand verloren. Zuerst sperrte ich eines der beiden Türschlösser auf, jenes alte, und begann dann, das zweite Sicherheitsschloss aufzusperren, das ich vor einigen Monaten auf Zureden von Freunden eingebaut hatte. Das war wiederum so kompliziert, dass mir immer erst beim dritten oder vierten Versuch gelang, so dass ich bereits einige Male, meist in den frühen Morgenstunden, in denen ich aus für diese Zeit verständlichen Gründen recht zerfahren war, auch schon mal Lust bekam, zur Pistole zu greifen, um es zu demontieren. Noch hatte ich es nicht getan. Aber es war Gott sei Dank noch Zeit, mich seiner zu entledigen. Schließlich schaffte ich es, auch dieses Schloss aufzusperren und die Tür zu öffnen.
Vor der Tür standen Aca und Boris, beide vom Regen durchnässt, die mich ansahen wie … Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, damit es nicht ekelhaft pathetisch klingt. Auch fiel es schwer, Aca und einen größeren Bären aus der Lika in der Dunkelheit auf zehn Meter Entfernung zu unterscheiden. Wahrscheinlich wegen seiner aus der Lika stammenden Eltern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Wojwodina übergesiedelt waren. Aca flog geradezu durch die Tür in meine Arme, drückte mich an sich (hier gilt der Vergleich mit einem Bären) und schüttelte mit den Händen meinen Rücken. Boris stand beiseite und wartete. Er ist kleiner, ihn werde ich leichter überleben, dachte ich, wenn ich nur dieses Mammut irgendwie loswerde. Dasselbe Zeremoniell wiederholte sich sodann mit Boris.
"Wo bist du denn um Himmels willen?", dröhnte Aca mit seiner Baritonstimme.
"Hier, Mensch, wo ich immer bin. Aber wo bist du? Seit Monaten versuche ich dich zu erreichen. Lebst du überhaupt noch?"
"Natürlich lebe ich, was denn sonst. Du kannst dich deines Paten nicht so einfach entledigen."
"Was ist denn das?", fragte er, indem er verwundert auf die Hebel des zweiten Sicherheitsschlosses blickte, die sich entlang der gesamten Tür hinzogen. "Verdammt, du hast aus deiner Wohnung eine Festung gemacht. Ha, ha, ha! Das ist eine gute Sache. Jeder der kommt, um dich zu erledigen, wird aufgeben, während du noch aufsperrst. Welcher Dummkopf hat dir das eingeredet?"
"Ich sehe, dass all dieses Gesöff dein Wahrnehmungsvermögen nicht beeinträchtigt hat", entgegnete ich lachend auf seine Bemerkungen bezüglich des Schlosses.
"Wenn wir schon bei den Drinks sind, was hast du mir anzubieten?", fragte er. "Ich bin so trocken wie Pulver und du weißt, dass ich in einem solchen Zustand nicht besonders gut dastehe."
"Einen ›Napoleon‹, dort auf dem Tisch."
"Oha, sind wir jetzt schon Franzosen? Das klingt gut."
Aca ging in die Küche, nahm zwei Gläser für sich und Boris und kehrte zum Tisch zurück. Heimlich versteckte ich die Pistole in der Lade der Kommode, die sich neben der Tür befand, damit sie sie nicht sehen konnten und ging dann zum Tisch. Boris stand noch immer beiseite und schwieg. Er war unnatürlich blass und es sah so aus, als würde er jeden Augenblick zu weinen beginnen.
"Was hast du denn, was stehst du da wie gelähmt?", fragte ich ihn.
"Nichts", antwortete er.
"Sie haben uns beinahe erledigt, wie wir über die Kasernenmauer getürmt sind", meldete sich Aca zu Wort. "Diese verrückten Spezialpolizisten. Der Kleine hat sich vor Angst beinahe in die Hosen gemacht."
"Ich soll in die Hosen gemacht haben?", zischte Boris und setzte sich schließlich auch an den Tisch, wo Aca sein Gläschen bereits geleert hatte. "Du hast auf der Mauer wie ein verwundetes Raubtier geheult und nicht ich. Man hat dich sicher bis zur Arena gehört, so hast du gebrüllt, wie sollten es dann nicht diese Narren am Kasernentor hören, nur hundert Meter weiter."
"Natürlich, du Idiot, weil ich mit den Eiern am Stacheldraht auf der Mauer hängen geblieben bin, während du mich von der anderen Seite der Mauer wie verrückt an meinen Füßen hinunter gezerrt hast", erwidert Aca. "Stell dir diese serbische Tragödie vor. Ich hänge am Stacheldraht, das linke Ei halb durchlöchert, während die serbischen Brüder auf mich schießen, alles nur, weil ich meinen kroatischen Freund sehen will und dieser jugoslawische Idiot hier fasst mich an den Füßen und zieht und zieht. Und schreit, dass ich hinunterspringen soll, als ob es mein innigster Wunsch wäre, bis zum Ende meines Lebens auf der Mauer hängen zu bleiben. Und wie kann ich hinunterspringen, bevor ich mich nicht vom Stacheldraht losmache? Und wie soll ich mich losmachen, wenn mich dieser Dummkopf hinunter zieht und nicht loslässt? Und je stärker er an mir zieht, desto lauter brülle ich aus tiefster Seele, natürlich vor Schmerz, verfluche seine Mutter und die übrige Verwandtschaft dieses Kretins, was in einer solchen Situation wohl menschlich und verständlich ist. Ich schreie, dass er meinen Fuß loslassen soll, aber alles umsonst. Er zieht weiterhin wie ein Zugpferd."
"Um Gottes Willen, und wie ist diese serbische Tragödie ausgegangen?", frage ich.
"Sehr schön", antwortet Aca. "Die Hosen zerrissen, das halbe Bein aufgeschlitzt, Blut bis zur großen Zehe und das Ei habe ich mir noch nicht angeschaut. Hoffentlich ist davon noch etwas übrig geblieben. Von der Kaserne bis hierher bin ich nur mit gespreizten Beinen gegangen."
"Wegen der dreißig Kilos, die du zu viel hast, habe ich beinahe ins Gras gebissen", bemerkte Boris fast bösartig. Er hatte das erste Gläschen schon ausgetrunken und schenkte sich gerade ein zweites ein. "Und was deinen Gang anbelangt, war dank deiner angeborenen Eleganz kein besonderer Unterschied zu bemerken."
"Halte du nur das Maul. Von dir habe ich in all diesen Monaten sowieso genug", murmelte Aca zwischen den Zähnen.
"Also gut, lass sehen, was du alles am Stacheldraht zurückgelassen hast und was du noch mitgebracht hast", sagte ich zu Aca.
Aca stand auf und zeigte seine Beine. Das linke Hosenbein war tatsächlich zerrissen und überall auf der Hose waren Blutspuren zu sehen. Im ersten Augenblick dachte ich, dass es sich eigentlich nur um einen Scherz handelte und er alles zumindest nur ein wenig für diesen Anlass aufgebauscht hatte, um mich aufzuheitern, wie er das ansonsten auch immer tat, da er alles im Leben mit einer Dosis gesunden Humors aufnahm und die Wirklichkeit immer so glättete, dass sie für ihn und andere irgendwie akzeptabel wurde. Seine Lebensdevise lautete, dass niemals etwas so schlecht war, dass es nicht auch noch ärger sein konnte, und man in jedem Falle "das Leben so nehmen musste wie es war". Deshalb wurde er auch von allen akzeptiert, auch von mir in den ersten Tagen des Jahres 1974, als wir uns zum ersten Mal in der Militärschule in Split begegneten. Nach den blutigen Spuren zu urteilen, hatte es ihn diesmal jedoch wirklich erwischt.
"Komm, geben wir etwas Alkohol darauf, damit sich die Wunden nicht infizieren."
"Ach lass das, wir sind nur gekommen um uns zu verabschieden, bevor wir abhauen."
"Red keinen Blödsinn. Komm her. Ich habe irgendeinen hausgemachten Schnaps, den du dir auf die Stelle schütten kannst, wo du dich verletzt hast."
Ich zog Aca aus dem Wohnzimmer (welches zugleich auch das Vorzimmer war) in die Küche, wo ich eine Flasche mit diesem Schnaps hatte, den ich einmal weiß Gott von wem bekommen hatte. Aca zog die Hosen aus, öffnete die Flasche, leerte den Schnaps in die Hand und schüttete ihn auf die Wunde. Die Wirkung trat augenblicklich ein und war verheerend. Er begann buchstäblich in der Küche herumzuspringen, wobei ihm vor Schmerz die Tränen herunter liefen.
"Hol dich der Teufel!", brüllte er. "Woher hast du das? Damit könnte man nicht einmal die Fenster ohne Schutzhandschuhe waschen. Und du willst einen verstümmelten Deserteur damit kurieren? Du bist wirklich nicht normal. Ich wusste ja, dass ich heute draufgehen würde, aber jetzt und durch den verdammten Schnaps? Auuu! Zum Teufel, wie das brennt. Auuu!"
"Was ist los, du großer Held?", rief Boris aus dem Wohnzimmer. "Drei Tage redest du mir schon zu, hierher zu kommen und dass wir es schon irgendwie schaffen werden und jetzt heulst du hier von ein bisschen Schnaps."
"Hör zu, Kleiner", konterte Aca. "Wenn du deine freche Zunge nicht im Zaum hältst, werde ich sie dir mit diesem Schnaps so massieren, dass du sie später als Flammenwerfer verwenden kannst, was uns vielleicht bei der Rückkehr ganz nützlich sein kann."
"Was, ihr wollt zurück?", fragte ich, obwohl mir sogleich klar war, dass sie in dieser Nacht nur wegen mir aus der Kaserne getürmt waren, um mich noch einmal zu sehen. "Warum seid ihr nicht ganz abgehauen, für immer?"
"Was heißt für immer?", antwortete Aca, der die Hand noch immer auf die Stelle zwischen den Beinen hielt, wohin er den meisten Schnaps geschüttet hatte. "Wir sind nur weggelaufen, um uns von dir zu verabschieden, koste es was es wolle. Morgen laufen wir in die Bucht von Kotor aus. Es ist soweit, wir gehen endgültig. Was sein muss, muss sein."
"Aber wie wollt ihr denn in die Kaserne zurück?", fragte ich. "Jetzt, wo eure Genossen sehen, dass ihr nicht da seid, werden sie Alarm schlagen. Und was werdet ihr dann machen?"
"Den Teufel werden sie sehen", antwortete Aca und versuchte zu lachen. Offenbar begann die erste Wirkung des Schnapses nachzulassen. "Diese Idioten schießen in der Nacht auf jedes Geräusch. Sogar die Mäuse trauen sich nachts nicht mehr, im Kreis der Kaserne herumzuspazieren. Wo immer sich etwas bewegt, drücken die Brüder gleich ab und berichten morgens, dass uns die Ustaschi von allen Seiten angegriffen haben. Hol' sie der Teufel, Militär bleibt Militär. Glaubst du wirklich, dass die eine Ahnung haben, dass wir weg sind? Ganz bestimmt nicht."
"Es hat aber jemand auf euch geschossen?" fragte ich neugierig.
"Woher soll ich das wissen?", antwortete Aca in einem Tonfall, der mehr seiner üblichen nonchalanten Redensart (oder wojwodinisch, wie er zu sagen pflegte) ähnelte, mit Rücksicht darauf, dass er sich inzwischen vom ersten Schock der Schnapskur erholt hatte. "Alle schießen sie, vor allem nachts, und wer weiß schon, wer den Finger am Drücker hat?"
"Diese Idioten machen ja nur Scheiße", bemerkte Boris. "Sie schießen jede Nacht, nur um uns zu erschrecken. Als ob es rund um uns herum nur Ustaschi gibt, die darauf warten, dass wir den Kopf herausstrecken, um uns dann abzuschlachten. So ist das und nicht anders."
"Trotzdem hast du dich von der Kaserne bis hierher angeschissen", lachte Aca. "Oh Mensch, seine Augen waren wie Wassermelonen. Er hat nur um sich geschaut und gequiekt."
"Es ist einem eben nicht alles egal", antwortete Boris etwas beleidigt. "Was weiß ich, welche Dummköpfe jetzt herumlaufen und was ihnen alles durch den Kopf geht. Wir mussten in Uniform flüchten und haben dann hinter einem Gebüsch bei der Mauer Zivilsachen angezogen. Nachher war es dann leichter."
"Und wie war das, als wir dann diesen drei Typen begegnet sind ?", fragte Aca. "Guten Abend, Burschen, wie geht's so? Wobei du ihnen noch einen istrischen Dialekt vorgespielt hast. Zum Teufel, du kannst nicht einmal Serbisch, geschweige den Istrisch."
"Was bist du doch für ein Trottel!", antwortet Boris grob. "Was hätte ich ihnen denn sagen sollen? Dass ich Offizier in der Volksarmee bin, der mit einem ebensolchen Idioten gerade aus der Kaserne getürmt ist, um frische Luft zu schnappen, nicht wahr! Ihr aus der Wojwodina seid doch wirklich völlig irre, wahrscheinlich wegen der großen Ebenen und der Monotonie. Ihr fallt gleich nach der Geburt in ein Nirwana und den Rest des Lebens verbringt ihr in Glückseligkeit. Aber was soll's. Robi, hast du hier eine Schallplatte mit dem Ru_ica-Lied, die ich mir anhören kann?"
"Geh doch zum Teufel, du und deine Ru_ica . Letztens hat sich dieser Idiot betrunken und am Abend eine Kassette mit diesem Lied abgespielt. Kannst du dir vorstellen, was los war, als mitten in der Kaserne ›O Ruz, letzte kroatische Ruz‹ ertönte? Diese Idioten sind gleich alle herausgestürzt, während Boris, betrunken wie ein Fass, den Kassettenspieler festgehalten und wie ein Wasserfall geweint hat. Nur mit Mühe habe ich ihn da herausgeholt. Ich musste den Genossen seinen Geburtsschein zeigen, damit sie sehen, dass seine Mutter Ru_a heißt und er wegen ihr weint, weil er gehört hat, dass sie schwer erkrankt ist. Sonst wäre er zusammen mit seiner Ru_a in der Scheiße gelandet. Stell dir vor, was passiert wäre, wenn die Alte nicht wirklich Ru_a geheißen hätte! Nicht einmal der liebe Gott hätte ihn noch retten können. So betrunken wie er war hat er noch dazu angefangen, etwas über dich zu plappern, über Freundschaft und Brüderlichkeit. Was soll ich dir sagen? Eine Scheißgeschichte, die bis zum Himmel stinkt."
"Und du hast nicht geweint, nicht wahr?", erwiderte Boris.
"Ja, schon, aber erst wie alle weg waren", antwortete Aca. "Du Idiot, die haben doch von nichts eine Ahnung und haben dich mit diesen Geschichten über die Ustaschi vollgestopft. Die schauen nur, wen sie umbringen können. Am liebsten sind ihnen die eigenen Verräter."
"Und du? Du hast dich nachher doch selber umbringen wollen", fuhr Boris fort.
"Wegen dir, du Idiot! Wenn ich mich wegen mir hätte umbringen wollen, hätte ich das längst getan und nicht auf diese beschissenen Zeiten gewartet", antwortete ihm Aca grob. "Hol's der Teufel, in aller Frühe, so im Zustand zwischen Himmel und Erde, ich hab nicht einmal gewusst wie ich heiße, so voll war ich", setzte Aca zerknirscht fort, als würde er etwas erzählen, wofür er sich schämt. "Und dieser mein Jugo-Trottel wirbelt ständig die Pistole in der Hand und langweilt mich damit, dass es am ehrlichsten wäre, wenn wir uns erschießen und damit alles erledigen. Nonstop lag er mir in den Ohren, dass wir ohne unser Land, ohne Freunde und ohne Leben geblieben sind und nicht einmal in die Stadt gehen können, um dich zu sehen oder um sich mit dieser blöden Gans zu treffen, in die er sich vor dieser Scheiße verknallt hat. Oh Mann, alle glotzen in dieses Scheiße von Fernsehen, überall wird geschossen und er schmachtet nach einer Biene dort oben in Stoja , gegen die seine andere Liebe aus Umag eine richtige Prämie ist. Du weißt schon, diejenige, wegen der wir nachts nicht spazieren gehen durften, um ihr nicht zu begegnen, aus Angst, dass uns das Herz stehen bleibt. Hauptsächlich deswegen wurde mir schwarz vor den Augen und als dieser Kretin zum hundertsten Mal seine Flamme aus Stoja erwähnte, nahm ich seine Pistole und sagte mir, dass es genug ist. Zum Teufel mit so einem Leben. Ich konnte es einfach nicht mehr hören."
"Und was war dann?", fragte ich, da Aca eine Pause einlegte.
"Nichts", antwortete Boris. "Ich habe ihm die Pistole weggenommen und dann haben wir zu zweit die ganze Nacht weitergesoffen und geweint. Am nächsten Tag haben wir dann nur geschlafen und uns am Abend wieder betrunken. Am nächsten Tag wieder dasselbe … Soll ich weitererzählen?"
"Nein, danke, ich habe begriffen", antwortete ich. "Seit wann seid ihr wieder nüchtern?"
"Seit vorgestern", entgegnete Aca ruhig. "Wir mussten ja die Flucht aus der Kaserne planen und uns ein bisschen zurechtmachen. Wir haben auch Acht gegeben, wie sich diese neuen Heldentypen aus Serbien benehmen und wohin sie gehen. Dabei sind wir drauf gekommen, dass sie sich vor Angst zehn Mal mehr anscheißen als wir. Und dann sucht dieser Jugo-Stratege Boris die angeblich leichteste Stelle zum Ausbrechen auf der Mauer aus und jetzt siehst du ja wie es uns ergangen ist."
Boris hatte inzwischen die gesuchte Platte gefunden und spielte das Lied der Ru_a ab.
"He, du Stratege! Fang nur nicht wieder zu weinen an", sagte Aca zu Boris.
"Leck mich doch am Arsch!", entgegnete Boris.
"So was nennt man häusliche Erziehung auf serbische Art, aus der Abteilung Belgrad", kommentierte Aca ruhig. "Lass ihn jetzt! Wir sind ja gekommen, um uns zu verabschieden. Ich habe mit diesem Idioten ausgemacht, dass es keinen politischen Scheißkram und keine Überredungskünste geben soll, das alles haben wir schon vor einem Monat durchgespielt, als wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Das ist dieses verdammte Leben auf dem Balkan, es kommt schließlich die Zeit, wo jeder seinen eigenen Weg gehen muss. Was soll's? Wir wollen uns nur wie Menschen verabschieden, als Freunde und als Paten, die das halbe Leben miteinander verbracht haben. Hol der Teufel alle Armeen, Staaten, Nationen, hier sind nur wir und unsere letzten gemeinsamen fünfzehn Jahre. Es schert mich einen Dreck, ob du ein Kroate, Eskimo oder Franzose bist, du bist mein Freund und Pate, mit dem ich die schönsten Jahre meines Lebens verbracht habe und ich möchte mich von dir als Mensch verabschieden und dir vor meinem Weggang ins Gesicht sagen: ›Mann, ich mag dich, du bist mir der liebste Freund auf der Welt und ich werde dich nie vergessen‹. Und wenn es einen Gott gibt, muss diese Scheiße aufhören, damit wir uns als Freunde und Paten wiedersehen können und nicht als Angehörige dieser oder jener Nation. Also lass uns darauf anstoßen, wie Menschen. Einverstanden?"
"Einverstanden!", kam es über meine Lippen, während sich mir die Kehle zuschnürte. Ich trank den Cognac bis auf den letzten Tropfen aus, um nicht in Tränen auszubrechen. "Also einverstanden, obwohl …"
"Obwohl du sagen willst, dass es ein Fehler ist und ich hier bleiben sollte und so weiter. Nicht wieder von Anfang an, ich bitte dich! Du weißt, dass meine Ehe schon in Brüche gegangen ist, bevor ich sie eingegangen bin, und dass diese Hure voriges Jahr mit meinem Kind aus Kroatien weggegangen ist, dass meine alten und kranken Eltern allein in der Wojwodina sind und dass mich hier zumindest einige Lichtjahre niemand mehr sehen will. Wenn es doch einer tun sollte, darf er das nicht zeigen, da er dann selbst Unannehmlichkeiten erleben dürfte, was dann dieselbe Scheiße ist. Wer würde mir denn hier eine Anstellung bieten, wenn ich ihm sage, wie ich heiße? Wovon soll ich leben? Hier würde ich eher die Staatsbürgerschaft erhalten, wenn ich mit einem UFO gekommen wäre, als aus Serbien. Verdammt, aber das ist die Wirklichkeit. Dieser arme Teufel", er sah dabei Boris an. "Was soll denn er tun? Er ist erst zwei, drei Jahre hier, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne etwas. Hier gibt es keine Wahl, die Frage lautet nur, wie viel Flaschen man braucht, um damit fertig zu werden."
"Wenn dein Maß die Flaschen sind, wirst du damit bis zu deinem Tod nicht fertig werden", meldete sich Boris zu Wort, der dieselbe Geschichte nun schon zum drittenmal von sich gab.
"Dieser Kleine ist völlig durchgedreht, seit du nicht mehr beim Militär bist", murmelte Aca. "In den letzten drei Monaten ist er um dreißig Jahre älter geworden. Sogar mein verstorbener Großvater Marko hatte mehr Lust zum Leben als er."
"Dein Großvater hatte auch keinen serbischen Vornamen", bemerkte Boris.
"Siehst du", sah mich Aca an. "Der Kleine ist zu einer Giftbombe auf zwei Beinen geworden. Diese Tschetniks , die gekommen sind, um uns zu behüten, werden ihn umbringen. Alle nennen ihn schon Jugowitsch."
"Ich scheiß' auf sie", antwortete Boris. "Die Tschetniks haben schon meinen Großvater im Zweiten Weltkrieg abgeschlachtet, also warum sollten sie mich jetzt mögen?"
"He, he", unterbrach ich ihn. "Freunde, ich habe da noch ein oder zwei Flaschen Cognac, die irgendeine Weibsperson vor ein paar Monaten mitgebracht hat. Ein billiger Einkauf."
"Siehst du, du Idiot", sagte Aca zu Boris. "Solche Weiber musst du finden und nicht solche wie dieses Monstrum aus Stoja."
"Jetzt ist es wirklich genug!", unterbrach ich sie wieder, da ich sah, wie Boris beabsichtigte, ihm im gleichen Stil zu antworten. "Du, Boris, du hast schon immer den Diskjockey bei mir gespielt, also kannst du ihn auch jetzt machen. Fickt doch alle Tschetniks, Weiber, Monstren und sonstigen Erdenbürger. Lasst uns jetzt Musik hören, trinken und von den alten Tagen erzählen. Übrigens, Aca, wenn wir schon bei den alten Tagen sind, erinnerst du dich noch an Toni? Gerade bevor ihr gekommen seid, habe ich an ihn gedacht, in letzter Zeit erinnere ich mich oft an ihn."
"Ich auch", antwortete Aca mit leiser Stimme. "Oft denke ich, dass er als Einziger rechtzeitig abgehauen ist, als es noch einen Sinn hatte. Im Leben ist es am wichtigsten, rechtzeitig abzuhauen. Jetzt kann man nicht mehr weggehen, sondern nur noch türmen. Nicht einmal umbringen können wir uns mehr, ohne dass es jemand von denen bemerkt. Scheiße! Wir zwei haben mehr um Toni geweint, als alle zusammen um uns weinen werden, falls wir in diesem verfluchten Krieg ins Gras beißen. Statistik, wie es unsere verrückten Generäle ausdrücken. Wenn einer umkommt, ist es eine Nachricht, wenn aber einhunderttausend umkommen, dann ist es Statistik. Toni war eine Nachricht, während wir Statistik sein werden. Eine verdammte balkanische Statistik."
"Dieser Idiot hat uns schon begraben", sagte Boris. "Robi wird überleben, weil er nicht so verrückt ist, noch einmal eine Uniform anzuziehen, nachdem er sie rechtzeitig losgeworden ist. Und ich ebenfalls. Sobald ich nach Montenegro komme, fahre ich weiter nach Serbien, um meine kranke Mutter in Belgrad besuchen. Und dann ab über die Grenze. Ich habe noch irgendeine Verbindung von früher her, eine Verwandtschaft in Deutschland. Denjenigen, die Krieg führen wollen, wünsche ich viel Glück. Ich für meinen Teil werde auf niemanden schießen. Es ist mir scheißegal, ich habe diesen Staat nicht geschaffen, also werde ich auch nicht mithelfen, ihn zu retten. Und du", wandte er sich an Aca, "du wirst garantiert draufgehen. Ohne Kugel wahrscheinlich. Scheiße, wie kann schon jemand mit so viel Kilos und einer solchen Geschicklichkeit irgendeinen Krieg überleben?"
"Ich bring ihn um, wahrhaftig", murmelte Aca und sah Boris scheel an.
"Lass ihn in Ruhe!", sagte ich. "Was ist mit den anderen, die auf den Schiffen geblieben sind?"
"Wer ist denn schon geblieben?", antwortete Aca. "Alle sind abgehauen. Morgen kommt ein Schleppschiff aus Kotor, um uns abzuschleppen, da wir nicht genügend Leute haben, um selbst zu fahren. Die Älteren sind alle geflüchtet, sie haben hier ihre Familie, das ganze Leben waren sie in Pula. In Serbien kennt sie niemand mehr und wohin sollen sie dann? Alle sind sie aus der Kaserne abgehauen. Deine Kroaten haben sich schon früher aus dem Staub gemacht. Von uns sind nur ein paar verpfuschte Fälle geblieben, die nicht wissen, wohin sie sollen und alle überlegen wir, wie wir die Uniform ablegen können, sobald wir nach Kotor kommen. Oh Mann, wer will denn schon kämpfen? Auf wen soll ich denn schießen, verdammt noch mal! Auf Menschen, mit denen ich das halbe Leben verbracht habe? Andererseits, sage ich zu diesem jungen Quatschkopf, wenn wir sehen, dass es kritisch wird, ist es besser, bei der Marine zu bleiben und Affen auf den Schiffen zu spielen bis der Krieg vorüber ist, als das Weite zu suchen und uns erwischen zu lassen, damit sie uns wieder mobilisieren und an die Front schicken, wo wir erst recht in die Scheiße kommen würden. Man muss schlau sein! Wenn wir nach Montenegro kommen, werden wir sehen, wie die Dinge stehen. Sajo hat sich selbst umgebracht, das weißt du ja."
"Safet?", fragte ich verwundert. "Wann? Wie? Ich habe keine Ahnung!"
"Du weißt es nicht? Zum Teufel, wie hättest du es auch wissen sollen. Nun, eines Nachts haben wir uns arg betrunken und er ist in seine Kabine gegangen, hat das Band mit dem Lied ›Klappere nicht mit den Pantoffeln‹ abgespielt, als irgend so ein Idiot von diesen Neuen gekommen ist und gesagt hat, er solle doch nach Bosnien gehen und dort dieses Lied spielen oder so etwas Ähnliches. Daraufhin hat Safet die Pistole gezogen, sie ihm an die Stirn gesetzt und ihn gezwungen, sich das Lied zweimal nacheinander anzuhören und mit ihm zu singen. Der Typ hat sich fast angeschissen. Und dann kamen wir dazu und sagten Sajo, er solle sich beruhigen. Er aber spielt das Band zum dritten Mal ab und an der Stelle, wo die alte Mutter erwähnt wird, richtet er die Pistole gegen sich und schießt sich in den Kopf. Schrecklich! Überall Blut und wir im Schock. Scheiße. Am nächsten Tag haben sie ihn zusammengepackt und weggeschafft. Ich weiß nicht einmal, wohin."
"Armer Sajo", brachte ich kaum über die Lippen. Ich kannte diesen Mann gut. Ein Mittvierziger, der ein bisschen mehr trank als er sollte, ein lustiger Kerl mit einigen Problemen in der Ehe. Déja vu. Er tat mir wirklich Leid. Ich mochte ihn irgendwie. Ich stand ihm nicht besonders nahe, immerhin gehörten wir verschiedenen Generationen an, jedoch kannten wir uns seit Jahren und arbeiteten zusammen. Was für ein armer Mensch!
"Was wirst du tun?", unterbrach mich Aca. Er hatte sich anscheinend mit dem Schicksal von Sajo schon abgefunden und maß dem keine große Bedeutung bei. "Haben dich die Deinigen schon aufgespürt?"
"Bisher nicht", antwortete ich. "Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll."
"Lassen wir das", wandte Aca rasch ein, offenbar wollte er dieses Thema nicht ausweiten. "Was sein muss, muss sein. Schenk mir was von diesem Gesöff ein, du Dummkopf!", rief er Boris zu. "Oh Mann, dieser Schwamm saugt in letzter Zeit den Alkohol mit Lichtgeschwindigkeit auf. Wenn er so weiter macht, wird er noch fliegen können, da sich seine Leber so erweitert hat, dass sie ihm als Flügel dienen kann. Wenn du nicht Acht gibst, hast du keine Chance, neben ihm nüchtern zu bleiben. So ein Arschloch! Weißt du was, Robi, den ganzen lieben Tag lang denke ich nach, was ich dir heute Abend alles sagen werde und jetzt habe ich nichts zu sagen. Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll."
"Versuche doch einfach, deinen Mund zu halten", sagte Boris.
"Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll", fuhr Aca fort, indem er die Bemerkung von Boris ignorierte. "Wahrscheinlich haben wir uns in all diesen Jahren alles gesagt. Nun, dann Prost …"
Es war gegen vier Uhr früh als wir schließlich auch die dritte und letzte Flasche ausgetrunken hatten (ich tröstete mich damit, dass es nur 0,7-Literflaschen waren, so dass es mir nicht so schrecklich vorkam; schließlich und endlich hatte ich selten die Gelegenheit, mich neben diesen beiden auszuzeichnen). Da es keinen Cognac mehr gab, wollte Boris nun zu dem Schnaps übergehen, mit dem sich Aca desinfiziert hatte, was dieser, durch Erfahrung klug geworden, indigniert ablehnte, wobei er behauptete, dass er kein Kriegsverbrecher sei, um so bestraft zu werden und sich außerdem nicht so gefährdet fühle, um dieses Gift zu trinken zu müssen.
Aca und ich tauschten noch stundenlang unsere Erlebnisse aus der Vergangenheit aus. Boris nahm an unserem Gespräch nicht teil (er war seinerzeit ohnehin nicht mit uns auf dem Schiff gewesen), setzte den Kopfhörer auf und hörte sich wahrscheinlich zum einhundertsten Mal dieselbe Rock- oder Pop-Band mit seiner "Ru_ica" an, wobei er das Gesicht dem Fenster zuwandte, so dass ich nicht sah, ob er dabei weinte oder nicht. Aca aber flüsterte mir einige Male zu, ich möge ihn in Ruhe weinen lassen, denn wer wusste, wann er das je wieder hören würde. Vielleicht nie wieder, weil er eines Morgens alle seine Kassetten ins Meer geworfen hatte, darunter auch jene mit diesem Lied. Und weiß Gott, was ihn in Zukunft erwartete, da er doch keine so feste Bindung zur Marine hatte wie Aca und er auf Grund seines Vertrages überallhin versetzt werden konnte.
Boris vergötterte seine Mutter wirklich, eine Dalmatinerin, die sich während eines schwülen Sommers seinem Vater an den Hals geworfen hat, der mit ihr anschließend nach Belgrad ging und sie dort mit zwei minderjährigen Kindern sitzen ließ. Mutter Ru_a hat ihn und seinen jüngeren Bruder dann aufgezogen, wobei sie Tag und Nacht in irgendeiner Firma in Belgrad arbeitete. Als dieses Lied veröffentlicht wurde, hat er sich buchstäblich vom ersten Tag an nicht mehr davon getrennt. Und zwar wirklich nur wegen seiner Mutter Ru_a, aber wie sollte man das heute so einem blöden Spezialpolizisten aus Niš erklären, der erst vor einigen Tagen nach Pula gekommen war. Und da er von Natur aus starrköpfig und jähzornig war, konnte ich mir leicht vorstellen, in welche Miseren er deswegen geraten konnte. Oder wie Aca es ausdrückte, dass diese Dummköpfe aus Niš nicht begriffen, warum er dieses Lied immer wieder hören müsse, selbst wenn es ihn den Kopf kostete. Da auch ich selbst ein Kind geschiedener Eltern war, hatte ich für Boris großes Verständnis, so dass uns bald eine starke Freundschaft verband, gefestigt durch gemeinsame Nächte, Zechtouren, Weibergeschichten und vor allem durch gegenseitige Sympathie.
Die meisten Belgrader (zumindest diejenigen, die ich kenne, und deren gibt es nicht wenige) haben eine Schwäche für die Dalmatiner. Aus unerklärlichen Gründen lieben sie die Dalmatiner, vermutlich wegen deren Temperament, der mediterranen Verrücktheit und Unberechenbarkeit, und wer weiß weswegen noch. Sobald sie dich nur riechen, bemächtigen sie sich deiner und lassen dich nicht mehr los. Allen voran Boris, der selbst ein halber Dalmatiner war. Oft erzählte er mir, dass seine einzigen schönen Erinnerungen aus der Kindheit mit den seltenen Besuchen bei der Familie seiner Mutter in Dalmatien verbunden waren. Natürlich redete er von dem Zustand vor diesem Krieg. Von einer Situation, wo wir um fünf Uhr früh in der Belgrader Skadarlija im Chor "Marjane, Marjane" gesungen haben (dank mir und einer Wette, da mir niemand von den dortigen Musikanten glauben wollte, dass ich als Dalmatiner fehlerfrei den serbischen Uzieko kolo spielen konnte und dazu noch auf einer Bassgitarre. Beim Militär lernte man allerhand). Und natürlich wurde schonungslos getrunken. Und was war uns geblieben aus dieser Zeit? Keine Ahnung. Wahrscheinlich existieren jetzt nur noch Serben und Kroaten, während die Belgrader, Dalmatiner und alle, die ein bisschen anders geraten waren, vielleicht erst ein paar Jahre nach dem Krieg wieder auferstehen. Vielleicht! So lange werden einige von ihnen etwas davon im Gedächtnis behalten und sehen, wie sie damit nach dem Krieg zurechtkommen. Was wiederum davon abhängt, was jeder von ihnen in diesem Krieg erlebt hat.
"Robi, es ist Zeit, wir müssen gehen", sagte Aca, von den Drinks ein wenig stammelnd.
"He, Robi", meldete sich Boris zu Wort. "Geh, nimm bevor wir gehen die Gitarre und singe diesem Idioten das Lied ›Bin an der Donau aufgewachsen‹. Tagelang liegt er mir in den Ohren, dass er es noch einmal von dir hören muss, koste es was es wolle."
"Wirklich?", sah ich Aca fragend an.
"Ach", seufzte Aca. "Ich würde es gerne noch einmal von dir hören, aber lass es lieber sein. Jemand könnte es hören und dann bist du dran. Oder aber du singst es mir leise in Ohr, nur für's Herz."
"Hol's der Teufel. Warum denn nicht? Niemand lebt zweimal, auch ich nicht", murmelte ich. Ich stand vom Tisch auf, stützte mich irgendwie auf meine krummen Heldenbeine, nahm die Gitarre, setzte mich neben Aca und dann begannen wir zusammen leise zu singen: Bin an der Donau aufgewachsen, habe Karpfen gefangen, Schiffe begleitet und herrliche ferne Träume geträumt. Ach Donau, du Donau, mein Herz ist bei dir geblieben. Ach Donau, mein Herz ist bei dir geblieben …
Wir beendeten das Lied. Unsere Augen waren getrübt von unseren Tränen und Gefühlen, vom Trinken und ein bisschen von allem zusammen.
"Und jetzt sing noch für diesen kleinen Idioten ›Verzeih mir, Papa‹. Für seinen Alten, den Serben, hört er sich dalmatinische Lieder an und für die alte Dalmatinerin, seine Mutter, serbische. Total verrückt, aber sing es ihm, damit wir dann abhauen können", sagte Aca leise.
"Von mir aus", antwortete ich und sang ihm dieses Lied von Oliver und seinem Papa.
Es war gegen fünf Uhr früh, als ich sie mit meinem Opel in die Nähe der Kaserne fuhr, von wo aus sie sich selbst zurechtfinden konnten. Eigentlich wollten sie überhaupt nicht, dass ich sie fuhr, damit mich niemand mit ihnen sehen konnte, worin ich aber nicht einwilligte. Ich war ohnehin so betrunken, dass mir alles egal war. In diesem Augenblick hätte mich jedermann sehen und es hätte allerhand passieren können, weil sowieso alles und damit auch meine Vernunft und mein Verstand außer Kontrolle geraten waren. In dieser regnerischen Herbstnacht war einfach alles egal.
Langsam fuhr ich durch die nur spärlich beleuchteten, nassen und leeren Straßen nach Stoja. Etwa einen halben Kilometer vor der Kaserne sagte mir Aca, ich solle in irgendein Wäldchen einbiegen, wo sie aussteigen würden und dass ich in die Wohnung zurückfahren solle. Ich bog ein und blieb dann stehen. Dann stellte ich den Motor ab und schaltete die Lichter aus. Alle drei stiegen wir aus dem Auto, während der Regen weiterhin unaufhörlich nieselte. Wir standen unter einem Baum, wobei es mir im Dunkeln schien, dass es sich um eine weit verzweigte Kiefer handelte. Ich war mir aber nicht sicher.
Wir sahen uns an. Dann umarmte mich zunächst Aca und anschließend auch Boris und so blieben wir stehen und weinten leise. Ich weiß nicht wie lange. Vielleicht eine Minute, vielleicht aber auch eine Ewigkeit. Dann murmelte Aca etwas.
"Was hast du gesagt?", fragte ich ihn.
"Ich habe dem Kleinen gesagt, dass wir jetzt gehen müssen. Also, Kleiner, reiß dich los! Gehen wir!"
Er nahm Boris an die Hand und zog ihn mit sich. Sie verschwanden in der Dunkelheit. Ich blieb allein. Ich setzte mich auf die Kühlerhaube, zündete mir eine Zigarette an und starrte in die Dunkelheit, in das Gebüsch, hinter das sie verschwunden waren. Eine ungeheure Leere verbreitete sich wie eine Flutwelle in meinem Körper, ergriff meine Brust, meinen Kopf. Ich zündete mir noch eine zweite Zigarette an. Die Stille wurde nur durch das Geräusch des Regens unterbrochen. Alles schien absurd und sinnlos. Und zugleich auch leer. Mich schmerzte diese fürchterliche Kraft der Absurdität, welche so leicht über unsere Schicksale herrschte und mit ihnen spielte. Wie ein betrunkener Milliardär mit seinen Jetons, die ihm außer einem augenblicklichen Vergnügen, das er sich aus reiner Müßigkeit gönnte, absolut nichts bedeuteten. Ich versuchte, mir etwas Vernünftiges auszudenken, mich in Bewegung zu setzen und zum Auto zurückzugehen, irgend etwas, aber es war alles umsonst. Ich saß völlig verloren auf der Kühlerhaube, während mein Verstand es einfach ablehnte zu reagieren. Nichts. Ich starrte nur vor mich hin und hörte den Regen rieseln. Noch bevor ich die zweite Zigarette zu Ende geraucht hatte, geriet ich außer mir. Ich warf sie ins Gras und trat sie mit dem Fuß aus. Dann schlug ich voller Verzweiflung mit der rechten Faust und mit aller Kraft auf die Kühlerhaube. Ein fürchterlicher Schmerz durchströmte meine ganze Hand. Ich wollte mich setzen, fiel neben dem Auto zu Boden, ins nasse Gras, fasste mich an den Kopf und begann laut zu weinen.
II
Zwei Tage später saß ich im Kaffeehaus. Es befand sich im Erdgeschoss des Gebäudes, in dem ich wohnte. Das Café gehörte meinem Freund Mario, der sich nach zehn Jahren wieder dem Gastgewerbe zugewandt hatte, wobei er das Lokal mehr für seine persönlichen Bedürfnisse und die seiner engsten Freunde, als für andere Gäste nutzte. Eigentlich ähnelte es durch sein Aussehen und die Zusammensetzung seiner Gäste mehr einer Soldatenkantine als einem Kaffeehaus, wie sie in dieser Stadt üblich sind. Im Café waren nur wir zwei, wie es in den späten Nachmittagsstunden dieses Herbstes oft der Fall war.
Mario habe ich vor vielen Jahren kennen gelernt, gleich nachdem ich nach Pula gekommen bin, als er Besitzer irgendeines Schiffscafés war, das eher die Bezeichnung Bordell verdient hätte, falls dieser geschätzte Begriff in diesem Land erlaubt gewesen wäre. Oder im vorherigen Staat, ganz egal. Was die Scheinmoralität und die Entrüstung gegenüber solchen Phänomenen anbelangte, hat sich mit der Errichtung des neuen Staates nichts geändert. Im Gegenteil! In diesen Gegenden hat man sich bisher über alles mögliche entrüstet, außer wenn jemand auf seine Nachbarn oder Freunde schoss, wer immer diese auch waren (ausgenommen jene Zeit, als wir noch alle Brüder waren, obwohl es mir scheint, dass es zum Verständnis dieser großen und für den Durchschnittsmenschen untypischen Bruderliebe äußerst lehrreich wäre, die mentale Verfassung vom Erschaffer dieses merkwürdigen Phänomens zu ergründen). Oder es handelte sich um ein für diese Region typisches Stereotyp. Wenn dem so war, dann wurde es in letzter Zeit verdammt aktuell.
Wie auch immer, Mario hatte mit diesem seinem Café Schiffbruch erlitten (was die logische Folge der Tatsache war, dass gerade er der verschwenderischste Gast des eigenen Objekts war, was auch immer es dargestellt hatte). Anschließend heiratete er, wobei auch diese Ehe in die Brüche ging (es gelang ihm nicht, sich rechtzeitig anzupassen, wozu ihm nach eigener Überzeugung nur wenig fehlte) und er anschließend einige Jahre irgendwo in Österreich und Deutschland verbrachte, wobei nur Gott weiß, was er dort alles tat. Schließlich kehrte er diesen Sommer zurück, um dem "Vaterland zu helfen", wie er es selbst ausdrückte. Als Beginn seiner Befreiungsaktivitäten eröffnete er dieses Kaffeehaus. Er pachtete es, hängte eine große kroatische Fahne hinaus (genauer gesagt deckte er den ganzen Plafond damit ab und soweit ich mich erinnere, benötige er einen Monat, um die Fahne zu beschaffen, da es sich um keine Konfektionsgröße handelte. Jemand hatte sie ihm auf Wunsch und gemäß seiner Eingebung zurechtgeschneidert). Hier versammelten sich die Freiwilligen für den Fronteinsatz oder die Rückkehrer von der Front, während er sich jeden Tag vornahm, selbst an die Front zu gehen. Bisher war er noch nicht weggegangen, aber wie ich ihn kannte, war dies nur eine Frage der Zeit, da er sämtliche Ersparnisse, die er vor einigen Monaten in das Café investiert hatte, beinahe schon versoffen hatte (zum einen Teil selbst, zum anderen Teil mit einer auserwählten Gesellschaft, besonders nach Mitternacht, wenn das Kaffeehaus für die Öffentlichkeit geschlossen war, wenn ausschließlich patriotische Lieder gesungen wurden und in unmessbaren Mengen getrunken wurde. Alles selbstverständlich ohne Bezahlung), womit für ihn alle Bedingungen, die Uniform anzuziehen und sich an die Front zu begeben, erfüllt waren.
Sein Leben verlief ohnehin seit jeher von heute auf morgen, wobei die Jahre keine Auswirkungen auf sein mentales Gefüge zeigten, dafür aber umso tiefere Spuren an seinem Aussehen hinterließen: Ergraute und teilweise schüttere Haare sowie große Poren im Gesicht sprachen hinreichend für sich selbst. Trotzdem war er neben Toni der Mensch, mit dem ich in den frühen zwanziger Jahren die meiste Zeit verbrachte, in der wir über das Leben und dessen Sinn sprachen, mit Rücksicht darauf, dass er eloquent und belesen war, gar nicht zu reden von seiner Lebenserfahrung. Zumindest schien es mir so aus meinem damaligen Verständnis der Lebensphilosophie.
Er schenkte sich einen doppelten Tequila ein. Er bevorzugte den, seitdem er aus dem Ausland zurückgekehrt war, in der Annahme, dadurch teilweise einen Beitrag zu seiner Europäisierung zu leisten, indem er immer den zweifellosen Unterschied zwischen dem Tequila und dem Cognac von Badel hervorhob, welchen er früher trank. Gleichzeitig ignorierte er die Tatsache, dass sich das Land seiner Herkunft weit außerhalb Europas befand, wobei er betonte, dass der Tequila gerade jetzt im übrigen Europa im Trend sei und wir natürlich diesen positiven europäischen Trends folgen müssten. Vor allem, wenn man davon ausging, dass wir immerhin eines der ältesten und damit natürlich auch kultiviertesten Völker in Europa seien. Damit wiederholte er, was man täglich mindestens ein dutzend Mal in den Meldungen der öffentlichen Medien wie Rundfunk, Fernsehen und Presse hören und lesen konnte.
Es hätte aber auch von ihm selbst stammen können, wenn man bedachte, wie viel davon er überhaupt aus den Medien kannte. Obwohl ich ab und zu Krle_ zitierte, dass uns Gott vor der kroatischen Kultur und dem serbischen Heldentum bewahren möge, dass es vielleicht klüger wäre, einen anderen europäischen Trend zu wählen, der nicht unbedingt mit starken Drinks verbunden war (falls das mit dem Tequila überhaupt stimmte, woran ich meine tiefsten Zweifel hegte), beharrte er weiterhin auf seinen Ansichten. Für andere Trends hatte es Zeit. Wenn wir uns erst einmal befreit und demokratisiert hätten, könnten wir uns auch diesen anderen widmen, wenn es unbedingt sein musste (letzteres habe ich der Ordnung halber hinzugefügt, da ich den Eindruck habe, dass der Übergang von diesem auf andere Trends nicht so leicht vor sich gehen wird, aber wenn einmal der Krieg beendet ist, werden wir schon irgendwie auch diese neuen europäischen Strömungen erhaschen). So viel zu den europäischen Trends.
"Willst du auch einen Kaffee?", fragte er und schob mir eine Cola über die Theke, die ich in letzter Zeit üblicherweise getrunken hatte.
"Danke, nur eine Cola. Ich habe genug vom Kaffee, heute waren es mindestens zehn. Auch von der Cola ist mir schon übel, aber es ist bloß, dass ich etwas trinke."
"Oh Mann, mir ist noch nicht klar, wie du es geschafft hast, völlig mit dem Trinken aufzuhören! Ich kann das nicht, und außerdem habe ich keinen Grund, damit aufzuhören. Wozu auch? Alles habe ich im Leben für das Vergnügen und die Frauen gegeben, wenn ich jetzt auch noch dem Vaterland einen Dienst erweise, habe ich nichts mehr, dem ich nachtrauern muss. Wenn dann auch noch irgendeine Blondine unter fünfundzwanzig dazu kommt, habe ich Gott am Bart erwischt. Und du? Du hast immerhin auch eine Ehe und vieles andere vermurkst. Sogar zwei Ehen, wie ich höre. Alle Achtung! Ich dachte, dass du dich niemals an eine binden wirst und dann gleich zwei Ehen nacheinander. Und beide verpfuscht du. Wozu zum Teufel hast du dir das eingebrockt?"
"Was weiß denn ich?", antwortete ich unbestimmt. "Um dir der Reihe nach auf deine Fragen zu antworten: Hm. Also, zu trinken habe ich aufgehört oder im Großen und Ganzen aufgehört, weil es mir einfach nicht mehr behagte und mich auch störte. Wirklich! Jeden Augenblick bleibe ich mit irgendeiner Gesellschaft irgendwo hängen und dann tagelang dieser Katzenjammer. Weißt du, wann man aufhören muss zu trinken? Natürlich hast du keine Ahnung, du hast ja nie damit aufgehört und beabsichtigst es in diesem Leben auch nicht. Egal, du musst aufhören, wenn du am nächsten Tag mit einem Riesenkater aufwachst und physisch einfach nicht im Stande bist, dieses famose zusätzliche Gläschen auszutrinken, das dir nach dem Motto ›Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil‹ wieder auf die Beine hilft, wie man so schön sagt. Und wenn dir das einige Male hintereinander passiert, kannst du es einfach nicht mehr hinunterschlucken."
"Warum nicht?", fragte Mario besorgt.
"Du kannst es einfach nicht", antwortete ich. "Es geht nicht und damit basta!"
"Das ist wirklich scheußlich", sagte Mario verständnisvoll. "Brrrr!", schüttelte er sich. "Wirklich scheußlich!"
"Ich sag's dir doch", lachte ich über sein besorgtes Gesicht. Offensichtlich stellte er sich vor, wie es war, wenn man sich in so einer unangenehmen Situation befindet.
"Was das Vergnügen und die Frauen anbelangt, weißt du nur zu gut, wie wir gelebt haben. Offen gesagt, ich weine der Vergangenheit keine einzige Minute nach. Es kommt mir vor, als ob alles, was wir damals getan haben, irgendeinen Sinn gehabt hat. Das Vergnügen, die Frauen, die Saufereien und alles. Das hat eben zu diesen Jahren gehört. Und heute? Vielleicht bin ich auch schon ein bisschen müde geworden. Wahrscheinlich habe ich weder Kraft noch Lust für ein solches Leben und es scheint mir, als wäre dies auch nicht mehr möglich. Zumindest nicht so, wie wir es damals gemacht haben. Du hörst einfach auf, etwas zu tun, wenn du nichts Schönes mehr daran findest. Jetzt lebe ich in einer unverbindlichen Beziehung mit einer Frau, die glücklicherweise nicht in Pula wohnt. Einmal sind wir zusammen, dann wieder nicht und so geht es eben. Das einzig Wertvolle, was mir geblieben ist, sind meine beiden Kinder. Aus jeder gescheiterten Ehe eines, ein Sohn und eine Tochter, die ich vergöttere und von denen ich hoffe, dass sie mir gegenüber dasselbe fühlen. Für Nachfolger habe ich also gesorgt und was soll mir eine neue Ehe noch bringen? Spaß beiseite, aber so läuft es eben ab."
"Wie hast du dich überhaupt zu diesen Ehen überreden lassen? Was wolltest du damit?"
"Dasselbe wie du mit deinen. Du ermüdest von deinem Leben, den verlorenen Nächten, die du durch durchschlafene Tage ersetzt, den Frauen, deren Namen du dich nach einigen Tagen nicht mehr entsinnen kannst, selbst wenn dein Leben davon abhängt und du siehst andere um dich, die ein normales Leben führen, was immer das auch bedeutet. Du hast es satt, immer in fremden Betten oder allein in deinem eigenen aufzuwachen, oder bestenfalls mit einer Frau, die du am liebsten vergessen willst, noch bevor sie zur Tür hinausgeht. Und in einem solchen Zustand platzt dir eines Tages der Kragen und du sagst dir: Ich kann es schaffen! Wenn es andere können, kann ich es auch."
"Dieser Teil kommt mir bekannt vor", fiel mir Mario ins Wort.
"Zweifellos," sagte ich. Und dann schickt dir Gott irgendeine, von der du glaubst, dass sie anders ist als die anderen und du sagst dir: das ist es! Du versuchst es, eine Zeit lang geht es, es kommt auch ein Kind und dann ist es aus. Du kommst zu dem weisen Schluss, dass es doch nicht das ist, was du dir vorgestellt hast und dass dich alles zusammen zumindest doppelt so viel ermüdet wie die vorherige Situation, da du natürlich die schlechten Seiten von früher inzwischen vergessen oder verdrängt hast. Egal, du siehst im Großen und Ganzen ein, dass du dich nur physisch in der Ehe befindest und dass du das liebe Frauchen nicht einmal mehr hörst, dass du ihr nicht zuhörst, nur mit dem Kopf nickst und darauf wartest, zu gehen. Und wenn du keine Kraft mehr hast, mit dem Kopf zu nicken, dann gehst du einfach."
"Und das ist dir zweimal passiert", konstatierte er.
"Nur für den Fall", murmelte ich. "So festigst du den Lehrstoff. Sicher ist sicher. Eigentlich überlegst du beim ersten Mal, ob du eine falsche Wahl getroffen hast oder ob die Schuld bei der Frau liegt. Und dann versuchst du es eben ein zweites Mal, bis du begreifst, dass das Problem bei dir liegt und nicht bei ihr, was nebenbei bemerkt eine deprimierende Erkenntnis ist, da dir jetzt bewusst wird, dass du, was Ehen anbelangt, dein Leben lang zum Scheitern verurteilt bist. Dass du nicht genug Nerven hast, um mit einer die kupferne geschweige denn silberne, goldene oder sonstige Hochzeit zu feiern. Und damit Schwamm darüber."
"In Anbetracht deiner Jugend hast du diese Lebensphilosophie natürlich ein wenig vereinfacht", lachte Mario. "Irgendwie klingt mir das zu simpel und zu leicht, besonders weil ich dich von früher her kenne. So viel ich mich erinnere, verwandelten sich die meisten deiner früheren, länger als sieben Tage dauernden Verbindungen regelmäßig in kleine Dramen und auf jede der wesentlichen Fragen des Lebens hattest du mindestens drei Antworten. Und jetzt?"
"Offenbar waren alle drei falsch", antwortete ich. "Weißt du, wenn du jung bist, denkst du immer, du hättest Hunderte von Möglichkeiten. Mit den Jahren fällt dann eine nach der anderen weg, die Auswahl wird immer enger und schließlich hast du überhaupt keine Wahl mehr. Bei dem einen kommt es früher und beim anderen später. Du erwartest und hoffst immer weniger. Das ist ein proportionales Verhältnis. Und dann gibst du eines Tages die Hoffnung auf und es ist dir alles egal, weil du ganz einfach nichts mehr zu verlieren hast."
"Immer hast du etwas zu verlieren. Immer! Die Frage ist nur, ob du dir dessen bewusst bist oder nicht. Überhaupt du. Du bist doch hoffentlich noch nicht in der Phase, wo du nichts zu verlieren hast?", fragte er besorgt. "Mensch, du bist doch erst dreißig und etwas."
"Natürlich nicht, aber du verlangst, dass ich dir genau erkläre, was mir passiert ist, oder genauer, was mir passiert. Nun das tue ich gerade. Und ich hoffe aufrichtig, dass ich mich noch nicht in dem Stadium befinde, wo ich nichts mehr zu verlieren habe, aber wenn du mich jetzt fragst, woran mir wirklich gelegen ist, könnte ich dir darauf nur schwer eine klare Antwort geben. Außer den Kindern natürlich, aber verdammt noch mal, ich lebe doch nicht ihr Leben und sie nicht meines, trotz aller Verflechtungen und die gegenseitige Verbindung dieser Leben. Es kommt mir vor, als befände ich mich dank meiner weisen Entscheidungen in einer klassischen Lebenssituation: Ich weiß, was ich nicht will, aber ich weiß nicht, was ich will. Man muss lernen, mit den kleinen alltäglichen Dingen zu leben, dann ist alles leichter. So behaupten es zumindest alle. Wenn du immer nur darauf wartest, dass dir etwas Großes und Bedeutendes passiert, verbringst du dein Leben mit Warten. Und wie kann man dieses Große und Bedeutende erkennen, selbst wenn es eintreffen sollte, wenn du gar nicht weißt, was du eigentlich willst?"
"Ich glaube nicht an diese großen Dinge", sagte Mario, indem er sich ein neues Glas Tequila einschenkte. "Erstens, auch wenn sie passieren, würde ich sie wahrscheinlich nicht einmal dann erkennen, wenn ich mit der Nase auf sie stoße. Und zweitens, vom ersten Fall ausgehend wäre es besser, dass mir das gar nicht passiert, weil ich es wie üblich zu spät begreifen würde, wie alles andere Wertvolle im Leben. Und dann würde mir nichts anderes übrig bleiben, als meine Dosis Tequila zu erhöhen, um irgendwie zu überleben und weiter zu machen. Drittens, was ebenfalls von ziemlicher Bedeutung ist, bin ich mit dem Tequila bereits an der Risikogrenze angelangt, so dass die beiden ersten Fälle inakzeptabel sind."
"Wahrlich, jeder Kommentar zu deinen Bemerkungen scheint mir unangebracht, so dass ich mich zurückhalten werde, einen vierten Grund zu erörtern", sagte ich.
"Hol's der Teufel, die Zeiten sind vorbei, als ich mir selbst Irrtümer verkauft habe. Du weißt, dass ich nicht das Zeug für Geschäftemachereien habe, schon gar nicht dieser Art. Zum Schluss findest du dich damit ab und es ist wie es ist. Aber hör zu, was dich betrifft, denke ich anders. Du scheinst mir irgendwie relativ normal, so dass ich der Meinung bin, dass du erfolgreich gewesen wärst, wenn du die richtige Frau gefunden hättest", versuchte mich Mario zu trösten.
"Worauf liegt die Betonung?", fragte ich ihn lächelnd. "Auf dem Wort ›relativ‹ oder auf ›normal‹? Wie auch immer, ich stimme dir zu, dass ich vielleicht erfolgreich gewesen wäre, wenn ich die Richtige gefunden hätte. Was bleibt mir auch anderes übrig? Ich werde doch nicht öffentlich verkünden, dass das Problem bei mir liegt. Das möchte ich auch mir selbst nicht eingestehen, geschweige denn den anderen. Lieber werde ich warten wie alle gewöhnlichen Sterblichen, damit Gott mich doch einmal angenehm überrascht."
"Wie kannst du dann mit mir darüber sprechen, wenn du nicht bereit bist, es dir selbst einzugestehen. Was soll das heißen? Dass es so ist, als würdest du zu einer Wand sprechen, wenn du mit mir redest?", fragte er in einem beinahe zankhaften Ton.
"Wenn du meinst. Ob ich es dir sage oder nicht, es ändert sich ja doch nichts, nicht wahr? Es hinterlässt bei dir sicher keinen übertriebenen Eindruck und du wirst nicht darüber nachdenken, ob ich Recht habe oder nicht. Du hast einfach genug von deinen eigenen Fehlern, wie du es ja selbst vorher gesagt hast. Wahrscheinlich wirst du auch dieses Gespräch vergessen, sobald es beendet ist. Ist es nicht so?"
"Wahrscheinlich ja", murmelte er versöhnlich.
"Na, siehst du? Würde ich dies irgendeinem hoffnungsvollen Geschöpf sagen, würde es sich aus wer weiß welchen Gründen tagelang damit herumquälen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht bedeutet das auch anderen heutzutage nichts, aber vielleicht stimmst du mir zu, das dies zumindest kein übliches Thema ist, um die Zeit tot zu schlagen. Wenn wir aber davon ausgehen, dass doch jemand darauf reagiert und dieser Jemand, Gott behüte, noch dazu eine Frau ist und es ihr einfällt, dass gerade sie es ist, die dir schließlich beweisen wird, dass die Ehe sehr wohl einen Sinn hat, natürlich mit ihr, dann hast du alle Aussichten, wieder von vorne zu beginnen. Und das fällt mir am schwersten. Ich brauche nämlich im Laufe der Zeit viel länger, um an Wunder zu glauben und immer weniger, um anschließend von ihnen enttäuscht zu werden. Jeder Anfang verzaubert dich, verheißt dir den siebten Himmel, einmal mehr, einmal weniger, und dann schleicht sich unhörbar, beinahe diebisch, die Monotonie ein und anschließend diese bekannte Form der Sättigung und plötzlich wachst du im neunten Kreis der Hölle auf. Hm. Eigentlich überlistet dich dieser Anfang immer wieder. Er verführt dich zu falschen Entscheidungen, die du später ordentlich in Form von Alimenten und ähnlichen Späßen abzahlst. Wenn dem schon so ist, sollte man versuchen, zumindest ohne diese letzten Vergnügungen zu leben. Irgendwie scheint es dann leichter zu sein."
"Hol's der Teufel", brummte er. "Es kommt mir vor, als gingen wir so den Weg des geringsten Widerstands. Sobald es nicht so läuft, wie wir wollen, was ja meist der Fall ist, suchen wir das Weite. Weißt du, was meine Frühere immer gesagt hat? So viel wie du gibst, so viel wirst du in der Ehe auch bekommen. Und so sehr ich mich in meiner Ehe auch bemüht habe, ich kam gar nicht dazu, etwas zu nehmen, geschweige denn, etwas zu geben. Am Ende nannte sie mich einen emotionalen Krüppel und verließ mich. Natürlich mit vollem Recht. Ich würde für mich noch irgendein Beiwort hinzufügen, aber ich schäme mich. Nun gut, hol' sie der Teufel, es hätte ja irgendeine sein können. Aber wenn du nichts gibst und dich auch nicht bemühst, ist es nur normal, wenn sie dich in die Wüste schickt. Und dann gehen wir noch dazu als irgendwelche Sieger ab. Verdammt", seufzte er, "wenn das ein Sieg sein soll, wie sieht dann erst eine Niederlage aus? Hör zu, dieses Gespräch bedrückt mich, wir haben doch schon im Voraus gewusst, wie wir enden werden. Zumindest ich. Du kannst es ja noch ein drittes Mal versuchen. Man sagt, dass Gott einem beim dritten Mal hilft, obwohl ich mir nicht gerade sicher bin, dass er sich in deinem Fall an diese Reihenfolge halten wird. Vielleicht beim siebten, achten Mal, wenn du keine andere Wahl mehr hast, wie du vorhin selbst gesagt hast. Soll doch alles der Teufel holen. He, weißt du, dass ich dieser Tage an die Front gehe?"
"Du bist wirklich ein Genie!", begann ich zu lachen. "Ganz einfach ein Genie. Weißt du, mich hat schon immer deine Fähigkeit begeistert, ein schwieriges Thema durch ein noch schwierigeres zu ersetzen. Ein Gespräch mit dir entspannt so, dass man nachher weder die Getränkeindustrie noch andere entspannende Mittel bemühen muss. Von deinem Fronteinsatz weiß ich nichts, ich hätte es aber ahnen können."
"Warum?", fragte er misstrauisch.
"Einfach so", antwortete ich unbestimmt. "Wahrscheinlich bist du reif dafür. Nach all den Flaschen Tequila, die du in diesen Monaten ausgetrunken hast und nachdem du tausend Mal dieses Ustascha-Lied ›Jura und Boban‹ gehört hast, bist du entweder reif für die Front oder für das Irrenhaus. Da die meisten Napoleons und anderen Insassen bereits aus dem Irrenhaus in ein verlängertes Wochenende entlassen wurden, um dieses an der Front zu verbringen, ist es nur sinnvoll, wenn du dich auch dorthin begibst. Logisch, nicht wahr?"
"Scheiße, deshalb bin ich ja zurückgekommen", sagte er. "Und das Geld habe ich auch im Großen und Ganzen verprasst, was soll ich also noch hier?"
"Du könntest zur Abwechslung damit beginnen, dass man dir die Getränke bezahlt", bemerkte ich.
"Ach, du kennst mich doch", meinte er resigniert. "Wie soll ich von den Jungs verlangen, dass sie auch noch bezahlen, wenn es für sie vielleicht der letzte Drink ist?"
"Red' keinen Blödsinn", zischte ich. "Für Einige wird das nicht der letzte Drink sein. Eher hast du sie auf dem Gewissen, weil sie bei dir lebenslängliche Alkoholiker geworden sind. Nicht einmal Gott wird sie mehr kurieren können."
"Soll doch alles der Teufel holen", erwiderte er und schenkte sich noch ein Glas ein. "Du willst nichts? Nun auch gut. Aber ich wollte dich etwas fragen und bin nur wegen unserem Geschwätz nicht dazugekommen. Ich sehe, dass du dir die Hand verletzt hast, wenn man sie dir sogar eingegipst hat", sagte er und zeigte auf den Gips an meiner rechten Hand.
"Ich habe dir doch gesagt, dass ich auf der Stiege ausgerutscht bin und mir irgendein Knöchelchen gebrochen habe. Und dann haben mir diese Idioten gleich einen Gips verpasst und das ist alles", antwortete ich ruhig.
"Und wer hat dein Auto so zugerichtet?", fragte er. "Ich habe gehört, dass dir jemand die Kühlerhaube verbeult hat."
"Keine Ahnung", antwortete ich. "Irgendein Irrer, was weiß ich. Wahrscheinlich wegen des Zagreber Kennzeichens, das ich noch nicht durch eines von Pula ersetzt habe."
"Da bist du ja noch einmal gut davongekommen", bemerkte er und trank langsam seinen Tequila aus. "Er hätte dir das Auto ja völlig kaputtmachen können und wen könntest du denn heutzutage dafür verantwortlich machen. Nur den lieben Herrgott!"
"Ich bin wirklich ausgezeichnet davongekommen. Es hätte nicht besser ausgehen können", murmelte ich.
"Sollen wir das Thema wechseln?", fragte er. "Gehst auch du an die Front? Du könntest dich dort sehr nützlich machen."
"Worauf du dich verlassen kannst!"
"Geh zum Teufel, ich meine es ernst", fuhr er fort. "Du warst doch jahrelang beim Militär, bist ausgebildet, kannst mit der Waffe umgehen und schließlich hast du gelernt wie man Krieg führt, verdammt noch mal! Ich weiß doch, dass du seinerzeit diesen speziellen Taucherkurs mitgemacht hast. Damit könntest du als Unterwassersaboteur eingesetzt werden oder etwas ähnliches."
"Du bist doch nicht normal. Weißt du, wann ich zum letzten Mal getaucht habe? Vor ein, zwei Jahren, als mich irgend so ein Idiot zufällig ins Meer gestoßen hat, weshalb er sich nachher allerhand von mir anhören musste. Weißt du auch, wie viele Jahre seit diesen Kursen und all dieser Scheiße vergangen sind? Ich könnte nicht einmal mehr dieses Loch von einem Café zertrümmern, geschweige denn in der Lika oder sonst wo einen Rambo spielen."
"Was soll dann erst ich sagen, mit meinen Jahren auf dem Buckel?", fragte er.
"Du hast eine natürliche Begabung, irgendeine Scheiße zu bauen", antwortete ich. "Wenn dich ein Wutanfall packt, wärst du sogar fähig, eine kleinere Revolution in einem Altersheim anzuzetteln, was du aber zum Glück nicht tun wirst, da du wahrscheinlich kein hohes Alter erleben wirst."
"Oh, vielen Dank!"
"Ich glaube nicht, dass du in diesem Krieg umkommen wirst, falls du das gedacht hast", verbesserte ich mich. "Aus gänzlich anderen, allgemein bekannten Gründen, die ich jetzt nicht anführen will, scheint es mir, dass du nicht viel Chancen hast, deinen Ruhestand zu genießen."
"Trotzdem vielen Dank", lacht er. "Aber du musst zugeben, dass es wert war, all dies zu erleben."
"Das haben wir doch schon ausdiskutiert", bemerkte ich nachdenklich. "Hm, jetzt erinnere ich mich, dieselbe Sache dieser Tage schon einmal gehört zu haben."
"Von wem denn?"
"Von jemandem, der alle Chancen hat, so wie du an der Front zu landen, der aber keine übertriebene Lust zu solchen Abenteuern hat."
"Jemand von ihnen, unseren früheren Brüdern?", argwöhnte er. "Hast du noch Verbindung zu ihnen?"
"Hör zu", überhörte ich die Frage, "diese Unterscheidung zwischen den Begriffen ›unsere‹ und ›ihre‹ scheint mir im Augenblick völlig klar, logisch und verständlich. Verdammt noch mal, schließlich ist Krieg, deshalb ist diese Unterscheidung umso verständlicher. Dann aber geschieht etwas Unvorhergesehenes, so dass ich beginne, diese Differenzierung auf rein rhetorischem Niveau zu erleben. Ich weiß, dass dies etwas bizarr klingt, um keinen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen, wenn man in einhundert Kilometer Entfernung von der Front auf diese Weise darüber denkt, aber egal, momentan kommt es mir so vor."
"Ich bin mir nicht ganz klar, was du damit sagen willst", sagte er.
"Schau, wie würdest du jetzt reagieren, wenn Aca in dein Café kommen würde?", fragte ich ihn.
"Der, dem du Trauzeuge warst? Hol' ihn der Teufel, mit ihm habe ich ganze Fässer geleert und nicht nur Literflaschen. Übrigens ist er schon seit Monaten weg, wie ich gehört habe."
"Egal wann er weggegangen ist, nur hypothetisch gesprochen, was würdest du tun, wenn er jetzt hereinkäme?"
"Wahrscheinlich würde ich für einige Zeit die Sprache verlieren. Verdammt, ich weiß es nicht", zuckte er mit den Schultern. "Ich kann mir eine solche Situation ganz einfach nicht vorstellen."
"Und kannst du dir vorstellen, dass morgen eine Situation eintritt, in der ihr einer auf den anderen schießt?", fragte ich ihn.
"He, du übertreibst", protestierte er. "Zunächst einmal kann es dazu nicht kommen, da er in der Marine ist und ich auf dem Festland kämpfen werde. Oh Mann, außerdem ist Krieg und da stellen sich solche Fragen nicht. Du verteidigst das Vaterland, das dir heilig ist, und wer immer es auch angreift, ist dein Feind. Die Kriegslogik ist äußerst einfach: Entweder töte ich ihn oder er mich. Und damit basta!"
"Nun gut, sagen wir, dass ich dir zustimme, aber würdest du auf ihn schießen, wenn sich eine solche Situation ergeben sollte?", gab ich nicht nach.
"Muss ich wohl, sonst würde er es tun."
"Du würdest ihn also töten?"
"Wie bitte?"
"Ich frage dich, würdest du ihn töten?"
"Geh' zum Teufel!", begann er zu schäumen. "So kannst du keine Überlegungen anstellen. Würden alle so denken, wer würde dann noch Krieg führen?"
"Eine gute Frage", bemerkte ich. "Aber sei ohne Sorge, auf dieser verrückten Welt gibt es genügend Irre, die nicht so denken, und dass es auf dem Balkan genug davon gibt, darüber braucht man sich überhaupt keine Sorgen zu machen."
"Du bist nicht fair", begann er sich aufzuregen. "Ich verteidige mich nur und greife niemanden an. Ich verteidige nur mein Land. Wenn daher irgend jemand mein Land angreift, und sei es auch Aca, muss ich es verteidigen. Das Problem liegt nicht bei mir, sondern bei ihm. Nicht ich bin in Serbien einmarschiert, um ihn anzugreifen, sondern er ist hierher gekommen und greift mich an."
"Gut, auch dem stimme ich zu. Aber er ist vor fünfzehn oder mehr Jahren nach Kroatien gekommen, das er wie sein eigenes Land erlebt hat und jetzt flüchtet er aus ihm. Und nun gib Acht: Es ist ihm nicht gelungen zu fliehen, dabei möchte er weder schießen noch Kroatien okkupieren, aber nun steht ihr euch an der Front gegenüber."
"Du bringst mich noch um meinen gesunden Menschenverstand", zischte er erbost, wobei er die Arme ausbreitete. "Natürlich möchte ich ihn nicht töten, du Idiot, ich würde versuchen, es irgendwie zu vermeiden."
"Das wollte ich nur hören, sonst nichts", lächelte ich über sein ernstes Gesicht.
"Ja, aber wie ich schon vom Glück gesegnet bin, würde er mich gar nicht erkennen und mich wie einen Hasen erschießen", fügte er hinzu, jetzt bereits besser aufgelegt.
"Nur so viel über Rhetorik, Hypothesen und das Kriegsglück auf dem Balkan", bemerkte ich resigniert.
"Und was würdest du in der gleichen Situation tun?", fragte er, wobei