I
Ein
trüber, eintöniger Herbstregen ergoss sich in diesem Jahr 1991
auf die abgenutzten Dächer der Altstadt von Pula, während ich
emotionslos durch das Fenster meiner Wohnung im Dachgeschoss blickte
und versuchte, im ersten Dunkel etwas wahrzunehmen, was mich aus
der Lethargie reißen und mir an diesem Abend irgendeinen Sinn
geben könnte. Umsonst! Wenn es jemals den Anschein hat, dass die
Zeit stillsteht, dann ist dies an solchen regnerischen Herbstabenden
der Fall, besonders dann, wenn man sie allein verbringt, was jetzt
bei mir der Fall war.
Den Fernseher hatte ich ausgeschaltet, um das geringe Maß an gesundem
Verstand nicht zu gefährden, das mir nach all diesen Jahren, besonders
aber nach allen Ereignissen der letzten Monate, noch verblieben
war. Und wie konnte überhaupt ein normaler Mensch so etwas wie
eine ausländische humoristische Fernsehserie ansehen, deren Folgen
sich mit Reportagen von den Kriegsschauplätzen abwechselten? Die
Personen und Handlungen wiesen in diesem Augenblick keinerlei
Berührungspunkte mit den Geschehnissen auf, die sich über dem
Balkan zusammenbrauten, wo nur über Krieg, Hass, Schmerz, Leid
gesprochen wurde und über alles, was zu den aktuellen für diese
Gegend bezeichnenden gesellschaftlichen Ereignissen gehörte. Wie
konnte man sich auf die Handlung solcher Sendungen konzentrieren,
wenn gerade im komischsten Augenblick (zumindest sollte man dies
aus dem zugeschalteten Lachen eines imaginären Publikums schließen,
das die Handlung der Serie scheinbar verfolgte) eine Aufschrift
auf dem Bildschirm erschien, die Fliegeralarm für Karlovac, Gospia
(wobei ich mich korrigieren muss, da die Alarmmeldung für Gospia
nur einmal täglich erfolgte, weil dort ständige Gefahr herrschte)
und andere Städte ankündigte, in diesem schönsten Land der Welt,
das sich zur Zeit nur leider im Krieg befand? Zwar war in diesem
Märchenland noch kein Kriegszustand verkündet worden (falls ein
solcher überhaupt jemals ausgerufen würde), jedoch stellte dies
kein Hindernis für die alltäglichen Zerstörungen und das Töten
all jener dar, deren die "Befreier" habhaft wurden.Glücklicherweise
war Pula, wer weiß aus welchem
Grund,
bisher ohne Zerstörungen davongekommen (wahrscheinlich nur dank
der göttlichen Vorsehung). Was die menschlichen Verdienste dafür
anbelangte, würde sich wahrscheinlich nach diesem nicht erklärten
Krieg eine genügende Anzahl von sog. Rettern der Stadt zu Wort
melden, da es natürlich ohne sie weder uns noch die Stadt mehr
geben würde … Doch lassen wir das. Sollten sie die Stadt nur in
Ruhe lassen und sie nicht zerstören, denn wem bedeutete es schon
etwas, wer eines Tages wem ein Ordensband für Verdienste verleihen
würde? Vermutlich niemandem! Ich legte eine alte Schallplatte
von Pink Floyd auf den Plattenspieler und schenkte mir einen Cognac
ein. Einen französischen, die billigere Sorte von "Napoleon".
Zumindest sah er gut aus. Da ich ihn nicht pur trank, konnte ich
über den Geschmack kein Urteil abgeben. Eine ideale Nacht, um
ein wenig über die Vergangenheit nachzudenken, wozu natürlich
notwendigerweise Alkohol gehörte, denn wer auf dem Balkan kann
schon nüchtern über die eigene Vergangenheit nachdenken, geschweige
denn über den Sinn der Zukunft? Eigentlich hatte ich schon vor
Jahren mit dem Trinken aufgehört, so dass ich seitdem bereits
das erste Gläschen als fünftes, sechstes oder wer weiß schon welches
wahrnahm - das hing jeweils von den Umständen ab. Und auch das
Getränk war ein anderes als damals. Wenn man denn überhaupt davon
reden konnte, dass ich jetzt mehr trank, da die wenigen Gläschen,
die ich da und dort aus irgendeinem Anlass zu mir nahm, sicher
eine Beleidigung für die meisten volljährigen Männer darstellten,
die irgendwo auf dem Balkan geboren worden waren. Früher trank
ich Wodka, wobei sich zumindest sagen lässt, dass es ziemliche
Mengen waren. Jetzt konnte ich dieses geschätzte Getränk nicht
mehr sehen und begriff gar nicht, wie ich es jemals hatte trinken
können und das auch noch in nicht gerade zu vernachlässigenden
Mengen. Dies ist jedoch nur jener Teil eines Problems, das sich
kolloquial unter dem Arbeitstitel "Wie kann man einen Teil
der eigenen Vergangenheit verstehen, der jetzt aus irgendwelchen
Gründen inakzeptabel ist" zusammenfassen lässt. Auf keine
Weise, da das Problem stets in den gegenwärtigen Ereignissen liegt
und nicht in der eigenen Vergangenheit. Wie steht es also erst
um die fremde Vergangenheit!
Ach ja. Sobald ich in einen solchen Zustand verfiel, begann ich
mich mit der müßigen Lebensphilosophie des eigenen Alltags zu
vergnügen, die ungefähr so unfruchtbar war wie die meisten meiner
Beziehungen mit Frauen. Die Frauen! Zum ersten Mal erinnerte ich
mich an diesem Abend auch an sie. Mit ihnen begann es immer gut,
jedoch endete es meist rascher als es begann. Darüber aber mehr
bei anderer Gelegenheit. Die Frauen stehen in Kriegszeiten ja
nicht im Vordergrund, nicht wahr? Es ist nicht alles Übel, was
Unglück mit sich bringt. (Widerstehe der Versuchung, ein männlicher
Chauvinist zu sein, auch wenn dir der Krieg schon als Rechtfertigung
dient und sei es nur ein nicht erklärter Krieg ist).
Männer! Freunde! Die erste Verteidigungslinie! Mein Gott, wo waren
jetzt nur alle diese vielen verschiedenen Personen? Liebenswerte,
herrliche, aufopfernde, verdorbene, heuchlerische … Viele solcher
Menschen waren in den Jahren, als ich noch in der Uniform der
Jugoslawischen Kriegsmarine steckte, an mir vorbei defiliert,
aber auch, nachdem ich diese Marine im Vorjahr verlassen hatte
und schließlich "Zivilist" wurde.
Einige sind tot, eigentlich mehrere von ihnen, jedoch hatten sie
das vor dem Krieg erledigt, ohne Auszeichnung. Mit Toni habe ich
meine frühe Jugend und viele unausgeschlafene Nächte verbracht.
Eine dieser Nächte schlief er jedoch durch. Zu viele Drogen für
den müden Körper und ein Abschiedsbrief, den ich einmal im Jahr
am Jahrestag seines Todes der Ordnung halber las. Wobei ich mich
natürlich immer betrank und innerhalb meiner vier Wände ausweinte,
ohne Zeugen und immer wieder von neuem. Im Verlaufe der Jahre
weinte ich an diesem Tag immer mehr und dachte dabei immer weniger
an Toni. Die einzige Konstante dabei war der Anlass des Betrinkens.
Aca, eigentlich Alexander, dessen Trauzeuge ich bin, war Unteroffizier
in der Jugoslawischen Kriegsmarine oder wie auch immer diese Marine
hieß. Diese große Seele war wie seine Heimat Wojwodina und die
einzige mir bekannte Person, die alles Unheil dieser Welt mit
einer buddhistischen Nonchalance über sich ergehen ließ, da alles
sich seinen Worten nach "eben ereignen und es danach, verdammt
noch mal, weitergehen musste". Meine Patenschaft war an sich
nicht des Lobes wert, denn er ließ sich schneller scheiden als
er geheiratet hatte. Trotzdem waren wir Paten geblieben. Übrigens
war ich seiner Meinung nach "sein" und nicht "ihr"
Trauzeuge, so dass die Tatsache der Scheidung ohne Bedeutung für
das weitere Gedeihen unserer Patenschaft blieb. Seit Tagen und
Monaten hörte ich nichts von ihm, da er im Kreis der Kaserne eingeschlossen
war, wo man ihnen bis zur Abfahrt der Schiffe nach Montenegro
keinen Ausgang gestattete. Nicht einmal Telefonieren war erlaubt.
Nichts!
Boris, der Ehe eines Serben und einer Kroatin entstammend und
in Belgrad geboren, war national nicht orientiert und gehörte
nirgendwohin. Er war erst drei Jahre in Pula auf Grund eines Vertrags
auf bestimmte Zeit (dieses System wurde in der jetzt bereits ehemaligen
Armee unmittelbar vor dem Zerfall des Staates als Versuch einer
Reorganisation und Modernisierung eingeführt, obwohl es sich eigentlich
darauf belief, dass sie einfach nicht genügend Kandidaten für
die Militärschulen und damit später auch keine Soldaten auf Lebenszeit
hatten. Es gab nicht mehr genug verrückte oder gezwungene Leute
für die militärische Ausbildung bzw. für ein lebenslängliches
militärisches Mannequinwesen). Die Eltern waren geschieden und
er selbst der Straße überlassen, so dass er Rettung in der Armee
fand. Zumindest vorübergehend. Nichts Originelles, dafür aber
wirkungsvoll, wie es unser neuer Präsident Franjica ausdrücken
würde. Natürlich hingen sich solche Leute immer an mich. Allerdings
aus den verschiedensten Veranlassungen.
Dino lehrte irgendwo in Slowenien Soziologie. Er hatte die Uniform
mit dem Katheder vertauscht. Ich war mir nicht sicher, ob es sich
dabei um eine perfekte Wahl handelte. Aber wer verstand schon
einen Slowenen? Die österreichischen Grenzen waren zu nahe, so
dass die slawische Seele unter den germanischen Einflüssen litt.
Soweit ich mich aber der weiblichen Angehörigen dieser Nation
erinnerte, schien es mir, dass sie eine Art Gleichgewicht mit
uns hielten, und im Durchschnitt als akzeptabel galten. Wenigstens
diejenigen, die ich kannte.
Zvrrrrr. Telefon! Wer hatte nur dieses verfluchte Gerät erdacht,
das, nachdem man dreißig Jahre alt geworden ist, immer dann läutete,
wann man es am wenigsten brauchte? Ich musste mir irgendein leiseres
Telefon besorgen, während das jetzige als Sirene für die Alarmierung
meines Wohnviertels gute Dienste leisten konnte. Andererseits
konnte man in diesem Teil der Altstadt nicht einmal mehr die Ratten
vertreiben, selbst wenn man in den frühen Morgenstunden auf der
Treppe zufällig auf eine trat, zu einer Zeit, da die meisten seiner
geschätzten Bewohner gerade ihre Eingangstüren zu finden versuchten.
"Ja!", sprach ich mit kaum vernehmbarer Stimme ins Telefon.
"Hier ist Sima. Robi, bist du es?"
"Welcher Sima?"
"Sima, zum Teufel, der vom Geheimdienst, was ist denn, verdammt
noch einmal, los mit dir, erkennst du mich nicht?"
"Ach du bist es. Wo bist du denn, Sima, lebst du noch?"
"Rede keinen Blödsinn. Hör zu, ich muss dir etwas Ernstes
sagen. Von Freund zu Freund. Wir sind doch noch Freunde oder hast
du jetzt die Seiten gewechselt?"
"Lass das, Sima, welches ist denn die richtige Seite?"
"Nun geh, Robi, du bist doch ein normaler Mensch. Ein bisschen
verrückt, aber redlich und es täte mir Leid, wenn dir etwas zustößt.
Deshalb rufe ich an. Die Unsrigen faseln etwas, irgendwie gehst
du ihnen auf die Nerven, da du für deine Kroaten, die aus der
Armee flüchten, Papiere besorgst, irgendwelche Anträge stellst,
sie dazu überredest und so. Nun gut, das war noch im Sommer, auch
das wissen wir, aber jetzt, bevor sie endgültig weggehen, haben
sie noch etwas vor, wahrscheinlich haben sie dich im Fernsehen
gesehen, bei irgendeiner Feier, wo die kroatische Hymne gespielt
worden ist. Du warst dort wie paralysiert und was weiß ich, was
sonst noch alles. Was immer es sei, dachte ich mir, Hauptsache
ist, dass ich dir sagen muss, dass du dieser Tage vorsichtig sein
sollst. Zum Teufel, wir haben so viel zusammen getrunken und es
wäre nicht in Ordnung, dass ich dir das nicht sage."
"Oh Sima, Sima! Was soll ich dir sagen? Danke! Sage deinen
Idioten, dass wir zusammen ausgebildet worden sind, auf den selben
Übungsplätzen und wenn sie unbedingt kommen wollen, sollen sie
es tun. Bei uns in Dalmatien sagt man: Niemand kann dich zweimal
töten. Du weißt, dass ich ein geselliger Typ bin und nicht beabsichtige,
selbst zum Himmel zu fahren, sie sollen also nur kommen. Der Teufel
soll sie holen und jetzt sage mir endlich, wie es dir geht."
"Überhaupt nicht gut! Die Kinder sind per Schiff nach Montenegro
abgedampft, mit allen Möbeln, ich habe keine Ahnung, wo sie sind.
Wenn sie überleben, und meine Frau wird es sicher, werden sie
wahrscheinlich versuchen, irgendwie zu meiner Familie nach Po_arevac
zu gelangen und später werden wir sehen was passiert. Ach ja,
ich bin also ohne Möbel verblieben. Du kennst diesen Trottel Mirko
von den Hilfsschiffen. Natürlich kennst du ihn. Nun, er ist mit
dem selben Schiff gefahren und irgendwo bei der Insel Vis, mitten
in der Adria, hat er einen Nervenzusammenbruch erlitten und bevor
sie ihn packen konnten, hat er die Hälfte der Möbel ins Meer geworfen.
Erst bei Vis hat er begriffen, dass er Kroatien für immer verlässt
und das hat ihn fertig gemacht. Natürlich waren unter der Hälfte
der weggeworfenen Möbel auch meine. Aber was soll's. Ich verstehe
nicht viel davon, was heute vor sich geht. Eigentlich verstehe
ich gar nichts, nur diesen Mirko verstehe ich schon."
"Und du? Was wirst du nun tun?"
"Nun, ich werde versuchen, mich mit irgendeinem Papierkram
zu beschäftigen. Du weißt schon, irgend so einen Bürohengst spielen,
um diesen beschissenen Krieg zu überleben. Wenn mir das gelingt,
ist es gut. Wenn nicht, hol's der Teufel. Dann war's eben nichts."
"Von wo aus rufst du eigentlich an? Du bist doch nicht vielleicht
im Kommando?"
"Bist du verrückt? Aus der Wohnung eines Freundes, der schon
nach Serbien abgehauen ist und mir den Schlüssel hinterlassen
hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll. In meine Wohnung kann ich
nicht zurück. Wer weiß, wer jetzt dort drinnen ist. Weißt du,
wir Geheimpolizisten können noch irgendwie auf eine Stunde nach
draußen verschwinden. Jetzt aber sind die Spezialpolizisten aus
Niš gekommen, um uns angeblich vor den Ustaschi zu schützen und
sie lassen niemanden mehr hinaus. Es ist zum Verrücktwerden. Sie
bringen uns um wie die Hasen. Und wenn sie dich nicht einsperren,
erklären sie dich zum Deserteur. Legen dich in einen Sarg und
schicken diesen nach Serbien, wo du dann mit allen Ehren begraben
wirst. Und nun verstehe das alles. Ein verrücktes Volk!"
"Sima, nochmals vielen Dank. Aber lauf jetzt zurück. Ich
will nicht, dass ich dich auf dem Gewissen habe."
"Ach ja, ich möchte dich nur noch etwas fragen. Was war eigentlich
mit dieser Hymne, wo du im Fernsehen zu sehen warst?"
"Gar nichts. Wir organisieren nur eine Offiziersvereinigung."
"Was?"
"Eine Offiziersvereinigung."
"Was ist denn das?"
"Nun, das ist etwas ähnliches wie der frühere Kämpferverband
des Volksbefreiungskrieges. Ich kenne mich da auch nicht so aus.
Eine Vereinigung von Offizieren. Aus allen früheren kroatischen
Armeen, von der Heimwehr, den Ustaschi, den Partisanen, den französischen
Fremdenlegionären bis zu uns aus der Jugoslawischen Volksarmee.
Sie kommen von überall her. Das Durchschnittsalter ist sechzig
Jahre, die barfüßige Kindheit nicht mitgerechnet. Wenn wir schon
beim Durchschnitt sind, auch du kannst dich uns anschließen, wenn
du willst."
"Ich? Wieso ich?"
"Na schön. Sag ihnen, dass du dich einen feuchten Dreck um
Jugoslawien scherst und dass du dich immer als Kroate gefühlt
hast, aber erst jetzt zu dieser Erkenntnis gekommen bist. Etwas
spät zwar, aber was soll's, besser jetzt als nie. Wenn dir aber
daran gelegen ist, Serbe zu bleiben, sage ihnen, dass Kroatien
für dich schon immer deine Heimat war, dass du in Serbien niemanden
außer der Frau, den Kindern und der übrigen Familie hast, die
sich sowieso von dir losgesagt haben, was von ihnen auch zu erwarten
war. Gib dich nur nicht als Jugoslawe aus, das wirkt in diesen
Zeiten etwas desorientiert, was auf dem Balkan immer einen hohen
Risikofaktor darstellt. Und erkläre, dass du gegebenenfalls dein
Leben opfern würdest, um …"
"Einen Dreck würde ich mich für irgend jemanden opfern!"
"Um Himmels willen, sei vernünftig! Heutzutage kannst du
weder Serbe noch Kroate sein, wenn du nicht bereit bist, zumindest
dein Leben zu opfern, so dass es dir hinterher auch scheißegal
ist, was du warst. So Gott will wirst du ohnehin irgendwo deinen
verrückten Kopf verlieren, so dass du dann wenigstens nicht weit
zu gehen brauchst. Und du hast auch weniger Kosten."
"Weißt du was? Wenn ich darüber nachdenke, dann seid ihr
Kroaten wirklich verrückt. Besonders ihr Dalmatiner. Und du erst
recht."
"Und wer sagt mir das? Ein Angehöriger des vernünftigsten
Volkes auf diesem Planeten und darüber hinaus. Übrigens, was das
Fernsehen anbelangt, hatte ich nicht mitbekommen, dass sie das
aufnehmen, bis ich am Abend in der zweiten Tagesschau zu sehen
war. Bei Gott, die Beine haben mir versagt vor lauter Tapferkeit,
als ich mich in einem solch hypnotisierten Zustand erkannt habe.
Ich wusste, dass sich deine Genossen gleich danach um meine Gesundheit
sorgen werden und deshalb schlafe ich schon seit Tagen mit einer
Pistole unter dem Kopfkissen."
"Das ist die beste Art, einen Befreiungskrieg zu beginnen.
Und warum haltet ihr die Hand auf dem Herzen, während eure Hymne
spielt?"
"Keine Ahnung, so wie ich auch immer noch nicht weiß, wozu
die Hälfte der Scheiße gut war, die ich in dieser Armee mitmachen
musste."
"Auch das stimmt. Hör zu, Robi, alter Freund, was soll ich
dir sagen? Reiß dich zusammen und halte dich von den Kämpfen an
der Front fern. Lass nicht zu, dass sie dir irgendeinen verdammten
Rang anhängen, denn dann bist du fertig. Der Front entgehst du
dann nicht. Du bist für alle möglichen Drecksarbeiten ausgebildet
und so weißt du, was dich erwartet. Ach, noch etwas. Hör zu, ich
werde deine Personalakte im Kommando verschwinden lassen, aber
rette du dich wann immer du kannst vor allen Bekannten, die etwas
über dich wissen. Schließlich bist du schon längere Zeit Zivilist,
so dass sie dich wahrscheinlich in Ruhe lassen werden. Nur nicht
weich werden, mein Alter. Ich könnte stundenlang mit dir schwatzen,
aber ich muss jetzt gehen. Ich weiß nicht, irgendwie fühle ich
mich nach diesem Gespräch etwas leichter. Zumindest hat sich nichts
geändert. Du bist immer derselbe. Weißt du was? Ach, verdammt.
Es war schön, solange es gedauert hat. Ich gehe in den nächsten
Tagen fort und wenn wir voneinander nichts mehr hören sollten,
setzen wir das Gespräch in einem anderen Leben fort."
"Keine Sorge, alter Freund. Wir sind auf dem Balkan geboren,
da ist uns ein zweites Leben garantiert, da das erste nicht zählt.
Das ist nämlich schon im Voraus abgeschrieben. Gib Acht auf dich!"
"He! Wenn du schon den Balkan erwähnst: Ich höre, dass die
Deinigen, die jetzt an der Macht sind, behaupten, dass Kroatien
nicht auf dem Balkan sei. Wo ist es denn dann, Himmel Herrgott?"
"Oh lieber Sima, du hast ein doppeltes Problem. Einerseits
bist du Geheimagent, der diese Dinge aus dem Wesen deiner Tätigkeit
heraus nicht begreifen darf, und andererseits bist du Serbe, der
sie wegen der Natur der Dinge nicht begreifen kann. Gemeint ist
der feine Unterschied zwischen den politischen und geographischen
Begriffen, die du vielleicht erst in jenem zweiten Leben begreifen
wirst. Und frage mich jetzt nicht, ob ich es begriffen habe."
"Ha, ha! Ich werde dich nicht fragen, bin aber nicht sicher,
dass ich es in irgendeinem Leben begreifen werde. Sag Robi, glaubst
du an Gott? Ich meine, das mit dem zweiten Leben und so."
"Mensch, entspann dich und lauf zurück in die Kaserne. Was
bist du nur für eine Schande für die gesamte kommunistische Bewegung.
Wenn dich der verstorbene Jozo hören könnte, würde er sich in
seinem Grab in Dedinje umdrehen. Wo sind nur deine Ideale und
alles andere geblieben?"
"Zum Teufel mit den Idealen, schau nur, in was sie uns hineingeritten
haben. Wer hat denn auf dem Balkan noch irgendwelche Ideale? Hier
dauert alles nur von heute auf morgen, aber für die Ewigkeit?
Nein, mein Lieber! Manchmal dauert dieses ›von heute auf morgen‹
auch bis zu vierzig Jahren, aber schließlich geht immer alles
zum Teufel. Aber noch mal, glaubst du eigentlich an Gott oder
nicht? Ich frage dich allen Ernstes."
"Mein lieber Freund, obwohl du ein Geheimer und ein Serbe
bist, hast auch du offensichtlich schon begriffen, dass es im
Krieg keine Ungläubigen gibt."
"Ja, das habe ich mir auch gedacht. Aber jetzt muss ich wirklich
weg. Leb wohl, alter Freund."
"Leb wohl!"
Die Verbindung brach ab. Ich legte den Hörer auf und schaute leeren
Blickes auf das Telefon. Noch einer, der aus meinem Leben ging.
Würdevoll, zumindest mir gegenüber. Und gegenüber den anderen?
Aber wer war ich schon, um über andere zu urteilen. Und was sagte
er, dass ich mich nicht habe? Oh Gott! Er war sich wohl nicht
bewusst, wie sehr wir uns alle veränderten, wie sehr sich alles
um uns veränderte. Wie konnte man schon derselbe bleiben, wenn
sich die Welt um einen ständig wandelte? Man konnte gegenüber
der Umwelt so tun, indem man sich "selbst" spielte,
wie man es im Übrigen auch vorher tat, wobei man nur die Grimassen
und den Wortschatz an die neuen Verhältnissen anpassen musste.
Ein wenig übermalte man die Fassade, damit sie im Einklang mit
den Winden stand, die jetzt wehten, und das war's. Ich und derselbe!
Welcher denn? Wie war ich denn vorher und wie jetzt? Unglaublich,
wie wenig wir uns kannten und wie wir Jahr um Jahr mit jemandem
verbrachten, ohne eigentlich etwas über ihn zu wissen.
Einen Augenblick lang schien es mir wieder, dass sich die Menschen
überhaupt nicht änderten und dass wir alles, was wir bei ihnen
vorfanden, was uns überraschte und was wir nicht erwarteten, so
sehen mussten, als ob es schon immer in ihnen vorhanden war und
wir es nur aus irgendeinem Grund nicht wahrnehmen konnten. Sie
zeigten es nicht, wir konnten es nicht erkennen, es interessierte
uns nicht, ganz egal. Wie immer man es drehte, zuletzt ergab sich,
dass wir über niemanden etwas wussten. Angefangen bei uns selbst.
Stellt man das in den Kontext der Ereignisse, in denen wir leben,
kann man wirklich nur schwer sagen, ob wir Menschen uns überhaupt
verändern oder ob wir uns immer nur an die Verhältnisse anpassen,
in denen wir uns befinden. Und das geschieht zumeist unabhängig
vom eigenen Willen, denn jeder muss sich auf seine Weise zurecht
finden, wenn es keine vorgegebenen Verhaltensregeln gibt. Das
einzige Ziel besteht darin, bis morgen zu überleben. Und morgen
wachen wir dort auf (falls wir überhaupt aufwachen), wo wir auch
vorher schon waren, mit all diesen gewaltigen, objektiven gesellschaftlichen
Verhältnissen, die direkt über unser Schicksal entscheiden, worauf
wir natürlich auf keine Weise Einfluss nehmen können. Entweder
wir passen uns an oder nicht.
Es schien mir so, als müsse die anpassungsfähigste lebende Art
auf dem Balkan der Mensch sein, der hier geboren und aufgewachsen
war. Andere Angehörige der menschlichen Spezies passten sich dem
Balkan niemals an. Sie begriffen auch seine Menschen nicht, egal,
woher sie kamen. Zudem verstanden sie nicht die Kraft unserer
vielen historischen Wahrheiten, der noch zahlreicheren lebendigen
Mythen und aktuellen Irrtümer, die niemand mehr zählte und die
sich so ineinander verflochten, dass es schwer fiel, eine Grenze
zwischen ihnen zu ziehen. Genauer gesagt, war es unmöglich. Wir
wurden mit diesen Unwägbarkeiten geboren und lebten damit (ob
wir es wollten oder nicht), so dass uns ein Tag erschien, als
sei seit der Entstehung der Welt alles klar, während sich schon
am nächsten Tag etwas ereignete, was wir uns auch in unseren kühnsten
Gedanken nicht hätten vorstellen können. Und damit fing der ganze
Zyklus der Überlegungen wieder von vorne an.
Und wie sollte man es auch verstehen, wenn man einen Teil des
Lebens mit einer Wahrheit lebte, den zweiten Teil mit einem neuen
Mythus, den dritten mit einem noch neueren Irrtum fertig werden
musste und so das Leben vorüberging? Mit einer Hymne wurdest du
geboren, mit einer anderen lebtest du und nur Gott wusste, mit
welcher du sterben würdest. Und jetzt finde mir einen dieser fabelhaft
ambitionierten internationalen Genies, die dieser Tage auf dem
Balkan herumschwirren und uns lehren, dass es undemokratisch ist,
seinem Nachbarn die Kehle durchzuschneiden (als ob wir Schuld
daran wären, dass die anderen außer Reichweite waren und nicht
mit uns kämpfen wollten). Finde einen, der das verstehen kann.
Es gibt keinen. Du wirst auf dem ganzen Balkan keine zwei hier
geborenen Personen finden, die in diesen Dingen zumindest annähernd
denselben Standpunkt vertreten. Ohne Rücksicht darauf, welcher
Volksgruppe sie angehören. Und wenn sich die Standpunkte derart
unterscheiden, ist der Krieg nur eine logische Art und Weise,
um Politik zu führen, nicht wahr?
Verflucht, das alles ging zu weit. Wie die Dinge standen, konnte
ich mich in der Nacht zur Abwechslung wirklich betrinken, mir
meine alten Schallplatten anhören und mich an die Zeiten erinnern,
in denen ich mir über all dies nicht den Kopf zerbrochen habe.
Als ich über Dinge nachdachte, über die auch die übrige Welt nachdachte.
Über Frauen, Liebschaften, Vergnügungen und Freundschaften, von
denen es schien, dass sie so ewig dauern würden wie die Zeit der
Jugend, in der sie entstanden.
Mitternacht war schon vorüber, als ich feststellte, dass ich beinahe
die halbe Flasche "Napoleon" ausgetrunken und bereits
einen ziemlichen Dusel hatte. Als ich begann, Platten mit einheimischer
Musik aufzulegen, wusste ich, dass eine Krise im Anzug war. Ich
begann mit Oliver Dragojevia , fuhr mit verschiedenen anderen
dalmatinischen Troubadours fort und beendete meinen Musikgenuss
nach einigen Stunden mit Volksliedern. Natürlich hörte ich die
Musik mit einem Kopfhörer, denn in diesen Tagen wusste man nie,
ob nicht irgendein aufgeklärtes Genie von falscher Herkunft an
deiner Wohnung vorüberging, diese Musik hörte und zu schießen
begann. Zum Teufel mit einer Musik, die in unmittelbarer Nähe
von explosiven Effekten begleitet wird!
Gerade als ich den Kopfhörer abnahm, um eine neue Platte aufzulegen,
läutete es an der Eingangstür. Wer weiß, wie lange es schon läutet,
dachte ich, denn wenn ich den Kopfhörer auf den Ohren habe, könnten
sie die halbe Stadt Pula bombardieren und ich würde mit Rücksicht
auf die Lautstärke der Musik nichts hören. Bei dieser Gelegenheit
muss ich erwähnen, dass meine Eingangsglocke einen ausgesprochen
irritierenden Ton hatte, der sich als Folge einer Mutation von
einem normalen Klang in ein Rasseln ergeben hatte, das wiederum
die Folge meiner seinerzeitigen, nicht gerade übertrieben bewussten
Aktivitäten war. Zumindest soweit ich mich erinnern konnte. Vor
mehreren Jahren zerlegte ich nämlich die Glocke in einem Anflug
von Leidenschaft mit einem unkontrollierten Schlag in ihre Einzelteile.
Am nächsten Morgen, als die Leidenschaft und der Katzenjammer
verflogen waren, begann ich, die in der Wohnung verstreuten Teile
wieder zusammenzuflicken. Seither versuchte die nur unzulänglich
zusammengesetzte Glocke zu läuten (soweit man dieses Geräusch
überhaupt noch mit diesem Verb bezeichnen konnte), wobei sie jedes
Mal zu verstehen gab, dass sie im Sterben lag und dies einer ihrer
letzten Versuche war, mir zu sagen, dass sie keine Schuld an dem
unglücklichen Schlag trug und noch weniger an dem, was ihm vorhergegangen
war. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund war diese Glocke weiterhin
in Betrieb, obwohl ich längst eine neue gekauft habe, die nur
darauf wartete, montiert zu werden. Ich konnte es nicht. Die ganze
Zeit über wartete ich darauf, dass die alte Glocke selbst in Gottes
Frieden dahinscheiden sollte, vermutlich nur, um mein Gewissen
zu beruhigen. Sie wollte aber nicht. Ich wusste, dass sie nicht
wollte.
Ich eilte rasch ins Zimmer um die Pistole zu holen, repetierte
sie und ging zur Eingangstür. Etwas auf der Seite stehend fragte
ich, wer da sei.
"Ich bin's, Aca, mach auf, zum Teufel! Ich läute schon eine
halbe Stunde. Bist du taub?"
"Aco, du bist es?"
"Nein, mein toter Großvater. Mach endlich die Tür auf."
Tausend Gedanken schossen mir in diesem Augenblick durch den Kopf,
in dem es von dem Drink und der zu lauten Musik ohnehin schon
heftig läutete (sobald ich den Kopfhörer aufsetzte, drehte ich
nämlich immer auf "maximum"). Was machte jetzt Aca an
meiner Tür, mitten in der Nacht? Schickten "sie" ihn
und war noch jemand bei ihm, um mir den Rest zu geben? Soll ich
ihn fragen, ob er allein ist? Verdammt, wie kann ich Aca fragen,
ob er alleine ist? Wenn ich ihm nicht glauben kann, wem dann?
Aber warum kommt er gerade jetzt, wo ich seit Monaten nichts von
ihm gehört habe? Hol's der Teufel, wenn ich schon umkomme, dann
poetisch, durch meinen Paten, mit dem ich das halbe Leben gemeinsam
verbracht habe, dachte ich. Ich hatte wirklich den Verstand verloren.
Zuerst sperrte ich eines der beiden Türschlösser auf, jenes alte,
und begann dann, das zweite Sicherheitsschloss aufzusperren, das
ich vor einigen Monaten auf Zureden von Freunden eingebaut hatte.
Das war wiederum so kompliziert, dass mir immer erst beim dritten
oder vierten Versuch gelang, so dass ich bereits einige Male,
meist in den frühen Morgenstunden, in denen ich aus für diese
Zeit verständlichen Gründen recht zerfahren war, auch schon mal
Lust bekam, zur Pistole zu greifen, um es zu demontieren. Noch
hatte ich es nicht getan. Aber es war Gott sei Dank noch Zeit,
mich seiner zu entledigen. Schließlich schaffte ich es, auch dieses
Schloss aufzusperren und die Tür zu öffnen.
Vor der Tür standen Aca und Boris, beide vom Regen durchnässt,
die mich ansahen wie … Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben
soll, damit es nicht ekelhaft pathetisch klingt. Auch fiel es
schwer, Aca und einen größeren Bären aus der Lika in der Dunkelheit
auf zehn Meter Entfernung zu unterscheiden. Wahrscheinlich wegen
seiner aus der Lika stammenden Eltern, die nach dem Zweiten Weltkrieg
in die Wojwodina übergesiedelt waren. Aca flog geradezu durch
die Tür in meine Arme, drückte mich an sich (hier gilt der Vergleich
mit einem Bären) und schüttelte mit den Händen meinen Rücken.
Boris stand beiseite und wartete. Er ist kleiner, ihn werde ich
leichter überleben, dachte ich, wenn ich nur dieses Mammut irgendwie
loswerde. Dasselbe Zeremoniell wiederholte sich sodann mit Boris.
"Wo bist du denn um Himmels willen?", dröhnte Aca mit
seiner Baritonstimme.
"Hier, Mensch, wo ich immer bin. Aber wo bist du? Seit Monaten
versuche ich dich zu erreichen. Lebst du überhaupt noch?"
"Natürlich lebe ich, was denn sonst. Du kannst dich deines
Paten nicht so einfach entledigen."
"Was ist denn das?", fragte er, indem er verwundert
auf die Hebel des zweiten Sicherheitsschlosses blickte, die sich
entlang der gesamten Tür hinzogen. "Verdammt, du hast aus
deiner Wohnung eine Festung gemacht. Ha, ha, ha! Das ist eine
gute Sache. Jeder der kommt, um dich zu erledigen, wird aufgeben,
während du noch aufsperrst. Welcher Dummkopf hat dir das eingeredet?"
"Ich sehe, dass all dieses Gesöff dein Wahrnehmungsvermögen
nicht beeinträchtigt hat", entgegnete ich lachend auf seine
Bemerkungen bezüglich des Schlosses.
"Wenn wir schon bei den Drinks sind, was hast du mir anzubieten?",
fragte er. "Ich bin so trocken wie Pulver und du weißt, dass
ich in einem solchen Zustand nicht besonders gut dastehe."
"Einen ›Napoleon‹, dort auf dem Tisch."
"Oha, sind wir jetzt schon Franzosen? Das klingt gut."
Aca ging in die Küche, nahm zwei Gläser für sich und Boris und
kehrte zum Tisch zurück. Heimlich versteckte ich die Pistole in
der Lade der Kommode, die sich neben der Tür befand, damit sie
sie nicht sehen konnten und ging dann zum Tisch. Boris stand noch
immer beiseite und schwieg. Er war unnatürlich blass und es sah
so aus, als würde er jeden Augenblick zu weinen beginnen.
"Was hast du denn, was stehst du da wie gelähmt?", fragte
ich ihn.
"Nichts", antwortete er.
"Sie haben uns beinahe erledigt, wie wir über die Kasernenmauer
getürmt sind", meldete sich Aca zu Wort. "Diese verrückten
Spezialpolizisten. Der Kleine hat sich vor Angst beinahe in die
Hosen gemacht."
"Ich soll in die Hosen gemacht haben?", zischte Boris
und setzte sich schließlich auch an den Tisch, wo Aca sein Gläschen
bereits geleert hatte. "Du hast auf der Mauer wie ein verwundetes
Raubtier geheult und nicht ich. Man hat dich sicher bis zur Arena
gehört, so hast du gebrüllt, wie sollten es dann nicht diese Narren
am Kasernentor hören, nur hundert Meter weiter."
"Natürlich, du Idiot, weil ich mit den Eiern am Stacheldraht
auf der Mauer hängen geblieben bin, während du mich von der anderen
Seite der Mauer wie verrückt an meinen Füßen hinunter gezerrt
hast", erwidert Aca. "Stell dir diese serbische Tragödie
vor. Ich hänge am Stacheldraht, das linke Ei halb durchlöchert,
während die serbischen Brüder auf mich schießen, alles nur, weil
ich meinen kroatischen Freund sehen will und dieser jugoslawische
Idiot hier fasst mich an den Füßen und zieht und zieht. Und schreit,
dass ich hinunterspringen soll, als ob es mein innigster Wunsch
wäre, bis zum Ende meines Lebens auf der Mauer hängen zu bleiben.
Und wie kann ich hinunterspringen, bevor ich mich nicht vom Stacheldraht
losmache? Und wie soll ich mich losmachen, wenn mich dieser Dummkopf
hinunter zieht und nicht loslässt? Und je stärker er an mir zieht,
desto lauter brülle ich aus tiefster Seele, natürlich vor Schmerz,
verfluche seine Mutter und die übrige Verwandtschaft dieses Kretins,
was in einer solchen Situation wohl menschlich und verständlich
ist. Ich schreie, dass er meinen Fuß loslassen soll, aber alles
umsonst. Er zieht weiterhin wie ein Zugpferd."
"Um Gottes Willen, und wie ist diese serbische Tragödie ausgegangen?",
frage ich.
"Sehr schön", antwortet Aca. "Die Hosen zerrissen,
das halbe Bein aufgeschlitzt, Blut bis zur großen Zehe und das
Ei habe ich mir noch nicht angeschaut. Hoffentlich ist davon noch
etwas übrig geblieben. Von der Kaserne bis hierher bin ich nur
mit gespreizten Beinen gegangen."
"Wegen der dreißig Kilos, die du zu viel hast, habe ich beinahe
ins Gras gebissen", bemerkte Boris fast bösartig. Er hatte
das erste Gläschen schon ausgetrunken und schenkte sich gerade
ein zweites ein. "Und was deinen Gang anbelangt, war dank
deiner angeborenen Eleganz kein besonderer Unterschied zu bemerken."
"Halte du nur das Maul. Von dir habe ich in all diesen Monaten
sowieso genug", murmelte Aca zwischen den Zähnen.
"Also gut, lass sehen, was du alles am Stacheldraht zurückgelassen
hast und was du noch mitgebracht hast", sagte ich zu Aca.
Aca stand auf und zeigte seine Beine. Das linke Hosenbein war
tatsächlich zerrissen und überall auf der Hose waren Blutspuren
zu sehen. Im ersten Augenblick dachte ich, dass es sich eigentlich
nur um einen Scherz handelte und er alles zumindest nur ein wenig
für diesen Anlass aufgebauscht hatte, um mich aufzuheitern, wie
er das ansonsten auch immer tat, da er alles im Leben mit einer
Dosis gesunden Humors aufnahm und die Wirklichkeit immer so glättete,
dass sie für ihn und andere irgendwie akzeptabel wurde. Seine
Lebensdevise lautete, dass niemals etwas so schlecht war, dass
es nicht auch noch ärger sein konnte, und man in jedem Falle "das
Leben so nehmen musste wie es war". Deshalb wurde er auch
von allen akzeptiert, auch von mir in den ersten Tagen des Jahres
1974, als wir uns zum ersten Mal in der Militärschule in Split
begegneten. Nach den blutigen Spuren zu urteilen, hatte es ihn
diesmal jedoch wirklich erwischt.
"Komm, geben wir etwas Alkohol darauf, damit sich die Wunden
nicht infizieren."
"Ach lass das, wir sind nur gekommen um uns zu verabschieden,
bevor wir abhauen."
"Red keinen Blödsinn. Komm her. Ich habe irgendeinen hausgemachten
Schnaps, den du dir auf die Stelle schütten kannst, wo du dich
verletzt hast."
Ich zog Aca aus dem Wohnzimmer (welches zugleich auch das Vorzimmer
war) in die Küche, wo ich eine Flasche mit diesem Schnaps hatte,
den ich einmal weiß Gott von wem bekommen hatte. Aca zog die Hosen
aus, öffnete die Flasche, leerte den Schnaps in die Hand und schüttete
ihn auf die Wunde. Die Wirkung trat augenblicklich ein und war
verheerend. Er begann buchstäblich in der Küche herumzuspringen,
wobei ihm vor Schmerz die Tränen herunter liefen.
"Hol dich der Teufel!", brüllte er. "Woher hast
du das? Damit könnte man nicht einmal die Fenster ohne Schutzhandschuhe
waschen. Und du willst einen verstümmelten Deserteur damit kurieren?
Du bist wirklich nicht normal. Ich wusste ja, dass ich heute draufgehen
würde, aber jetzt und durch den verdammten Schnaps? Auuu! Zum
Teufel, wie das brennt. Auuu!"
"Was ist los, du großer Held?", rief Boris aus dem Wohnzimmer.
"Drei Tage redest du mir schon zu, hierher zu kommen und
dass wir es schon irgendwie schaffen werden und jetzt heulst du
hier von ein bisschen Schnaps."
"Hör zu, Kleiner", konterte Aca. "Wenn du deine
freche Zunge nicht im Zaum hältst, werde ich sie dir mit diesem
Schnaps so massieren, dass du sie später als Flammenwerfer verwenden
kannst, was uns vielleicht bei der Rückkehr ganz nützlich sein
kann."
"Was, ihr wollt zurück?", fragte ich, obwohl mir sogleich
klar war, dass sie in dieser Nacht nur wegen mir aus der Kaserne
getürmt waren, um mich noch einmal zu sehen. "Warum seid
ihr nicht ganz abgehauen, für immer?"
"Was heißt für immer?", antwortete Aca, der die Hand
noch immer auf die Stelle zwischen den Beinen hielt, wohin er
den meisten Schnaps geschüttet hatte. "Wir sind nur weggelaufen,
um uns von dir zu verabschieden, koste es was es wolle. Morgen
laufen wir in die Bucht von Kotor aus. Es ist soweit, wir gehen
endgültig. Was sein muss, muss sein."
"Aber wie wollt ihr denn in die Kaserne zurück?", fragte
ich. "Jetzt, wo eure Genossen sehen, dass ihr nicht da seid,
werden sie Alarm schlagen. Und was werdet ihr dann machen?"
"Den Teufel werden sie sehen", antwortete Aca und versuchte
zu lachen. Offenbar begann die erste Wirkung des Schnapses nachzulassen.
"Diese Idioten schießen in der Nacht auf jedes Geräusch.
Sogar die Mäuse trauen sich nachts nicht mehr, im Kreis der Kaserne
herumzuspazieren. Wo immer sich etwas bewegt, drücken die Brüder
gleich ab und berichten morgens, dass uns die Ustaschi von allen
Seiten angegriffen haben. Hol' sie der Teufel, Militär bleibt
Militär. Glaubst du wirklich, dass die eine Ahnung haben, dass
wir weg sind? Ganz bestimmt nicht."
"Es hat aber jemand auf euch geschossen?" fragte ich
neugierig.
"Woher soll ich das wissen?", antwortete Aca in einem
Tonfall, der mehr seiner üblichen nonchalanten Redensart (oder
wojwodinisch, wie er zu sagen pflegte) ähnelte, mit Rücksicht
darauf, dass er sich inzwischen vom ersten Schock der Schnapskur
erholt hatte. "Alle schießen sie, vor allem nachts, und wer
weiß schon, wer den Finger am Drücker hat?"
"Diese Idioten machen ja nur Scheiße", bemerkte Boris.
"Sie schießen jede Nacht, nur um uns zu erschrecken. Als
ob es rund um uns herum nur Ustaschi gibt, die darauf warten,
dass wir den Kopf herausstrecken, um uns dann abzuschlachten.
So ist das und nicht anders."
"Trotzdem hast du dich von der Kaserne bis hierher angeschissen",
lachte Aca. "Oh Mensch, seine Augen waren wie Wassermelonen.
Er hat nur um sich geschaut und gequiekt."
"Es ist einem eben nicht alles egal", antwortete Boris
etwas beleidigt. "Was weiß ich, welche Dummköpfe jetzt herumlaufen
und was ihnen alles durch den Kopf geht. Wir mussten in Uniform
flüchten und haben dann hinter einem Gebüsch bei der Mauer Zivilsachen
angezogen. Nachher war es dann leichter."
"Und wie war das, als wir dann diesen drei Typen begegnet
sind ?", fragte Aca. "Guten Abend, Burschen, wie geht's
so? Wobei du ihnen noch einen istrischen Dialekt vorgespielt hast.
Zum Teufel, du kannst nicht einmal Serbisch, geschweige den Istrisch."
"Was bist du doch für ein Trottel!", antwortet Boris
grob. "Was hätte ich ihnen denn sagen sollen? Dass ich Offizier
in der Volksarmee bin, der mit einem ebensolchen Idioten gerade
aus der Kaserne getürmt ist, um frische Luft zu schnappen, nicht
wahr! Ihr aus der Wojwodina seid doch wirklich völlig irre, wahrscheinlich
wegen der großen Ebenen und der Monotonie. Ihr fallt gleich nach
der Geburt in ein Nirwana und den Rest des Lebens verbringt ihr
in Glückseligkeit. Aber was soll's. Robi, hast du hier eine Schallplatte
mit dem Ru_ica-Lied, die ich mir anhören kann?"
"Geh doch zum Teufel, du und deine Ru_ica . Letztens hat
sich dieser Idiot betrunken und am Abend eine Kassette mit diesem
Lied abgespielt. Kannst du dir vorstellen, was los war, als mitten
in der Kaserne ›O Ruz, letzte kroatische Ruz‹ ertönte? Diese Idioten
sind gleich alle herausgestürzt, während Boris, betrunken wie
ein Fass, den Kassettenspieler festgehalten und wie ein Wasserfall
geweint hat. Nur mit Mühe habe ich ihn da herausgeholt. Ich musste
den Genossen seinen Geburtsschein zeigen, damit sie sehen, dass
seine Mutter Ru_a heißt und er wegen ihr weint, weil er gehört
hat, dass sie schwer erkrankt ist. Sonst wäre er zusammen mit
seiner Ru_a in der Scheiße gelandet. Stell dir vor, was passiert
wäre, wenn die Alte nicht wirklich Ru_a geheißen hätte! Nicht
einmal der liebe Gott hätte ihn noch retten können. So betrunken
wie er war hat er noch dazu angefangen, etwas über dich zu plappern,
über Freundschaft und Brüderlichkeit. Was soll ich dir sagen?
Eine Scheißgeschichte, die bis zum Himmel stinkt."
"Und du hast nicht geweint, nicht wahr?", erwiderte
Boris.
"Ja, schon, aber erst wie alle weg waren", antwortete
Aca. "Du Idiot, die haben doch von nichts eine Ahnung und
haben dich mit diesen Geschichten über die Ustaschi vollgestopft.
Die schauen nur, wen sie umbringen können. Am liebsten sind ihnen
die eigenen Verräter."
"Und du? Du hast dich nachher doch selber umbringen wollen",
fuhr Boris fort.
"Wegen dir, du Idiot! Wenn ich mich wegen mir hätte umbringen
wollen, hätte ich das längst getan und nicht auf diese beschissenen
Zeiten gewartet", antwortete ihm Aca grob. "Hol's der
Teufel, in aller Frühe, so im Zustand zwischen Himmel und Erde,
ich hab nicht einmal gewusst wie ich heiße, so voll war ich",
setzte Aca zerknirscht fort, als würde er etwas erzählen, wofür
er sich schämt. "Und dieser mein Jugo-Trottel wirbelt ständig
die Pistole in der Hand und langweilt mich damit, dass es am ehrlichsten
wäre, wenn wir uns erschießen und damit alles erledigen. Nonstop
lag er mir in den Ohren, dass wir ohne unser Land, ohne Freunde
und ohne Leben geblieben sind und nicht einmal in die Stadt gehen
können, um dich zu sehen oder um sich mit dieser blöden Gans zu
treffen, in die er sich vor dieser Scheiße verknallt hat. Oh Mann,
alle glotzen in dieses Scheiße von Fernsehen, überall wird geschossen
und er schmachtet nach einer Biene dort oben in Stoja , gegen
die seine andere Liebe aus Umag eine richtige Prämie ist. Du weißt
schon, diejenige, wegen der wir nachts nicht spazieren gehen durften,
um ihr nicht zu begegnen, aus Angst, dass uns das Herz stehen
bleibt. Hauptsächlich deswegen wurde mir schwarz vor den Augen
und als dieser Kretin zum hundertsten Mal seine Flamme aus Stoja
erwähnte, nahm ich seine Pistole und sagte mir, dass es genug
ist. Zum Teufel mit so einem Leben. Ich konnte es einfach nicht
mehr hören."
"Und was war dann?", fragte ich, da Aca eine Pause einlegte.
"Nichts", antwortete Boris. "Ich habe ihm die Pistole
weggenommen und dann haben wir zu zweit die ganze Nacht weitergesoffen
und geweint. Am nächsten Tag haben wir dann nur geschlafen und
uns am Abend wieder betrunken. Am nächsten Tag wieder dasselbe
… Soll ich weitererzählen?"
"Nein, danke, ich habe begriffen", antwortete ich. "Seit
wann seid ihr wieder nüchtern?"
"Seit vorgestern", entgegnete Aca ruhig. "Wir mussten
ja die Flucht aus der Kaserne planen und uns ein bisschen zurechtmachen.
Wir haben auch Acht gegeben, wie sich diese neuen Heldentypen
aus Serbien benehmen und wohin sie gehen. Dabei sind wir drauf
gekommen, dass sie sich vor Angst zehn Mal mehr anscheißen als
wir. Und dann sucht dieser Jugo-Stratege Boris die angeblich leichteste
Stelle zum Ausbrechen auf der Mauer aus und jetzt siehst du ja
wie es uns ergangen ist."
Boris hatte inzwischen die gesuchte Platte gefunden und spielte
das Lied der Ru_a ab.
"He, du Stratege! Fang nur nicht wieder zu weinen an",
sagte Aca zu Boris.
"Leck mich doch am Arsch!", entgegnete Boris.
"So was nennt man häusliche Erziehung auf serbische Art,
aus der Abteilung Belgrad", kommentierte Aca ruhig. "Lass
ihn jetzt! Wir sind ja gekommen, um uns zu verabschieden. Ich
habe mit diesem Idioten ausgemacht, dass es keinen politischen
Scheißkram und keine Überredungskünste geben soll, das alles haben
wir schon vor einem Monat durchgespielt, als wir uns zum letzten
Mal gesehen haben. Das ist dieses verdammte Leben auf dem Balkan,
es kommt schließlich die Zeit, wo jeder seinen eigenen Weg gehen
muss. Was soll's? Wir wollen uns nur wie Menschen verabschieden,
als Freunde und als Paten, die das halbe Leben miteinander verbracht
haben. Hol der Teufel alle Armeen, Staaten, Nationen, hier sind
nur wir und unsere letzten gemeinsamen fünfzehn Jahre. Es schert
mich einen Dreck, ob du ein Kroate, Eskimo oder Franzose bist,
du bist mein Freund und Pate, mit dem ich die schönsten Jahre
meines Lebens verbracht habe und ich möchte mich von dir als Mensch
verabschieden und dir vor meinem Weggang ins Gesicht sagen: ›Mann,
ich mag dich, du bist mir der liebste Freund auf der Welt und
ich werde dich nie vergessen‹. Und wenn es einen Gott gibt, muss
diese Scheiße aufhören, damit wir uns als Freunde und Paten wiedersehen
können und nicht als Angehörige dieser oder jener Nation. Also
lass uns darauf anstoßen, wie Menschen. Einverstanden?"
"Einverstanden!", kam es über meine Lippen, während
sich mir die Kehle zuschnürte. Ich trank den Cognac bis auf den
letzten Tropfen aus, um nicht in Tränen auszubrechen. "Also
einverstanden, obwohl …"
"Obwohl du sagen willst, dass es ein Fehler ist und ich hier
bleiben sollte und so weiter. Nicht wieder von Anfang an, ich
bitte dich! Du weißt, dass meine Ehe schon in Brüche gegangen
ist, bevor ich sie eingegangen bin, und dass diese Hure voriges
Jahr mit meinem Kind aus Kroatien weggegangen ist, dass meine
alten und kranken Eltern allein in der Wojwodina sind und dass
mich hier zumindest einige Lichtjahre niemand mehr sehen will.
Wenn es doch einer tun sollte, darf er das nicht zeigen, da er
dann selbst Unannehmlichkeiten erleben dürfte, was dann dieselbe
Scheiße ist. Wer würde mir denn hier eine Anstellung bieten, wenn
ich ihm sage, wie ich heiße? Wovon soll ich leben? Hier würde
ich eher die Staatsbürgerschaft erhalten, wenn ich mit einem UFO
gekommen wäre, als aus Serbien. Verdammt, aber das ist die Wirklichkeit.
Dieser arme Teufel", er sah dabei Boris an. "Was soll
denn er tun? Er ist erst zwei, drei Jahre hier, ohne Wohnung,
ohne Arbeit, ohne etwas. Hier gibt es keine Wahl, die Frage lautet
nur, wie viel Flaschen man braucht, um damit fertig zu werden."
"Wenn dein Maß die Flaschen sind, wirst du damit bis zu deinem
Tod nicht fertig werden", meldete sich Boris zu Wort, der
dieselbe Geschichte nun schon zum drittenmal von sich gab.
"Dieser Kleine ist völlig durchgedreht, seit du nicht mehr
beim Militär bist", murmelte Aca. "In den letzten drei
Monaten ist er um dreißig Jahre älter geworden. Sogar mein verstorbener
Großvater Marko hatte mehr Lust zum Leben als er."
"Dein Großvater hatte auch keinen serbischen Vornamen",
bemerkte Boris.
"Siehst du", sah mich Aca an. "Der Kleine ist zu
einer Giftbombe auf zwei Beinen geworden. Diese Tschetniks , die
gekommen sind, um uns zu behüten, werden ihn umbringen. Alle nennen
ihn schon Jugowitsch."
"Ich scheiß' auf sie", antwortete Boris. "Die Tschetniks
haben schon meinen Großvater im Zweiten Weltkrieg abgeschlachtet,
also warum sollten sie mich jetzt mögen?"
"He, he", unterbrach ich ihn. "Freunde, ich habe
da noch ein oder zwei Flaschen Cognac, die irgendeine Weibsperson
vor ein paar Monaten mitgebracht hat. Ein billiger Einkauf."
"Siehst du, du Idiot", sagte Aca zu Boris. "Solche
Weiber musst du finden und nicht solche wie dieses Monstrum aus
Stoja."
"Jetzt ist es wirklich genug!", unterbrach ich sie wieder,
da ich sah, wie Boris beabsichtigte, ihm im gleichen Stil zu antworten.
"Du, Boris, du hast schon immer den Diskjockey bei mir gespielt,
also kannst du ihn auch jetzt machen. Fickt doch alle Tschetniks,
Weiber, Monstren und sonstigen Erdenbürger. Lasst uns jetzt Musik
hören, trinken und von den alten Tagen erzählen. Übrigens, Aca,
wenn wir schon bei den alten Tagen sind, erinnerst du dich noch
an Toni? Gerade bevor ihr gekommen seid, habe ich an ihn gedacht,
in letzter Zeit erinnere ich mich oft an ihn."
"Ich auch", antwortete Aca mit leiser Stimme. "Oft
denke ich, dass er als Einziger rechtzeitig abgehauen ist, als
es noch einen Sinn hatte. Im Leben ist es am wichtigsten, rechtzeitig
abzuhauen. Jetzt kann man nicht mehr weggehen, sondern nur noch
türmen. Nicht einmal umbringen können wir uns mehr, ohne dass
es jemand von denen bemerkt. Scheiße! Wir zwei haben mehr um Toni
geweint, als alle zusammen um uns weinen werden, falls wir in
diesem verfluchten Krieg ins Gras beißen. Statistik, wie es unsere
verrückten Generäle ausdrücken. Wenn einer umkommt, ist es eine
Nachricht, wenn aber einhunderttausend umkommen, dann ist es Statistik.
Toni war eine Nachricht, während wir Statistik sein werden. Eine
verdammte balkanische Statistik."
"Dieser Idiot hat uns schon begraben", sagte Boris.
"Robi wird überleben, weil er nicht so verrückt ist, noch
einmal eine Uniform anzuziehen, nachdem er sie rechtzeitig losgeworden
ist. Und ich ebenfalls. Sobald ich nach Montenegro komme, fahre
ich weiter nach Serbien, um meine kranke Mutter in Belgrad besuchen.
Und dann ab über die Grenze. Ich habe noch irgendeine Verbindung
von früher her, eine Verwandtschaft in Deutschland. Denjenigen,
die Krieg führen wollen, wünsche ich viel Glück. Ich für meinen
Teil werde auf niemanden schießen. Es ist mir scheißegal, ich
habe diesen Staat nicht geschaffen, also werde ich auch nicht
mithelfen, ihn zu retten. Und du", wandte er sich an Aca,
"du wirst garantiert draufgehen. Ohne Kugel wahrscheinlich.
Scheiße, wie kann schon jemand mit so viel Kilos und einer solchen
Geschicklichkeit irgendeinen Krieg überleben?"
"Ich bring ihn um, wahrhaftig", murmelte Aca und sah
Boris scheel an.
"Lass ihn in Ruhe!", sagte ich. "Was ist mit den
anderen, die auf den Schiffen geblieben sind?"
"Wer ist denn schon geblieben?", antwortete Aca. "Alle
sind abgehauen. Morgen kommt ein Schleppschiff aus Kotor, um uns
abzuschleppen, da wir nicht genügend Leute haben, um selbst zu
fahren. Die Älteren sind alle geflüchtet, sie haben hier ihre
Familie, das ganze Leben waren sie in Pula. In Serbien kennt sie
niemand mehr und wohin sollen sie dann? Alle sind sie aus der
Kaserne abgehauen. Deine Kroaten haben sich schon früher aus dem
Staub gemacht. Von uns sind nur ein paar verpfuschte Fälle geblieben,
die nicht wissen, wohin sie sollen und alle überlegen wir, wie
wir die Uniform ablegen können, sobald wir nach Kotor kommen.
Oh Mann, wer will denn schon kämpfen? Auf wen soll ich denn schießen,
verdammt noch mal! Auf Menschen, mit denen ich das halbe Leben
verbracht habe? Andererseits, sage ich zu diesem jungen Quatschkopf,
wenn wir sehen, dass es kritisch wird, ist es besser, bei der
Marine zu bleiben und Affen auf den Schiffen zu spielen bis der
Krieg vorüber ist, als das Weite zu suchen und uns erwischen zu
lassen, damit sie uns wieder mobilisieren und an die Front schicken,
wo wir erst recht in die Scheiße kommen würden. Man muss schlau
sein! Wenn wir nach Montenegro kommen, werden wir sehen, wie die
Dinge stehen. Sajo hat sich selbst umgebracht, das weißt du ja."
"Safet?", fragte ich verwundert. "Wann? Wie? Ich
habe keine Ahnung!"
"Du weißt es nicht? Zum Teufel, wie hättest du es auch wissen
sollen. Nun, eines Nachts haben wir uns arg betrunken und er ist
in seine Kabine gegangen, hat das Band mit dem Lied ›Klappere
nicht mit den Pantoffeln‹ abgespielt, als irgend so ein Idiot
von diesen Neuen gekommen ist und gesagt hat, er solle doch nach
Bosnien gehen und dort dieses Lied spielen oder so etwas Ähnliches.
Daraufhin hat Safet die Pistole gezogen, sie ihm an die Stirn
gesetzt und ihn gezwungen, sich das Lied zweimal nacheinander
anzuhören und mit ihm zu singen. Der Typ hat sich fast angeschissen.
Und dann kamen wir dazu und sagten Sajo, er solle sich beruhigen.
Er aber spielt das Band zum dritten Mal ab und an der Stelle,
wo die alte Mutter erwähnt wird, richtet er die Pistole gegen
sich und schießt sich in den Kopf. Schrecklich! Überall Blut und
wir im Schock. Scheiße. Am nächsten Tag haben sie ihn zusammengepackt
und weggeschafft. Ich weiß nicht einmal, wohin."
"Armer Sajo", brachte ich kaum über die Lippen. Ich
kannte diesen Mann gut. Ein Mittvierziger, der ein bisschen mehr
trank als er sollte, ein lustiger Kerl mit einigen Problemen in
der Ehe. Déja vu. Er tat mir wirklich Leid. Ich mochte ihn irgendwie.
Ich stand ihm nicht besonders nahe, immerhin gehörten wir verschiedenen
Generationen an, jedoch kannten wir uns seit Jahren und arbeiteten
zusammen. Was für ein armer Mensch!
"Was wirst du tun?", unterbrach mich Aca. Er hatte sich
anscheinend mit dem Schicksal von Sajo schon abgefunden und maß
dem keine große Bedeutung bei. "Haben dich die Deinigen schon
aufgespürt?"
"Bisher nicht", antwortete ich. "Ich weiß nicht,
was ich dir sagen soll."
"Lassen wir das", wandte Aca rasch ein, offenbar wollte
er dieses Thema nicht ausweiten. "Was sein muss, muss sein.
Schenk mir was von diesem Gesöff ein, du Dummkopf!", rief
er Boris zu. "Oh Mann, dieser Schwamm saugt in letzter Zeit
den Alkohol mit Lichtgeschwindigkeit auf. Wenn er so weiter macht,
wird er noch fliegen können, da sich seine Leber so erweitert
hat, dass sie ihm als Flügel dienen kann. Wenn du nicht Acht gibst,
hast du keine Chance, neben ihm nüchtern zu bleiben. So ein Arschloch!
Weißt du was, Robi, den ganzen lieben Tag lang denke ich nach,
was ich dir heute Abend alles sagen werde und jetzt habe ich nichts
zu sagen. Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll."
"Versuche doch einfach, deinen Mund zu halten", sagte
Boris.
"Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll", fuhr
Aca fort, indem er die Bemerkung von Boris ignorierte. "Wahrscheinlich
haben wir uns in all diesen Jahren alles gesagt. Nun, dann Prost
…"
Es war gegen vier Uhr früh als wir schließlich auch die dritte
und letzte Flasche ausgetrunken hatten (ich tröstete mich damit,
dass es nur 0,7-Literflaschen waren, so dass es mir nicht so schrecklich
vorkam; schließlich und endlich hatte ich selten die Gelegenheit,
mich neben diesen beiden auszuzeichnen). Da es keinen Cognac mehr
gab, wollte Boris nun zu dem Schnaps übergehen, mit dem sich Aca
desinfiziert hatte, was dieser, durch Erfahrung klug geworden,
indigniert ablehnte, wobei er behauptete, dass er kein Kriegsverbrecher
sei, um so bestraft zu werden und sich außerdem nicht so gefährdet
fühle, um dieses Gift zu trinken zu müssen.
Aca und ich tauschten noch stundenlang unsere Erlebnisse aus der
Vergangenheit aus. Boris nahm an unserem Gespräch nicht teil (er
war seinerzeit ohnehin nicht mit uns auf dem Schiff gewesen),
setzte den Kopfhörer auf und hörte sich wahrscheinlich zum einhundertsten
Mal dieselbe Rock- oder Pop-Band mit seiner "Ru_ica"
an, wobei er das Gesicht dem Fenster zuwandte, so dass ich nicht
sah, ob er dabei weinte oder nicht. Aca aber flüsterte mir einige
Male zu, ich möge ihn in Ruhe weinen lassen, denn wer wusste,
wann er das je wieder hören würde. Vielleicht nie wieder, weil
er eines Morgens alle seine Kassetten ins Meer geworfen hatte,
darunter auch jene mit diesem Lied. Und weiß Gott, was ihn in
Zukunft erwartete, da er doch keine so feste Bindung zur Marine
hatte wie Aca und er auf Grund seines Vertrages überallhin versetzt
werden konnte.
Boris vergötterte seine Mutter wirklich, eine Dalmatinerin, die
sich während eines schwülen Sommers seinem Vater an den Hals geworfen
hat, der mit ihr anschließend nach Belgrad ging und sie dort mit
zwei minderjährigen Kindern sitzen ließ. Mutter Ru_a hat ihn und
seinen jüngeren Bruder dann aufgezogen, wobei sie Tag und Nacht
in irgendeiner Firma in Belgrad arbeitete. Als dieses Lied veröffentlicht
wurde, hat er sich buchstäblich vom ersten Tag an nicht mehr davon
getrennt. Und zwar wirklich nur wegen seiner Mutter Ru_a, aber
wie sollte man das heute so einem blöden Spezialpolizisten aus
Niš erklären, der erst vor einigen Tagen nach Pula gekommen war.
Und da er von Natur aus starrköpfig und jähzornig war, konnte
ich mir leicht vorstellen, in welche Miseren er deswegen geraten
konnte. Oder wie Aca es ausdrückte, dass diese Dummköpfe aus Niš
nicht begriffen, warum er dieses Lied immer wieder hören müsse,
selbst wenn es ihn den Kopf kostete. Da auch ich selbst ein Kind
geschiedener Eltern war, hatte ich für Boris großes Verständnis,
so dass uns bald eine starke Freundschaft verband, gefestigt durch
gemeinsame Nächte, Zechtouren, Weibergeschichten und vor allem
durch gegenseitige Sympathie.
Die meisten Belgrader (zumindest diejenigen, die ich kenne, und
deren gibt es nicht wenige) haben eine Schwäche für die Dalmatiner.
Aus unerklärlichen Gründen lieben sie die Dalmatiner, vermutlich
wegen deren Temperament, der mediterranen Verrücktheit und Unberechenbarkeit,
und wer weiß weswegen noch. Sobald sie dich nur riechen, bemächtigen
sie sich deiner und lassen dich nicht mehr los. Allen voran Boris,
der selbst ein halber Dalmatiner war. Oft erzählte er mir, dass
seine einzigen schönen Erinnerungen aus der Kindheit mit den seltenen
Besuchen bei der Familie seiner Mutter in Dalmatien verbunden
waren. Natürlich redete er von dem Zustand vor diesem Krieg. Von
einer Situation, wo wir um fünf Uhr früh in der Belgrader Skadarlija
im Chor "Marjane, Marjane" gesungen haben (dank mir
und einer Wette, da mir niemand von den dortigen Musikanten glauben
wollte, dass ich als Dalmatiner fehlerfrei den serbischen Uzieko
kolo spielen konnte und dazu noch auf einer Bassgitarre. Beim
Militär lernte man allerhand). Und natürlich wurde schonungslos
getrunken. Und was war uns geblieben aus dieser Zeit? Keine Ahnung.
Wahrscheinlich existieren jetzt nur noch Serben und Kroaten, während
die Belgrader, Dalmatiner und alle, die ein bisschen anders geraten
waren, vielleicht erst ein paar Jahre nach dem Krieg wieder auferstehen.
Vielleicht! So lange werden einige von ihnen etwas davon im Gedächtnis
behalten und sehen, wie sie damit nach dem Krieg zurechtkommen.
Was wiederum davon abhängt, was jeder von ihnen in diesem Krieg
erlebt hat.
"Robi, es ist Zeit, wir müssen gehen", sagte Aca, von
den Drinks ein wenig stammelnd.
"He, Robi", meldete sich Boris zu Wort. "Geh, nimm
bevor wir gehen die Gitarre und singe diesem Idioten das Lied
›Bin an der Donau aufgewachsen‹. Tagelang liegt er mir in den
Ohren, dass er es noch einmal von dir hören muss, koste es was
es wolle."
"Wirklich?", sah ich Aca fragend an.
"Ach", seufzte Aca. "Ich würde es gerne noch einmal
von dir hören, aber lass es lieber sein. Jemand könnte es hören
und dann bist du dran. Oder aber du singst es mir leise in Ohr,
nur für's Herz."
"Hol's der Teufel. Warum denn nicht? Niemand lebt zweimal,
auch ich nicht", murmelte ich. Ich stand vom Tisch auf, stützte
mich irgendwie auf meine krummen Heldenbeine, nahm die Gitarre,
setzte mich neben Aca und dann begannen wir zusammen leise zu
singen: Bin an der Donau aufgewachsen, habe Karpfen gefangen,
Schiffe begleitet und herrliche ferne Träume geträumt. Ach Donau,
du Donau, mein Herz ist bei dir geblieben. Ach Donau, mein Herz
ist bei dir geblieben …
Wir beendeten das Lied. Unsere Augen waren getrübt von unseren
Tränen und Gefühlen, vom Trinken und ein bisschen von allem zusammen.
"Und jetzt sing noch für diesen kleinen Idioten ›Verzeih
mir, Papa‹. Für seinen Alten, den Serben, hört er sich dalmatinische
Lieder an und für die alte Dalmatinerin, seine Mutter, serbische.
Total verrückt, aber sing es ihm, damit wir dann abhauen können",
sagte Aca leise.
"Von mir aus", antwortete ich und sang ihm dieses Lied
von Oliver und seinem Papa.
Es war gegen fünf Uhr früh, als ich sie mit meinem Opel in die
Nähe der Kaserne fuhr, von wo aus sie sich selbst zurechtfinden
konnten. Eigentlich wollten sie überhaupt nicht, dass ich sie
fuhr, damit mich niemand mit ihnen sehen konnte, worin ich aber
nicht einwilligte. Ich war ohnehin so betrunken, dass mir alles
egal war. In diesem Augenblick hätte mich jedermann sehen und
es hätte allerhand passieren können, weil sowieso alles und damit
auch meine Vernunft und mein Verstand außer Kontrolle geraten
waren. In dieser regnerischen Herbstnacht war einfach alles egal.
Langsam fuhr ich durch die nur spärlich beleuchteten, nassen und
leeren Straßen nach Stoja. Etwa einen halben Kilometer vor der
Kaserne sagte mir Aca, ich solle in irgendein Wäldchen einbiegen,
wo sie aussteigen würden und dass ich in die Wohnung zurückfahren
solle. Ich bog ein und blieb dann stehen. Dann stellte ich den
Motor ab und schaltete die Lichter aus. Alle drei stiegen wir
aus dem Auto, während der Regen weiterhin unaufhörlich nieselte.
Wir standen unter einem Baum, wobei es mir im Dunkeln schien,
dass es sich um eine weit verzweigte Kiefer handelte. Ich war
mir aber nicht sicher.
Wir sahen uns an. Dann umarmte mich zunächst Aca und anschließend
auch Boris und so blieben wir stehen und weinten leise. Ich weiß
nicht wie lange. Vielleicht eine Minute, vielleicht aber auch
eine Ewigkeit. Dann murmelte Aca etwas.
"Was hast du gesagt?", fragte ich ihn.
"Ich habe dem Kleinen gesagt, dass wir jetzt gehen müssen.
Also, Kleiner, reiß dich los! Gehen wir!"
Er nahm Boris an die Hand und zog ihn mit sich. Sie verschwanden
in der Dunkelheit. Ich blieb allein. Ich setzte mich auf die Kühlerhaube,
zündete mir eine Zigarette an und starrte in die Dunkelheit, in
das Gebüsch, hinter das sie verschwunden waren. Eine ungeheure
Leere verbreitete sich wie eine Flutwelle in meinem Körper, ergriff
meine Brust, meinen Kopf. Ich zündete mir noch eine zweite Zigarette
an. Die Stille wurde nur durch das Geräusch des Regens unterbrochen.
Alles schien absurd und sinnlos. Und zugleich auch leer. Mich
schmerzte diese fürchterliche Kraft der Absurdität, welche so
leicht über unsere Schicksale herrschte und mit ihnen spielte.
Wie ein betrunkener Milliardär mit seinen Jetons, die ihm außer
einem augenblicklichen Vergnügen, das er sich aus reiner Müßigkeit
gönnte, absolut nichts bedeuteten. Ich versuchte, mir etwas Vernünftiges
auszudenken, mich in Bewegung zu setzen und zum Auto zurückzugehen,
irgend etwas, aber es war alles umsonst. Ich saß völlig verloren
auf der Kühlerhaube, während mein Verstand es einfach ablehnte
zu reagieren. Nichts. Ich starrte nur vor mich hin und hörte den
Regen rieseln. Noch bevor ich die zweite Zigarette zu Ende geraucht
hatte, geriet ich außer mir. Ich warf sie ins Gras und trat sie
mit dem Fuß aus. Dann schlug ich voller Verzweiflung mit der rechten
Faust und mit aller Kraft auf die Kühlerhaube. Ein fürchterlicher
Schmerz durchströmte meine ganze Hand. Ich wollte mich setzen,
fiel neben dem Auto zu Boden, ins nasse Gras, fasste mich an den
Kopf und begann laut zu weinen.
II
Zwei Tage später saß ich im Kaffeehaus. Es befand sich im Erdgeschoss
des Gebäudes, in dem ich wohnte. Das Café gehörte meinem Freund
Mario, der sich nach zehn Jahren wieder dem Gastgewerbe zugewandt
hatte, wobei er das Lokal mehr für seine persönlichen Bedürfnisse
und die seiner engsten Freunde, als für andere Gäste nutzte. Eigentlich
ähnelte es durch sein Aussehen und die Zusammensetzung seiner
Gäste mehr einer Soldatenkantine als einem Kaffeehaus, wie sie
in dieser Stadt üblich sind. Im Café waren nur wir zwei, wie es
in den späten Nachmittagsstunden dieses Herbstes oft der Fall
war.
Mario habe ich vor vielen Jahren kennen gelernt, gleich nachdem
ich nach Pula gekommen bin, als er Besitzer irgendeines Schiffscafés
war, das eher die Bezeichnung Bordell verdient hätte, falls dieser
geschätzte Begriff in diesem Land erlaubt gewesen wäre. Oder im
vorherigen Staat, ganz egal. Was die Scheinmoralität und die Entrüstung
gegenüber solchen Phänomenen anbelangte, hat sich mit der Errichtung
des neuen Staates nichts geändert. Im Gegenteil! In diesen Gegenden
hat man sich bisher über alles mögliche entrüstet, außer wenn
jemand auf seine Nachbarn oder Freunde schoss, wer immer diese
auch waren (ausgenommen jene Zeit, als wir noch alle Brüder waren,
obwohl es mir scheint, dass es zum Verständnis dieser großen und
für den Durchschnittsmenschen untypischen Bruderliebe äußerst
lehrreich wäre, die mentale Verfassung vom Erschaffer dieses merkwürdigen
Phänomens zu ergründen). Oder es handelte sich um ein für diese
Region typisches Stereotyp. Wenn dem so war, dann wurde es in
letzter Zeit verdammt aktuell.
Wie auch immer, Mario hatte mit diesem seinem Café Schiffbruch
erlitten (was die logische Folge der Tatsache war, dass gerade
er der verschwenderischste Gast des eigenen Objekts war, was auch
immer es dargestellt hatte). Anschließend heiratete er, wobei
auch diese Ehe in die Brüche ging (es gelang ihm nicht, sich rechtzeitig
anzupassen, wozu ihm nach eigener Überzeugung nur wenig fehlte)
und er anschließend einige Jahre irgendwo in Österreich und Deutschland
verbrachte, wobei nur Gott weiß, was er dort alles tat. Schließlich
kehrte er diesen Sommer zurück, um dem "Vaterland zu helfen",
wie er es selbst ausdrückte. Als Beginn seiner Befreiungsaktivitäten
eröffnete er dieses Kaffeehaus. Er pachtete es, hängte eine große
kroatische Fahne hinaus (genauer gesagt deckte er den ganzen Plafond
damit ab und soweit ich mich erinnere, benötige er einen Monat,
um die Fahne zu beschaffen, da es sich um keine Konfektionsgröße
handelte. Jemand hatte sie ihm auf Wunsch und gemäß seiner Eingebung
zurechtgeschneidert). Hier versammelten sich die Freiwilligen
für den Fronteinsatz oder die Rückkehrer von der Front, während
er sich jeden Tag vornahm, selbst an die Front zu gehen. Bisher
war er noch nicht weggegangen, aber wie ich ihn kannte, war dies
nur eine Frage der Zeit, da er sämtliche Ersparnisse, die er vor
einigen Monaten in das Café investiert hatte, beinahe schon versoffen
hatte (zum einen Teil selbst, zum anderen Teil mit einer auserwählten
Gesellschaft, besonders nach Mitternacht, wenn das Kaffeehaus
für die Öffentlichkeit geschlossen war, wenn ausschließlich patriotische
Lieder gesungen wurden und in unmessbaren Mengen getrunken wurde.
Alles selbstverständlich ohne Bezahlung), womit für ihn alle Bedingungen,
die Uniform anzuziehen und sich an die Front zu begeben, erfüllt
waren.
Sein Leben verlief ohnehin seit jeher von heute auf morgen, wobei
die Jahre keine Auswirkungen auf sein mentales Gefüge zeigten,
dafür aber umso tiefere Spuren an seinem Aussehen hinterließen:
Ergraute und teilweise schüttere Haare sowie große Poren im Gesicht
sprachen hinreichend für sich selbst. Trotzdem war er neben Toni
der Mensch, mit dem ich in den frühen zwanziger Jahren die meiste
Zeit verbrachte, in der wir über das Leben und dessen Sinn sprachen,
mit Rücksicht darauf, dass er eloquent und belesen war, gar nicht
zu reden von seiner Lebenserfahrung. Zumindest schien es mir so
aus meinem damaligen Verständnis der Lebensphilosophie.
Er schenkte sich einen doppelten Tequila ein. Er bevorzugte den,
seitdem er aus dem Ausland zurückgekehrt war, in der Annahme,
dadurch teilweise einen Beitrag zu seiner Europäisierung zu leisten,
indem er immer den zweifellosen Unterschied zwischen dem Tequila
und dem Cognac von Badel hervorhob, welchen er früher trank. Gleichzeitig
ignorierte er die Tatsache, dass sich das Land seiner Herkunft
weit außerhalb Europas befand, wobei er betonte, dass der Tequila
gerade jetzt im übrigen Europa im Trend sei und wir natürlich
diesen positiven europäischen Trends folgen müssten. Vor allem,
wenn man davon ausging, dass wir immerhin eines der ältesten und
damit natürlich auch kultiviertesten Völker in Europa seien. Damit
wiederholte er, was man täglich mindestens ein dutzend Mal in
den Meldungen der öffentlichen Medien wie Rundfunk, Fernsehen
und Presse hören und lesen konnte.
Es hätte aber auch von ihm selbst stammen können, wenn man bedachte,
wie viel davon er überhaupt aus den Medien kannte. Obwohl ich
ab und zu Krle_ zitierte, dass uns Gott vor der kroatischen Kultur
und dem serbischen Heldentum bewahren möge, dass es vielleicht
klüger wäre, einen anderen europäischen Trend zu wählen, der nicht
unbedingt mit starken Drinks verbunden war (falls das mit dem
Tequila überhaupt stimmte, woran ich meine tiefsten Zweifel hegte),
beharrte er weiterhin auf seinen Ansichten. Für andere Trends
hatte es Zeit. Wenn wir uns erst einmal befreit und demokratisiert
hätten, könnten wir uns auch diesen anderen widmen, wenn es unbedingt
sein musste (letzteres habe ich der Ordnung halber hinzugefügt,
da ich den Eindruck habe, dass der Übergang von diesem auf andere
Trends nicht so leicht vor sich gehen wird, aber wenn einmal der
Krieg beendet ist, werden wir schon irgendwie auch diese neuen
europäischen Strömungen erhaschen). So viel zu den europäischen
Trends.
"Willst du auch einen Kaffee?", fragte er und schob
mir eine Cola über die Theke, die ich in letzter Zeit üblicherweise
getrunken hatte.
"Danke, nur eine Cola. Ich habe genug vom Kaffee, heute waren
es mindestens zehn. Auch von der Cola ist mir schon übel, aber
es ist bloß, dass ich etwas trinke."
"Oh Mann, mir ist noch nicht klar, wie du es geschafft hast,
völlig mit dem Trinken aufzuhören! Ich kann das nicht, und außerdem
habe ich keinen Grund, damit aufzuhören. Wozu auch? Alles habe
ich im Leben für das Vergnügen und die Frauen gegeben, wenn ich
jetzt auch noch dem Vaterland einen Dienst erweise, habe ich nichts
mehr, dem ich nachtrauern muss. Wenn dann auch noch irgendeine
Blondine unter fünfundzwanzig dazu kommt, habe ich Gott am Bart
erwischt. Und du? Du hast immerhin auch eine Ehe und vieles andere
vermurkst. Sogar zwei Ehen, wie ich höre. Alle Achtung! Ich dachte,
dass du dich niemals an eine binden wirst und dann gleich zwei
Ehen nacheinander. Und beide verpfuscht du. Wozu zum Teufel hast
du dir das eingebrockt?"
"Was weiß denn ich?", antwortete ich unbestimmt. "Um
dir der Reihe nach auf deine Fragen zu antworten: Hm. Also, zu
trinken habe ich aufgehört oder im Großen und Ganzen aufgehört,
weil es mir einfach nicht mehr behagte und mich auch störte. Wirklich!
Jeden Augenblick bleibe ich mit irgendeiner Gesellschaft irgendwo
hängen und dann tagelang dieser Katzenjammer. Weißt du, wann man
aufhören muss zu trinken? Natürlich hast du keine Ahnung, du hast
ja nie damit aufgehört und beabsichtigst es in diesem Leben auch
nicht. Egal, du musst aufhören, wenn du am nächsten Tag mit einem
Riesenkater aufwachst und physisch einfach nicht im Stande bist,
dieses famose zusätzliche Gläschen auszutrinken, das dir nach
dem Motto ›Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil‹ wieder
auf die Beine hilft, wie man so schön sagt. Und wenn dir das einige
Male hintereinander passiert, kannst du es einfach nicht mehr
hinunterschlucken."
"Warum nicht?", fragte Mario besorgt.
"Du kannst es einfach nicht", antwortete ich. "Es
geht nicht und damit basta!"
"Das ist wirklich scheußlich", sagte Mario verständnisvoll.
"Brrrr!", schüttelte er sich. "Wirklich scheußlich!"
"Ich sag's dir doch", lachte ich über sein besorgtes
Gesicht. Offensichtlich stellte er sich vor, wie es war, wenn
man sich in so einer unangenehmen Situation befindet.
"Was das Vergnügen und die Frauen anbelangt, weißt du nur
zu gut, wie wir gelebt haben. Offen gesagt, ich weine der Vergangenheit
keine einzige Minute nach. Es kommt mir vor, als ob alles, was
wir damals getan haben, irgendeinen Sinn gehabt hat. Das Vergnügen,
die Frauen, die Saufereien und alles. Das hat eben zu diesen Jahren
gehört. Und heute? Vielleicht bin ich auch schon ein bisschen
müde geworden. Wahrscheinlich habe ich weder Kraft noch Lust für
ein solches Leben und es scheint mir, als wäre dies auch nicht
mehr möglich. Zumindest nicht so, wie wir es damals gemacht haben.
Du hörst einfach auf, etwas zu tun, wenn du nichts Schönes mehr
daran findest. Jetzt lebe ich in einer unverbindlichen Beziehung
mit einer Frau, die glücklicherweise nicht in Pula wohnt. Einmal
sind wir zusammen, dann wieder nicht und so geht es eben. Das
einzig Wertvolle, was mir geblieben ist, sind meine beiden Kinder.
Aus jeder gescheiterten Ehe eines, ein Sohn und eine Tochter,
die ich vergöttere und von denen ich hoffe, dass sie mir gegenüber
dasselbe fühlen. Für Nachfolger habe ich also gesorgt und was
soll mir eine neue Ehe noch bringen? Spaß beiseite, aber so läuft
es eben ab."
"Wie hast du dich überhaupt zu diesen Ehen überreden lassen?
Was wolltest du damit?"
"Dasselbe wie du mit deinen. Du ermüdest von deinem Leben,
den verlorenen Nächten, die du durch durchschlafene Tage ersetzt,
den Frauen, deren Namen du dich nach einigen Tagen nicht mehr
entsinnen kannst, selbst wenn dein Leben davon abhängt und du
siehst andere um dich, die ein normales Leben führen, was immer
das auch bedeutet. Du hast es satt, immer in fremden Betten oder
allein in deinem eigenen aufzuwachen, oder bestenfalls mit einer
Frau, die du am liebsten vergessen willst, noch bevor sie zur
Tür hinausgeht. Und in einem solchen Zustand platzt dir eines
Tages der Kragen und du sagst dir: Ich kann es schaffen! Wenn
es andere können, kann ich es auch."
"Dieser Teil kommt mir bekannt vor", fiel mir Mario
ins Wort.
"Zweifellos," sagte ich. Und dann schickt dir Gott irgendeine,
von der du glaubst, dass sie anders ist als die anderen und du
sagst dir: das ist es! Du versuchst es, eine Zeit lang geht es,
es kommt auch ein Kind und dann ist es aus. Du kommst zu dem weisen
Schluss, dass es doch nicht das ist, was du dir vorgestellt hast
und dass dich alles zusammen zumindest doppelt so viel ermüdet
wie die vorherige Situation, da du natürlich die schlechten Seiten
von früher inzwischen vergessen oder verdrängt hast. Egal, du
siehst im Großen und Ganzen ein, dass du dich nur physisch in
der Ehe befindest und dass du das liebe Frauchen nicht einmal
mehr hörst, dass du ihr nicht zuhörst, nur mit dem Kopf nickst
und darauf wartest, zu gehen. Und wenn du keine Kraft mehr hast,
mit dem Kopf zu nicken, dann gehst du einfach."
"Und das ist dir zweimal passiert", konstatierte er.
"Nur für den Fall", murmelte ich. "So festigst
du den Lehrstoff. Sicher ist sicher. Eigentlich überlegst du beim
ersten Mal, ob du eine falsche Wahl getroffen hast oder ob die
Schuld bei der Frau liegt. Und dann versuchst du es eben ein zweites
Mal, bis du begreifst, dass das Problem bei dir liegt und nicht
bei ihr, was nebenbei bemerkt eine deprimierende Erkenntnis ist,
da dir jetzt bewusst wird, dass du, was Ehen anbelangt, dein Leben
lang zum Scheitern verurteilt bist. Dass du nicht genug Nerven
hast, um mit einer die kupferne geschweige denn silberne, goldene
oder sonstige Hochzeit zu feiern. Und damit Schwamm darüber."
"In Anbetracht deiner Jugend hast du diese Lebensphilosophie
natürlich ein wenig vereinfacht", lachte Mario. "Irgendwie
klingt mir das zu simpel und zu leicht, besonders weil ich dich
von früher her kenne. So viel ich mich erinnere, verwandelten
sich die meisten deiner früheren, länger als sieben Tage dauernden
Verbindungen regelmäßig in kleine Dramen und auf jede der wesentlichen
Fragen des Lebens hattest du mindestens drei Antworten. Und jetzt?"
"Offenbar waren alle drei falsch", antwortete ich. "Weißt
du, wenn du jung bist, denkst du immer, du hättest Hunderte von
Möglichkeiten. Mit den Jahren fällt dann eine nach der anderen
weg, die Auswahl wird immer enger und schließlich hast du überhaupt
keine Wahl mehr. Bei dem einen kommt es früher und beim anderen
später. Du erwartest und hoffst immer weniger. Das ist ein proportionales
Verhältnis. Und dann gibst du eines Tages die Hoffnung auf und
es ist dir alles egal, weil du ganz einfach nichts mehr zu verlieren
hast."
"Immer hast du etwas zu verlieren. Immer! Die Frage ist nur,
ob du dir dessen bewusst bist oder nicht. Überhaupt du. Du bist
doch hoffentlich noch nicht in der Phase, wo du nichts zu verlieren
hast?", fragte er besorgt. "Mensch, du bist doch erst
dreißig und etwas."
"Natürlich nicht, aber du verlangst, dass ich dir genau erkläre,
was mir passiert ist, oder genauer, was mir passiert. Nun das
tue ich gerade. Und ich hoffe aufrichtig, dass ich mich noch nicht
in dem Stadium befinde, wo ich nichts mehr zu verlieren habe,
aber wenn du mich jetzt fragst, woran mir wirklich gelegen ist,
könnte ich dir darauf nur schwer eine klare Antwort geben. Außer
den Kindern natürlich, aber verdammt noch mal, ich lebe doch nicht
ihr Leben und sie nicht meines, trotz aller Verflechtungen und
die gegenseitige Verbindung dieser Leben. Es kommt mir vor, als
befände ich mich dank meiner weisen Entscheidungen in einer klassischen
Lebenssituation: Ich weiß, was ich nicht will, aber ich weiß nicht,
was ich will. Man muss lernen, mit den kleinen alltäglichen Dingen
zu leben, dann ist alles leichter. So behaupten es zumindest alle.
Wenn du immer nur darauf wartest, dass dir etwas Großes und Bedeutendes
passiert, verbringst du dein Leben mit Warten. Und wie kann man
dieses Große und Bedeutende erkennen, selbst wenn es eintreffen
sollte, wenn du gar nicht weißt, was du eigentlich willst?"
"Ich glaube nicht an diese großen Dinge", sagte Mario,
indem er sich ein neues Glas Tequila einschenkte. "Erstens,
auch wenn sie passieren, würde ich sie wahrscheinlich nicht einmal
dann erkennen, wenn ich mit der Nase auf sie stoße. Und zweitens,
vom ersten Fall ausgehend wäre es besser, dass mir das gar nicht
passiert, weil ich es wie üblich zu spät begreifen würde, wie
alles andere Wertvolle im Leben. Und dann würde mir nichts anderes
übrig bleiben, als meine Dosis Tequila zu erhöhen, um irgendwie
zu überleben und weiter zu machen. Drittens, was ebenfalls von
ziemlicher Bedeutung ist, bin ich mit dem Tequila bereits an der
Risikogrenze angelangt, so dass die beiden ersten Fälle inakzeptabel
sind."
"Wahrlich, jeder Kommentar zu deinen Bemerkungen scheint
mir unangebracht, so dass ich mich zurückhalten werde, einen vierten
Grund zu erörtern", sagte ich.
"Hol's der Teufel, die Zeiten sind vorbei, als ich mir selbst
Irrtümer verkauft habe. Du weißt, dass ich nicht das Zeug für
Geschäftemachereien habe, schon gar nicht dieser Art. Zum Schluss
findest du dich damit ab und es ist wie es ist. Aber hör zu, was
dich betrifft, denke ich anders. Du scheinst mir irgendwie relativ
normal, so dass ich der Meinung bin, dass du erfolgreich gewesen
wärst, wenn du die richtige Frau gefunden hättest", versuchte
mich Mario zu trösten.
"Worauf liegt die Betonung?", fragte ich ihn lächelnd.
"Auf dem Wort ›relativ‹ oder auf ›normal‹? Wie auch immer,
ich stimme dir zu, dass ich vielleicht erfolgreich gewesen wäre,
wenn ich die Richtige gefunden hätte. Was bleibt mir auch anderes
übrig? Ich werde doch nicht öffentlich verkünden, dass das Problem
bei mir liegt. Das möchte ich auch mir selbst nicht eingestehen,
geschweige denn den anderen. Lieber werde ich warten wie alle
gewöhnlichen Sterblichen, damit Gott mich doch einmal angenehm
überrascht."
"Wie kannst du dann mit mir darüber sprechen, wenn du nicht
bereit bist, es dir selbst einzugestehen. Was soll das heißen?
Dass es so ist, als würdest du zu einer Wand sprechen, wenn du
mit mir redest?", fragte er in einem beinahe zankhaften Ton.
"Wenn du meinst. Ob ich es dir sage oder nicht, es ändert
sich ja doch nichts, nicht wahr? Es hinterlässt bei dir sicher
keinen übertriebenen Eindruck und du wirst nicht darüber nachdenken,
ob ich Recht habe oder nicht. Du hast einfach genug von deinen
eigenen Fehlern, wie du es ja selbst vorher gesagt hast. Wahrscheinlich
wirst du auch dieses Gespräch vergessen, sobald es beendet ist.
Ist es nicht so?"
"Wahrscheinlich ja", murmelte er versöhnlich.
"Na, siehst du? Würde ich dies irgendeinem hoffnungsvollen
Geschöpf sagen, würde es sich aus wer weiß welchen Gründen tagelang
damit herumquälen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht bedeutet
das auch anderen heutzutage nichts, aber vielleicht stimmst du
mir zu, das dies zumindest kein übliches Thema ist, um die Zeit
tot zu schlagen. Wenn wir aber davon ausgehen, dass doch jemand
darauf reagiert und dieser Jemand, Gott behüte, noch dazu eine
Frau ist und es ihr einfällt, dass gerade sie es ist, die dir
schließlich beweisen wird, dass die Ehe sehr wohl einen Sinn hat,
natürlich mit ihr, dann hast du alle Aussichten, wieder von vorne
zu beginnen. Und das fällt mir am schwersten. Ich brauche nämlich
im Laufe der Zeit viel länger, um an Wunder zu glauben und immer
weniger, um anschließend von ihnen enttäuscht zu werden. Jeder
Anfang verzaubert dich, verheißt dir den siebten Himmel, einmal
mehr, einmal weniger, und dann schleicht sich unhörbar, beinahe
diebisch, die Monotonie ein und anschließend diese bekannte Form
der Sättigung und plötzlich wachst du im neunten Kreis der Hölle
auf. Hm. Eigentlich überlistet dich dieser Anfang immer wieder.
Er verführt dich zu falschen Entscheidungen, die du später ordentlich
in Form von Alimenten und ähnlichen Späßen abzahlst. Wenn dem
schon so ist, sollte man versuchen, zumindest ohne diese letzten
Vergnügungen zu leben. Irgendwie scheint es dann leichter zu sein."
"Hol's der Teufel", brummte er. "Es kommt mir vor,
als gingen wir so den Weg des geringsten Widerstands. Sobald es
nicht so läuft, wie wir wollen, was ja meist der Fall ist, suchen
wir das Weite. Weißt du, was meine Frühere immer gesagt hat? So
viel wie du gibst, so viel wirst du in der Ehe auch bekommen.
Und so sehr ich mich in meiner Ehe auch bemüht habe, ich kam gar
nicht dazu, etwas zu nehmen, geschweige denn, etwas zu geben.
Am Ende nannte sie mich einen emotionalen Krüppel und verließ
mich. Natürlich mit vollem Recht. Ich würde für mich noch irgendein
Beiwort hinzufügen, aber ich schäme mich. Nun gut, hol' sie der
Teufel, es hätte ja irgendeine sein können. Aber wenn du nichts
gibst und dich auch nicht bemühst, ist es nur normal, wenn sie
dich in die Wüste schickt. Und dann gehen wir noch dazu als irgendwelche
Sieger ab. Verdammt", seufzte er, "wenn das ein Sieg
sein soll, wie sieht dann erst eine Niederlage aus? Hör zu, dieses
Gespräch bedrückt mich, wir haben doch schon im Voraus gewusst,
wie wir enden werden. Zumindest ich. Du kannst es ja noch ein
drittes Mal versuchen. Man sagt, dass Gott einem beim dritten
Mal hilft, obwohl ich mir nicht gerade sicher bin, dass er sich
in deinem Fall an diese Reihenfolge halten wird. Vielleicht beim
siebten, achten Mal, wenn du keine andere Wahl mehr hast, wie
du vorhin selbst gesagt hast. Soll doch alles der Teufel holen.
He, weißt du, dass ich dieser Tage an die Front gehe?"
"Du bist wirklich ein Genie!", begann ich zu lachen.
"Ganz einfach ein Genie. Weißt du, mich hat schon immer deine
Fähigkeit begeistert, ein schwieriges Thema durch ein noch schwierigeres
zu ersetzen. Ein Gespräch mit dir entspannt so, dass man nachher
weder die Getränkeindustrie noch andere entspannende Mittel bemühen
muss. Von deinem Fronteinsatz weiß ich nichts, ich hätte es aber
ahnen können."
"Warum?", fragte er misstrauisch.
"Einfach so", antwortete ich unbestimmt. "Wahrscheinlich
bist du reif dafür. Nach all den Flaschen Tequila, die du in diesen
Monaten ausgetrunken hast und nachdem du tausend Mal dieses Ustascha-Lied
›Jura und Boban‹ gehört hast, bist du entweder reif für die Front
oder für das Irrenhaus. Da die meisten Napoleons und anderen Insassen
bereits aus dem Irrenhaus in ein verlängertes Wochenende entlassen
wurden, um dieses an der Front zu verbringen, ist es nur sinnvoll,
wenn du dich auch dorthin begibst. Logisch, nicht wahr?"
"Scheiße, deshalb bin ich ja zurückgekommen", sagte
er. "Und das Geld habe ich auch im Großen und Ganzen verprasst,
was soll ich also noch hier?"
"Du könntest zur Abwechslung damit beginnen, dass man dir
die Getränke bezahlt", bemerkte ich.
"Ach, du kennst mich doch", meinte er resigniert. "Wie
soll ich von den Jungs verlangen, dass sie auch noch bezahlen,
wenn es für sie vielleicht der letzte Drink ist?"
"Red' keinen Blödsinn", zischte ich. "Für Einige
wird das nicht der letzte Drink sein. Eher hast du sie auf dem
Gewissen, weil sie bei dir lebenslängliche Alkoholiker geworden
sind. Nicht einmal Gott wird sie mehr kurieren können."
"Soll doch alles der Teufel holen", erwiderte er und
schenkte sich noch ein Glas ein. "Du willst nichts? Nun auch
gut. Aber ich wollte dich etwas fragen und bin nur wegen unserem
Geschwätz nicht dazugekommen. Ich sehe, dass du dir die Hand verletzt
hast, wenn man sie dir sogar eingegipst hat", sagte er und
zeigte auf den Gips an meiner rechten Hand.
"Ich habe dir doch gesagt, dass ich auf der Stiege ausgerutscht
bin und mir irgendein Knöchelchen gebrochen habe. Und dann haben
mir diese Idioten gleich einen Gips verpasst und das ist alles",
antwortete ich ruhig.
"Und wer hat dein Auto so zugerichtet?", fragte er.
"Ich habe gehört, dass dir jemand die Kühlerhaube verbeult
hat."
"Keine Ahnung", antwortete ich. "Irgendein Irrer,
was weiß ich. Wahrscheinlich wegen des Zagreber Kennzeichens,
das ich noch nicht durch eines von Pula ersetzt habe."
"Da bist du ja noch einmal gut davongekommen", bemerkte
er und trank langsam seinen Tequila aus. "Er hätte dir das
Auto ja völlig kaputtmachen können und wen könntest du denn heutzutage
dafür verantwortlich machen. Nur den lieben Herrgott!"
"Ich bin wirklich ausgezeichnet davongekommen. Es hätte nicht
besser ausgehen können", murmelte ich.
"Sollen wir das Thema wechseln?", fragte er. "Gehst
auch du an die Front? Du könntest dich dort sehr nützlich machen."
"Worauf du dich verlassen kannst!"
"Geh zum Teufel, ich meine es ernst", fuhr er fort.
"Du warst doch jahrelang beim Militär, bist ausgebildet,
kannst mit der Waffe umgehen und schließlich hast du gelernt wie
man Krieg führt, verdammt noch mal! Ich weiß doch, dass du seinerzeit
diesen speziellen Taucherkurs mitgemacht hast. Damit könntest
du als Unterwassersaboteur eingesetzt werden oder etwas ähnliches."
"Du bist doch nicht normal. Weißt du, wann ich zum letzten
Mal getaucht habe? Vor ein, zwei Jahren, als mich irgend so ein
Idiot zufällig ins Meer gestoßen hat, weshalb er sich nachher
allerhand von mir anhören musste. Weißt du auch, wie viele Jahre
seit diesen Kursen und all dieser Scheiße vergangen sind? Ich
könnte nicht einmal mehr dieses Loch von einem Café zertrümmern,
geschweige denn in der Lika oder sonst wo einen Rambo spielen."
"Was soll dann erst ich sagen, mit meinen Jahren auf dem
Buckel?", fragte er.
"Du hast eine natürliche Begabung, irgendeine Scheiße zu
bauen", antwortete ich. "Wenn dich ein Wutanfall packt,
wärst du sogar fähig, eine kleinere Revolution in einem Altersheim
anzuzetteln, was du aber zum Glück nicht tun wirst, da du wahrscheinlich
kein hohes Alter erleben wirst."
"Oh, vielen Dank!"
"Ich glaube nicht, dass du in diesem Krieg umkommen wirst,
falls du das gedacht hast", verbesserte ich mich. "Aus
gänzlich anderen, allgemein bekannten Gründen, die ich jetzt nicht
anführen will, scheint es mir, dass du nicht viel Chancen hast,
deinen Ruhestand zu genießen."
"Trotzdem vielen Dank", lacht er. "Aber du musst
zugeben, dass es wert war, all dies zu erleben."
"Das haben wir doch schon ausdiskutiert", bemerkte ich
nachdenklich. "Hm, jetzt erinnere ich mich, dieselbe Sache
dieser Tage schon einmal gehört zu haben."
"Von wem denn?"
"Von jemandem, der alle Chancen hat, so wie du an der Front
zu landen, der aber keine übertriebene Lust zu solchen Abenteuern
hat."
"Jemand von ihnen, unseren früheren Brüdern?", argwöhnte
er. "Hast du noch Verbindung zu ihnen?"
"Hör zu", überhörte ich die Frage, "diese Unterscheidung
zwischen den Begriffen ›unsere‹ und ›ihre‹ scheint mir im Augenblick
völlig klar, logisch und verständlich. Verdammt noch mal, schließlich
ist Krieg, deshalb ist diese Unterscheidung umso verständlicher.
Dann aber geschieht etwas Unvorhergesehenes, so dass ich beginne,
diese Differenzierung auf rein rhetorischem Niveau zu erleben.
Ich weiß, dass dies etwas bizarr klingt, um keinen stärkeren Ausdruck
zu gebrauchen, wenn man in einhundert Kilometer Entfernung von
der Front auf diese Weise darüber denkt, aber egal, momentan kommt
es mir so vor."
"Ich bin mir nicht ganz klar, was du damit sagen willst",
sagte er.
"Schau, wie würdest du jetzt reagieren, wenn Aca in dein
Café kommen würde?", fragte ich ihn.
"Der, dem du Trauzeuge warst? Hol' ihn der Teufel, mit ihm
habe ich ganze Fässer geleert und nicht nur Literflaschen. Übrigens
ist er schon seit Monaten weg, wie ich gehört habe."
"Egal wann er weggegangen ist, nur hypothetisch gesprochen,
was würdest du tun, wenn er jetzt hereinkäme?"
"Wahrscheinlich würde ich für einige Zeit die Sprache verlieren.
Verdammt, ich weiß es nicht", zuckte er mit den Schultern.
"Ich kann mir eine solche Situation ganz einfach nicht vorstellen."
"Und kannst du dir vorstellen, dass morgen eine Situation
eintritt, in der ihr einer auf den anderen schießt?", fragte
ich ihn.
"He, du übertreibst", protestierte er. "Zunächst
einmal kann es dazu nicht kommen, da er in der Marine ist und
ich auf dem Festland kämpfen werde. Oh Mann, außerdem ist Krieg
und da stellen sich solche Fragen nicht. Du verteidigst das Vaterland,
das dir heilig ist, und wer immer es auch angreift, ist dein Feind.
Die Kriegslogik ist äußerst einfach: Entweder töte ich ihn oder
er mich. Und damit basta!"
"Nun gut, sagen wir, dass ich dir zustimme, aber würdest
du auf ihn schießen, wenn sich eine solche Situation ergeben sollte?",
gab ich nicht nach.
"Muss ich wohl, sonst würde er es tun."
"Du würdest ihn also töten?"
"Wie bitte?"
"Ich frage dich, würdest du ihn töten?"
"Geh' zum Teufel!", begann er zu schäumen. "So
kannst du keine Überlegungen anstellen. Würden alle so denken,
wer würde dann noch Krieg führen?"
"Eine gute Frage", bemerkte ich. "Aber sei ohne
Sorge, auf dieser verrückten Welt gibt es genügend Irre, die nicht
so denken, und dass es auf dem Balkan genug davon gibt, darüber
braucht man sich überhaupt keine Sorgen zu machen."
"Du bist nicht fair", begann er sich aufzuregen. "Ich
verteidige mich nur und greife niemanden an. Ich verteidige nur
mein Land. Wenn daher irgend jemand mein Land angreift, und sei
es auch Aca, muss ich es verteidigen. Das Problem liegt nicht
bei mir, sondern bei ihm. Nicht ich bin in Serbien einmarschiert,
um ihn anzugreifen, sondern er ist hierher gekommen und greift
mich an."
"Gut, auch dem stimme ich zu. Aber er ist vor fünfzehn oder
mehr Jahren nach Kroatien gekommen, das er wie sein eigenes Land
erlebt hat und jetzt flüchtet er aus ihm. Und nun gib Acht: Es
ist ihm nicht gelungen zu fliehen, dabei möchte er weder schießen
noch Kroatien okkupieren, aber nun steht ihr euch an der Front
gegenüber."
"Du bringst mich noch um meinen gesunden Menschenverstand",
zischte er erbost, wobei er die Arme ausbreitete. "Natürlich
möchte ich ihn nicht töten, du Idiot, ich würde versuchen, es
irgendwie zu vermeiden."
"Das wollte ich nur hören, sonst nichts", lächelte ich
über sein ernstes Gesicht.
"Ja, aber wie ich schon vom Glück gesegnet bin, würde er
mich gar nicht erkennen und mich wie einen Hasen erschießen",
fügte er hinzu, jetzt bereits besser aufgelegt.
"Nur so viel über Rhetorik, Hypothesen und das Kriegsglück
auf dem Balkan", bemerkte ich resigniert.
"Und was würdest du in der gleichen Situation tun?",
fragte er, wobei